Immigration
Italienische Rentner in Dietikon: Aus Gastarbeitern wurden Pensionäre

Was tun im Alter? Diese Frage beschäftigt viele eingewanderte Italiener. In einer Diskussionsrunde des «Circolo Culturale Sandro Pertini» wurde in Dietikon gemeinsam nach Lösungen für die Anliegen der italienischen Rentner gesucht.

Senada Haralcic
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Viele italienische Gastarbeiter haben sich entgegen ihren ursprünglichen Absichten in der Schweiz niedergelassen.Key

Viele italienische Gastarbeiter haben sich entgegen ihren ursprünglichen Absichten in der Schweiz niedergelassen.Key

Sprachbarrieren, Unklarheiten mit den Finanzen und Einsamkeit – diese Probleme beschäftigen die italienische Rentnergeneration in Dietikon derzeit am meisten. «Es ist für viele schwierig, zurück nach Italien zu kehren, wenn sie teilweise mehr als 40 Jahre in Dietikon gelebt haben», sagte Mario Pingitore, Präsident des «Circolo Culturale Sandro Pertini» in seiner Eröffnungsrede. Das anschliessende Raunen im Saal zeigte, dass er damit den Nerv des Publikums traf.

Pingitore fuhr mit der Problembeschreibung fort. Im Vergleich zu den Einwanderern aus den Fünfziger- und Sechziger-Jahren habe sich etwas verändert. Damals stand die Rückkehr ins Heimatland für fast alle ausser Frage – aktuell sehe es aber anders aus. «Immer mehr Italiener bleiben nach der Rente hier», so Pingitore. Wie es danach weitergehe, sei zwar schon immer ein Thema gewesen, aber aufgrund der stetig wachsenden Zahl Bleibender Einwanderer steige auch die Wichtigkeit ihrer Anliegen: «Es gibt manche, die nicht ausreichend in die Altersvorsorge investiert haben. Oder jene, die im Alter einsam werden und das Haus kaum verlassen, weil sie kein Deutsch sprechen.»

Erst wollten sie alle wieder gehen

Der Circolo Culturale Sandro Pertini wurde 1983 in Dietikon gegründet. Vor allem mit kulturellen Veranstaltungen hat der Italiener-Verein die Integration seiner Mitglieder gefördert. Er holt dazu etwa italienische Operntalente für Konzerte nach Dietikon, veranstaltet Podien rund ums Thema Integration oder bereist mit seinen Mitgliedern italienische Kulturstädte. Bevor Mario Pingitore, der für seine Dienste vom italienischen Staat zum «Cavaliere» ernannt wurde, den Verein gründete, war der Begriff Integration in der Öffentlichkeit noch nicht geläufig. Und auch die meist als Gastarbeiter eingewanderten Italiener wollten ursprünglich wieder zurück in die Heimat. Doch viele blieben. Politisch leistete der frühere Dietiker Stadtpräsident Markus Notter Pionierarbeit für die Integration, indem er erstmals aktiv den Kontakt zur ausländischen Bevölkerung suchte. Dass Dietikon viele italienische Einwanderer anzog, hatte vor allem zwei Gründe: Das Limmattal bot im Zuge der Nachkriegskonjunktur zahlreiche Arbeitsplätze und die Italiener konnten in Dietikon - im Gegensatz zum reformierten Zürich - ihren katholischen Glauben praktizieren. Im Jahr 1970 lebten über 5000 Italiener in Dietikon. Sie arbeiteten etwa in der ehemaligen Salamifabrik Cattaneo, damals die grösste der Schweiz, in der Marmorfabrik oder in der Baumwollweberei am Limmatkanal. Italienische Arbeiter gründeten aber auch ihre eigenen Firmen: So entstanden etwa eine Seidenweberei, ein Comestiblesgeschäft, eine Schlosserei und Schmiede sowie eine Produktion für Masskleidung und Stoffe. Auch mehrere Gaststätten wurden gegründet - italienische Namen zeugen noch heute davon. Seit den Siebzigerjahren nimmt die italienische Bevölkerung in Dietikon wieder sukzessive ab. Dafür sind heute 45 der 340 Mitglieder des Circolo Culturale Schweizer. (huz)

Um Lösungen für die Sorgen der italienischen Rentner zu finden, lud der «Circolo Culturale Sandro Pertini» sieben Gäste aus unterschiedlichen Bereichen zu einer Podiumsdiskussion ein. Unter ihnen war Karl Geiger, der Präsident der Kirchenpflege Dietikon. Als Alt-Stadtrat kenne er die Anliegen und schlage deshalb vor, sich mit dem Seniorenrat zusammenzuschliessen und Informationsabende zu veranstalten, sagte Geiger und fügte hinzu: «Auf Italienisch, wohlbemerkt». Dies galt auch für die Podiumsdiskussion, die grösstenteils auf Italienisch geführt wurde. Geiger, der auf Deutsch referierte, forderte weiter: «Es liegt nun an den unterschiedlichen Institutionen, ihre Angebote auch für die Italiener attraktiv zu gestalten.» Der Präsident der Kirchenpflege betonte aber gleichzeitig, dass die Problematik mitnichten nur eine italienische sei: «Auch wir Schweizer haben Probleme, wenn es um das Pensionsalter und die damit verbundenen Einrichtungen geht.» Er kritisierte, dass beispielsweise auch Schweizer Rentner aufgrund der mangelnden Deutschkenntnisse vieler Pflegerinnen und Pfleger oft vor einer Sprachbarriere stünden – was vom Publikum mit Schmunzeln und vereinzeltem Kopfschütteln quittiert wurde.

Ebenfalls unter den Debattierenden befand sich Dino Nardi. Der Präsident der Schweizer Sektion der «ITAL-UIL», eines vom italienischen Staat mitfinanzierten Instituts für die Unterstützung von Auslanditalienern auf der ganzen Welt, unterstrich die Wichtigkeit, Deutsch zu lernen. «Dies ist schliesslich Teil der Integration», so Nardi, der damit einigen seiner Vorredner widersprach.

Gabriele Olivieri, Gemeinderatsmitglied der CVP, erklärte die oft fehlenden Deutschkenntnisse der Eingewanderten folgendermassen: «Die meisten Menschen können sich zurechtfinden, wenn sie ihre Kinder fragen. Aber irgendwann geht das nicht mehr.» Jetzt müsse man sich mit Institutionen wie der Pro Senectute zusammenschliessen, um den Austausch und Dialog zu fördern, forderte Olivieri. Allerdings ging er ebenfalls auf einen besonderen Wunsch des Publikums ein: «Ich werde mich dafür einsetzen, dass es mit Unterstützung der Stadt Dietikon Informationsabende auf Italienisch gibt.» Denn entsprechende Veranstaltungen auf Italienisch würden sich in der Stadt Zürich bereits grosser Beliebtheit erfreuen. Mit diesem Versprechen erntete der Gemeinderat grossen Applaus.

Andreas Raymann unterstützt als Fachverantwortlicher für «Alter und Migration» der Pro Senectute die Organisation solcher Anlässe in Zürich und er bot auch den Dietiker Italienern seine Hilfe an. «Bei Kaffee und Kuchen könnten Informationsnachmittage veranstaltet werden, bei denen Kontakte geknüpft und Fragen geklärt werden.» Das Publikum regierte wieder mit viel Zuspruch.

Rolf Steiner, Präsident der SP Limmattal, appellierte hingegen an die Zuhörer, nebst den zahlreichen Institutionen auch ihre eigene Kraft zu nutzen: «Ihr macht schliesslich den grössten Teil der Migranten in Dietikon aus», sagte Steiner. Er forderte, dass sich die italienischen Dietiker stärker für ihre Anliegen engagieren. Vorschläge, die Italiener besser in die Altersplanung zu integrieren, sollen dem Stadtrat sowie weiteren Institutionen vorgelegt werden, so Steiner weiter. Die Einführung von Informationsveranstaltungen stand jedoch zunächst bei allen Beteiligten ganz obenauf der Liste. Dabei sollen etwa Fragen über die Kosten eines Pflegeheims auf Italienisch geklärt werden und nicht zuletzt auch neue Bekanntschaften geschlossen werden, um das dritte Lebensalter auch sozial zufriedenstellend und erfüllt zu gestalten.