Noch vor wenigen Jahren haftete Schlieren das Image eines Abfallkübels des Kantons an. Felder vollgestellt mir Gebrauchtwagen prägten gemeinsam mit vielspurigen Hauptstrassen das Stadtbild.

Diese Zeiten sind jedoch längst vorbei. Heute werden Tramschienen verlegt und wohnliche Neubauten in die Höhe gezogen. In den vergangenen Monaten sorgte die Stadt jedoch wieder für Neuigkeiten, die bei vielen nicht gut ankamen. Diesmal ging es nicht um das Erscheinungsbild der Stadt, sondern um ihre Attraktivität für junge Familien.

Im vergangenen Juli protestierten besorgte Eltern dafür, die Überquerung der Bernstrasse an der Engstringerkreuzung für Kindergärtner sicherer zu machen. Drei Mütter und eine Mitarbeiterin der Schule teilen sich seither die Aufgabe, Schüler über die Strasse zu lotsen.

Im November wurde bekannt, dass der beliebte Lehrer Stefan Achermann die Schlieremer Schule verlässt, da er sein IT-Equipment nicht mehr für den Unterricht verwenden darf. 41 Eltern unterzeichneten eine Petition, in welcher der Verbleib Achermanns an der Schule verlangt wird.

Nur wenige Tage später folgte der nächste Schlag. Die IG Familie, die den Familientreff an der ehemaligen Badenerstrasse betreibt, beschloss ihre Auflösung. Der Grund: Es wurden keine Freiwilligen mehr gefunden, die im Verein mitarbeiten.

Mitte Dezember folgte dann die Nachricht, dass die Hort-Kosten für rund 350 Schlieremer Familien um bis zu 123 Prozent steigen. Beim Bezirksrat gingen zahlreiche Rekurse gegen diesen Beschluss ein, sodass der Gemeinderat an seiner Budgetdebatte von Ende Dezember nachträglich Geld sprach.

Und diese Woche wurde bekannt, dass die Stadt für obligatorische Schullager von den Eltern Beiträge von 22 Franken verlangt. Das Bundesgericht aber befand vor gut einem Jahr, das Maximum solle bei 16 Franken liegen. All dies hinterlässt einen fahlen Nachgeschmack bei jungen Familien. Sind sie in Schlieren überhaupt willkommen? Und erleidet die Stadt durch solche Neuigkeiten einen Imageschaden?

«Diese Geschichten haben sicher Auswirkungen auf den Ruf Schlierens», sagt die Präsidentin der FDP-Ortspartei, Barbara Angelsberger, auf Anfrage. «Ja. Die Reputation der Stadt hat gelitten», ist sich Henry Jager, GLP-Präsident, sicher und Jürg Naumann, Präsident des Quartiervereins betont: «Mit solchen Entscheidungen werden negative Signale ausgesendet.»

Messbare Erfolge gefordert

Dass Schlieren generell ein schlechtes Pflaster für junge Familien ist, damit geht keiner der befragten Politiker überein. So verweist Jager darauf, dass in der Vergangenheit Anstrengungen unternommen wurden, die Lebensqualität zu erhöhen. «Bei den Problemen der vergangenen Monate handelt es sich um Auswirkungen schlecht ausgeführter Sparmassnahmen, suboptimaler Kommunikation und mangelhafte Organisation», sagt er.

Nun brauche die Stadt messbare Erfolge: Beispielsweise eine Erhöhung der Gymi-Quote, eine motivierende Personalpolitik oder eben attraktive Hort-Tarife. Den Problemen der letzten Zeit kann er auch Positives abgewinnen. «Unter den Eltern entstand so ein Gemeinschaftsgefühl. Man arbeitete zusammen, um Dinge anzupacken und zu verändern. Das tut Schlieren gut.»

Für Beat Rüst, Präsident der Ortspartei der Grünen, begann die Durststrecke für Junge und Familien schon viel früher. Der erbitterten Kampf, den Anwohner gegen die Skateranlage im Zelgli-Quartier führten, zeige, dass die Bedürfnisse der Jugendlichen nicht Priorität hätten, sagt er. Bezüglich des Endes des Familienvereins bedauert Rüst, dass zahlreiche Arbeiten für das Gemeinwohl an Vereine delegiert würden.

«Beispielsweise der Frauenverein, der den Mahlzeiten-Dienst organisiert und Freizeit Schlieren, der kulturelle Anlässe durchführt. Die Stadt muss für solche Projekte künftig Geld in die Hand nehmen oder gewisse Aufgaben übernehmen.»

Finanzschwache sind betroffen

Dabei fährt der Stadtrat aktuell einen anderen Kurs. Mit einem sogenannten Entlastungsprogramm werden seit rund zwei Jahren Ausgaben gekürzt und Einnahmen erhöht. Genau bei diesem Programm liege das Problem, sagt Jürg Naumann: «Die Umsetzung trifft nur die finanzschwachen Einwohner der Stadt. Es muss mit allen Mitteln bekämpft werden.»

Gleichzeitig würde die Verwaltung mit Lohnerhöhungen bedacht. Als Zeichen des Sparwillens würde es dem Stadtrat gut anstehen, seine eigene Entschädigung zu reduzieren, sagt er weiter. «Bezüglich der Erhöhungen der Hort-Tarife hat es die Stadt über Jahre verschlafen, die Preise nach oben zu korrigieren. Die vollzogene Erhöhung auf einen Schlag war extrem.»

Man müsse auch das Kleingedruckte lesen, sagt Angelsberger. Die Erhöhung der Tarife ist für sie nötig. «Zahlen nicht die Eltern einen höheren Beitrag, muss die Allgemeinheit dafür einstehen. Der einzelne Steuerzahler hat das Nachsehen. Das muss den Leuten bewusst sein.»

Jene Familien, deren Einkommen nahe am Existenzminimum ist, seien von der Erhöhung nicht im gleichen Mass betroffen und können einen Antrag auf Reduktion stellen sagt sie. Für Angelsberger steht fest, dass die Stadt in Dialog mit den Einwohnern, Kindern und Jugendlichen treten muss. «Stadtpräsident Bärtschiger soll Gespräche mit der Bevölkerung am runden Tisch veranstalten, um herauszufinden, was sie wünscht.»

Die Einwohnerinnen und Einwohner müssten aber auch über die Konsequenzen höherer Ausgaben für Hort und Familientreff unterrichtet werden. «Sind die Folgen eine Steuererhöhung, hat das auf den Ruf von Schlieren ebenfalls Auswirkungen. Es liegt nicht nur am Stadtrat, sondern auch an der Bevölkerung zu bestimmen, welche Preisetikette eine Leistung tragen soll.»

Exponenten anderer Parteien glauben nicht, dass der Ruf Schlierens gelitten hat. «Dass derart viele Negativschlagzeilen abgedruckt werden, liegt wohl leider daran, dass die Presse lieber über negative Ereignisse berichtet», meint Walter Jucker, Präsident der SP Ortspartei. «Will man die Probleme gemeinsam lösen, hält sich der Imageschaden Schlierens in Grenzen.»

Dies werde von den Leuten gesehen und verstanden. Dass es den Familientreff nicht mehr gibt, bedauert er. «Meines Erachtens nach sollte man den Menschen wieder vermitteln, dass die Vereinskultur für das Zusammenleben wichtig ist.»

«Noch immer gerne in der Stadt»

Für Andres Uhl (CVP-Präsident) ist alles eine Frage der Kommunikation: «Tritt man früh miteinander ins Gespräch, lässt sich viel wahrscheinlicher eine Lösung finden», sagt er. Schliesslich mache der Ton die Musik. «Zudem wäre es sicher hilfreich gewesen, wenn die Hort-Tarife nicht einfach erhöht worden wären, sondern zuvor eine Diskussion – beispielsweise im Parlament – stattgefunden hätte. Zudem hätte die Erhöhung stufenweise eingeführt werden können» Eine Eskalation wäre so verhindert worden.

Auch EVP-Präsident Robert Welti sieht keinen Grund zur Sorge. «Junge Familien wohnen noch immer gerne in der Stadt. Immerhin sind unsere Schulen ausgelastet.» Die Initiative der Grünen, wonach Eltern weniger an Ferienlager bezahlen sollen, hält er für sinnvoll. «Dass die Stadt die Hortkosten massiv erhöhte, finde ich nicht geschickt. Solche Massnahmen sollten langsam über Jahre hinweg vollzogen werden.»

Seit Jahren hat Schlieren Ghetto-Ruf

«Diese Ereignisse sehe ich nicht als Riesenproblem, sie wurden von mehreren Seiten hochstilisiert», sagt Boris Steffen von der SVP. Er ist sowohl Vorstandsmitglied als auch Gemeinderat. «Familien in Schlieren geht es heute noch immer den Umständen entsprechend gut.» Dem Stadtrat und der Schulpflege fehle in manchen Dossiers schlichtweg der Spielraum.

So handle es sich bei der Bernstrasse um eine Kantonsstrasse, bei der die Stadt nicht mit den Grünphasen der Ampel experimentieren könne. Bezüglich der Hort-Tarife verstehe er den Aufruhr ein wenig, da Mehrkosten immer unangenehm seien. «Die SVP verlangte bereits seit Jahren, die Tarife zu erhöhen. Damals wäre dies in kleineren Schritten möglich gewesen.»

Dennoch habe der Name Schlierens gelitten. «Trotz vielen neuen und guten Projekten kämpft die Stadt seit Jahren mit einem Ghetto-Ruf. Dieser geht nicht so schnell aus den Köpfen raus.»