Ist das Birmensdorfer Schulhaus Reppisch eine architektonische Perle, die man unter Schutz stellen sollte? Ja, sagt die kantonale Denkmalpflege-Kommission, Nein die Primarschulpflege. Bereits entschieden ist ein ähnlich gelagerter Fall in Weiningen. Dort ist der Dorfkern in das kantonale Inventar schützenswerter Ortsbilder aufgenommen worden. Gewisse Gebäude wie das «Schlössli» stehen unter Denkmalschutz.

Als die Aufnahme ins Inventar und später die Unterschutzstellung einzelner Gebäude zur Debatte stand, war man in Weiningen, ähnlich wie in Birmensdorf, nicht nur erfreut. Im Weindorf stellte man sich die Frage: Was bringen geschützte Gebäude der Gemeinde und den betroffenen Eigentümern? Sind sie Fluch oder Segen? Sowohl als auch, lautet die Antwort. Denn mit der Unterschutzstellung gehen in den meisten Fällen auch tief greifende Einschnitte in der Weiterentwicklung einer Ortschaft oder eines Gebäudes einher. Gleichzeitig bieten sich auch Chancen.

Gemeinden sind verantwortlich für kommunale Objekte

Dies hängt mitunter mit den verschiedenen Kategorien von Schutzobjekten zusammen. Gemäss Zürcher Planungs- und Baugesetz gibt es deren zwei, jene von kommunaler und jene von überkommunaler, also regionaler oder kantonaler, Bedeutung. Die Behandlung der kommunalen Objekte fällt in die Kompetenz der Gemeinde. Diese sind verpflichtet, eigene kommunale Inventare zu führen und für entsprechende Schutzmassnahmen zu sorgen.

Die Schutzobjekte von überkommunaler Bedeutung fallen in die Kompetenz der kantonalen Denkmalpflege. Diese führt die entsprechenden Inventare und erlässt gegebenenfalls Schutzmassnahmen. Allerdings steht ein Gebäude, das in ein Inventar aufgenommen wird, noch nicht automatisch unter Schutz. Das Inventar enthält lediglich Objekte, die als Kandidaten für eine mögliche Unterschutzstellung infrage kommen. Ob ein Bauwerk formell unter Schutz gestellt werden soll und wenn ja, in welchem Umfang, entscheidet die zuständige Behörde. Meist geschieht dies im Zusammenhang mit der Einreichung eines Baugesuches.

Recht auf kostenlose Bauberatung

Steht ein Objekt unter kantonalem Denkmalschutz, hat der betroffene Besitzer Anrecht auf kostenlose Bauberatung durch die Denkmalpflege und erhält unter Umständen Beiträge an Restaurierungsarbeiten. Subventionsberechtigt sind jene Arbeiten, welche dem Schutz und Erhalt der historischen Substanz eines Gebäudes dienen. Im Gegenzug ist der Besitzer verpflichtet, sämtliche baulichen Massnahmen mit der kantonalen Denkmalpflege abzusprechen.

Solche Massnahmen können schnell ins Geld gehen. «Wollen wir im ‹Schlössli› Sanierungen vornehmen, schaut die Denkmalpflege sehr genau hin», sagt Weiningens Gemeindeschreiber Bruno Persano. Dies könne kostspielige Arbeiten zur Folge haben. Gleichzeitig würde heute wohl kein Weininger sagen, das «Schlössli» müsse abgerissen werden. «Es ist eine wichtige Begegnungsstätte geworden und ist praktisch das ganze Jahr hindurch für Veranstaltungen ausgebucht», so Persano.

Viele Auflafen bei den Wohnungssanierungen

Ähnlich gelagert sei der Fall bei den unter Schutz stehenden alten Riegelhäusern. Viele Besitzer hätten keine Freude gehabt an den vielen denkmalpflegerischen Auflagen bei den Wohnungssanierungen. Mittlerweile seien diese unter den gefragtesten Wohnungen in Weiningen. «Die schönen Häuser haben auch eine identitätsstiftende Funktion», ist der Gemeindeschreiber überzeugt. Viele Neuzuzüger suchten gerade eine ursprüngliche Umgebung, und dies nur wenige Kilometer vor den Toren Zürichs. «Die geschützten Häuser sind mitunter auch ein wichtiger Standortfaktor», sagt Gemeindeschreiber Persano.

Dies bestätigt Katharina Weber von der Medienstelle der kantonalen Baudirektion: Durch den Denkmalschutz könne die Entstehungsgeschichte einer Gemeinde aufgezeigt werden, sagt sie. Und: «Damit kann sie ihre Eigenheiten und ihre Identität bewahren.» Der Weininger Ortskern sei 2001 als Ortsbild von kantonaler Bedeutung eingestuft worden, damit «die historisch gewachsenen Strukturen des Dorfes gepflegt und über Generationen erhalten bleiben können».

Eigentümer haben keine Freude

Auch in Schlieren, wo schon einige private und städtische Objekte unter Denkmalschutz stehen oder zum Kandidatenkreis zählen, gewinnt man der Unterschutzstellung sowohl positive als auch negative Seiten ab. «Ich kann gut verstehen, wenn betroffene Eigentümer keine Freude daran haben, dass ihr Haus in ein Inventar aufgenommen wurde», sagt Schlierens Bauvorstand Jean-Claude Perrin. Eine spätere Unterschutzstellung könne tief greifende Konsequenzen haben, je nach dem was geschützt werden soll. Es mache einen Unterschied, ob nur ein Detail eines Gebäudes, die gesamte Fassade oder gar der Innenbereich geschützt würde.

Mit einer Unterschutzstellung gehe oft auch eine Wertminderung der Liegenschaft einher, so Perrin. Vor allem bei einer allfälligen Veräusserung sei nur schon eine Inventarisierung preisdrückend. Das Verständnis für eine Inventarisierung oder gar die Anordnung von Schutzmassnahmen hinge auch vom Umfeld des Objektes ab. Je anerkannter ein historisch gewachsenes Umfeld, wie ein Dorfkern oder eine Altstadt, desto geringer sei der Widerstand.

Aufnahme ins Inventar kann auch Stolz machen

Er kenne auch Fälle, in denen ein inventarisiertes Objekt sogar Befriedigung oder gar Stolz auslöse. Aus Sicht eines Stadtplaners hätten Aufnahmen in ein Inventar und entsprechende sinn- und massvolle Schutzanordnungen durchaus einen interessanten Aspekt. «So hat sich Schlieren beispielsweise während der letzten 150 Jahre vom Bauerndorf nach einer Industrialisierungsphase zur Dienstleisterstadt umgeformt. Will man späteren Generationen diese baugeschichtliche Entwicklung aufzeigen können, ist es unerlässlich, charakteristische und beispielhafte Zeitzeugen zu erhal-ten und zu pflegen», sagt Perrin.

Gleiches bewirke man doch mit einem Fotoalbum: Alte Bilder wecken Erinnerungen, überliefern Familiengeschichte und erzeugen Wurzelbewusstsein und damit Identität. «Wirft man das alles weg, gehen wichtige Werte für immer verloren. Gleiches gilt auch für Ortsgeschichte, wenn man wichtige Zeitzeugen unwiederbringlich entfernt.»