Dietikon
«Ist das hier wirklich der Ruggacker?»

Albert Koch sitzt bereit. Auf der Bettkante, inmitten von Kleiderstapeln, Finken und Bilderrahmen. All seine Habseligkeiten; alles, was nach 89 Jahren an materialistischen Werten übrig geblieben ist, hat Platz auf der Matratze. Der Umzug beginnt.

Katja Landolt
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Ob Albert Koch sich auf das neue Zimmer freue? «Ich kann Sie nicht verstehen, mein Hörgerät ist in einer Umzugskiste.»

Es ist Mittwochmorgen, kurz nach 8 Uhr. Es ist Zügeltag im Dietiker Alters- und Gesundheitszentrum (AGZ). Albert Koch kann heute mitsamt elf anderen Bewohnern nach eineinhalb Jahren vom Neubau Ruggacker 2 zurück in den renovierten Ruggacker 1 ziehen.

Pflegeassistentin Daniele Flad begleitet Koch in den Aufenthaltsraum, währenddem die Zügelmannen vom Zivilschutz Dietikon das Bett aus Zimmer R2.G02 zirkeln.

Durch lange Gänge geht es unterirdisch vorbei an der Küche zum Lift, hoch in den dritten Stock, Zimmer 307. Albert Kochs neues Zuhause. Ein Zuhause, das er noch nie gesehen hat.

«Haben Sie abgestaubt?»

«Ist das der Ruggacker?» Albert Koch bleibt in der Tür seines neuen Zimmers stehen. Pflegeassistentin Daniele Flad nickt, erklärt ihm laut und geduldig, dass das der alte Ruggacker sei, einfach frisch umgebaut. Koch blickt um sich und schaut dann Flad prüfend an: «Haben Sie abgestaubt?»

Dass die 69 Bewohner, die vom Neubau in den renovierten Teil zurückziehen, beim Umzug dabei sind, ist gewollt. «Wir möchten uns genügend Zeit nehmen und die Bewohner mit einbeziehen», hat Christoph Schwemmer, Leiter AGZ, vorhin bei der Instruktion der Zivilschützer gesagt.

Es sei wichtig, dass die Bewohner mitentscheiden könnten, was wo hin komme. So würden sie auch realisieren, dass sie umziehen, sich schneller an die neue Umgebung gewöhnen. «Das braucht mehr Zeit, aber es lohnt sich», so Schwemmer.

Daniele Flad reisst eine Kartonschachtel auf, kramt zwischen Salben und Büromaterial nach den Hörgeräten. «Wo kann das bloss sein», seufzt sie.

Koch studiert seine neue Aussicht; links der Ruggacker 2, vis-à-vis der Turm der reformierten Kirche. «Da brauche ich ja gar keine Armbanduhr mehr», freut er sich und steckt sich eines der beiden Hörgeräte ins Ohr, die Flad ihm hinhält. Das andere schiebt er in die Brusttasche seines Hemdes. Eines reiche vollkommen, meint er.

«Beide habe ich nur drin, wenn das Retourgeld kommt. Ich muss doch wissen, ob es so stimmt.»

Matterhorn auf dem Fenstersims

Die Zivilschützer tragen Kochs restliche Gegenstände ins Zimmer, die während des Umbaus im Keller zwischengelagert waren: ein Sessel, ein Sekretär, ein halbes Dutzend gerahmter Bilder.

Alfred Koch lässt sich in den Sessel sinken, fragt noch einmal, ob das hier der Ruggacker sei. Dann beobachtet er aufmerksam, was um ihn herum passiert; wie die Kleider in den Schränken verschwinden, wie der Fernseher angeschlossen wird, die medizinischen Utensilien ins Bad getragen werden.

Daniele Flad stellt drei Bilder auf den Fenstersims; eine Aquarellzeichnung in Blautönen, ein Porträt in Kohle und eine vergilbte Fotoaufnahme.

Sie zeigt einen Bergsteiger mit roten Kniesocken und braunem Wollpullover, über dem Bauch baumelt ein Feldstecher. Im Hintergrund ragt trutzig das Matterhorn in den Himmel.

Koch lächelt, als er die Aufnahme sieht. «Mehr als 15 Mal war ich in Zermatt zum Bergsteigen, das war mein Gebiet», sagt er und lächelt versonnen. Lange ist das her, sehr lange. Dann zeigt er auf die Kohlezeichnung; ein Porträt von ihm, das seine Nichte gemalt habe. Rund
20 Jahre sei das her. «Damals habe ich alt ausgesehen», sagt er und lacht herzhaft.

Wer hat den Kirsch getrunken?

Nach einer guten Stunde ist der Spuk vorbei, Albert Koch ist umgezogen. «Wir haben tatsächlich alles untergebracht», sagt Daniele Flad und legt Koch die Hand auf die Schulter.

«Gefällt es Ihnen?» Koch lächelt und nickt. Dann setzt er eine strenge Miene auf und zeigt auf eine leere Kirschflasche, die Flad neben den Fernseher gestellt hat:

«Haben Sie den Kirsch ausgetrunken?», fragt er streng und fängt dann lauthals an zu lachen – um kurz darauf zu fragen: «Sagen Sie, ist das hier wirklich der Ruggacker?»