Limmattal
Islamwissenschaftlerin: «Restriktive Regeln führen zu unerwünschten Reaktionen»

Obwohl das Thema für viel Aufsehen sorgt, wird die Dispensmöglichkeit von Schulfächern wegen des Ramadans im Limmattal nur moderat genutzt.

Flurina Dünki
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Obwohl fastende muslimische Schüler während des Ramadans nicht mitessen dürfen, nehmen im Limmattal fast alle lieber am Hauswirtschaftsunterricht teil, als sich dispensieren zu lassen. (Themenbild)

Obwohl fastende muslimische Schüler während des Ramadans nicht mitessen dürfen, nehmen im Limmattal fast alle lieber am Hauswirtschaftsunterricht teil, als sich dispensieren zu lassen. (Themenbild)

Keystone

Wenn morgen der islamische Fastenmonat Ramadan beginnt, werden auch zahlreiche Jugendliche an Limmattaler Schulen zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang weder Nahrung noch Flüssigkeit zu sich nehmen. Die Frage, wie weit die Volksschule fastenden Jugendlichen mittels Dispensmöglichkeiten entgegenkommen soll, hat nicht zuletzt seit Bekanntwerden der strengen Linie der Thurgauer Erziehungsdirektion zu kontroversen Diskussionen geführt. Während fastenden Schülern im Kanton Thurgau nur noch Dispensen für das dreitägige Fest des Fastenbrechens gewährt werden, enthalten die «Empfehlungen zum Umgang mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Religionen» der Zürcher Bildungsdirektion auch Dispensmöglichkeiten für den Hauswirtschafts- oder Turnunterricht während des Ramadans.

«Wertschätzung für Religion»

Naci Eren von der Islamischen Glaubensgemeinschaft Dietikon bewertet diese Rücksicht auf die Fastenzeit positiv. Das Entgegenkommen des Volksschulamts zeuge von der Wertschätzung gegenüber einer anderen Religion. Auch wenn normalerweise wenige Schüler Dispensgesuche stellen – «schliesslich wollen die meisten Schüler ja an diesen Fächern teilnehmen», so Eren. Allein die Tatsache, dass für den Ernstfall eine Dispensoption existiere, würden die Jugendlichen jedoch schon als Unterstützung wahrnehmen.
Die in den Empfehlungen enthaltene Dispensmöglichkeit vom Sport- und Hauswirtschaftsunterricht bedeute aber nicht, dass Schüler einen festen Anspruch auf Befreiung von den Fächern hätten, sagt der Ende Mai in Pension getretene Zürcher Volksschulamtschef Martin Wendelspiess. Das Stattgeben eines Dispensgesuchs sei als «können» und nicht als «müssen» formuliert. Zudem seien die Schüler ausdrücklich anderweitig zu beschäftigen und daher nicht ohne weiteres vom Unterricht befreit.

Ramadan: der Islamische Fastenmonat

Das Fasten während des Monats Ramadan stellt eine der fünf Säulen des Islams dar – neben dem Glaubensbekenntnis zu Allah, dem fünf täglichen Gebeten, dem Geben von Almosen und der Pilgerreise nach Mekka. Während dieses Monats ist es Muslimen zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang untersagt, Nahrung oder Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Für gewöhnlich beginnt die Pflicht zum Fasten mit Einsetzen der Pubertät. Kinder, Kranke, ältere Menschen sowie schwangere und stillende Mütter sind von der Fastenvorschrift befreit. Da der Ramadan sich am islamischen Mondkalender richtet, beginnt er jedes Jahr an einem anderen Tag unseres Kalenderjahres. Das Fasten bezweckt die Reinigung von Körper und Geist, das Üben in Selbstdisziplin sowie Mitgefühl gegenüber Bedürftigen. Der Ramadan endet im dreitägigen Fest des Fastenbrechens.

Laut Gerold Schoch, Leiter der Dietiker Schulabteilung, sind in den Schulen des Bezirkshauptorts für dieses Jahr noch keine Dispensgesuche eingegangen. «In Vorjahren baten jedoch bereits Schüler um Dispensation, etwa für Aktivitäten innerhalb des Ausdauersports.» In diesem Fall könnten die Schulen solche Tätigkeiten auf eine für fastende Schüler günstige Zeit legen, so Schoch. Etwa am Vormittag, wenn die Jugendlichen vom nächtlichen Fastenbrechen noch gestärkt seien. Natürlich könnten Schüler Anträge zur Dispensation stellen. «Wir suchen jedoch lieber nach einem Modus Vivendi, der es den Schülern ermöglicht, trotz des Ramadans an den schulischen Aktivitäten teilzunehmen.»

Herausforderung Sommer

In den Jahren, in denen der Ramadan in die Sommerzeit fällt, ist Dehydrierung für Fastende eine grössere Gefahr als sonst. So können bei zu hohem Flüssigkeitsverlust Kopfschmerzen und Schwindel auftreten, wie Brigitta Thomann erklärt. Die Kinderärztin aus Schlieren kennt jedoch keinen Fall, bei dem infolge Ramadan-Fastens eine medizinische Versorgung nötig gewesen sei. Zudem stehe es Jugendlichen in ihren ersten Jahren des Fastens frei, ob sie während des gesamten Monats fasten oder nur so viele Tage, wie ihnen möglich ist, sagt Deniz Yüksel, Islamwissenschaftlerin an der Universität Zürich.

Auch in Schlieren seien bisher lediglich Dispensgesuche für den Bajram, das dreitägige Fest des Fastenbrechens vom 5. bis 7. Juli, eingegangen, sagt Andrea Fus, Leiterin der Abteilung Bildung und Jugend. In Unterengstringen, Weiningen, Geroldswil und Oetwil nehmen Schüler gemäss Schulleitungen ebenso lediglich die Möglichkeit zur Feiertagsdispensation in Anspruch. Ähnlich sieht es in Urdorf aus, wo keine Dispensgesuche für die Fächer Sport oder Hauswirtschaft eingereicht worden seien.

Nur in zwei Limmattaler Gemeinden scheint die Dispensmöglichkeit für Sport und Hauswirtschaft genutzt zu werden. In Oberengstringen zählt man laut Schulpräsidentin Elsbeth von Atzigen derzeit zirka zehn Dispensen für den Sporttag, während sich in Birmensdorf Schülerinnen während des Ramadans vom Besuch des Schwimmbads dispensieren liessen.

Schüler wollen nicht fehlen

Dass die Befreiungsmöglichkeit für Schulfächer relativ wenig genutzt werde, schreibt Martin Wendelspiess der Umsetzung der Massnahme zu. Denn die Jugendlichen würden nur vom spezifischen Fach, nicht aber von der Schulpräsenz befreit. Auch Deniz Yüksel findet, das Thema Ramadan sei in den Zürcher Schulen gut geregelt. So wäre eine ersatzlose Dispensation ihrer Meinung nach eine übertriebene Kultursensibilität, die wiederum Ungleichheiten schaffen würde. Der Kanton habe das richtige Mass gefunden, indem er der anderen Kultur entgegenkomme, es aber gleichwohl zu vermeiden wisse, durch zu lockere Regelungen ein falsches Zeichen zu setzen. Auch in islamischen Ländern sähe der Schulalltag während des Ramadans nicht viel anders aus als sonst. Hingegen könnte zu restriktive Politik für Angehörige anderer Kulturen zu unerwünschten Reaktionen führen, sagt Yüksel. Auch nicht streng religiöse Schüler könnten sich durch eine zu grosse Einschränkung ihrer kulturellen Freiheit im persönlichen Stolz angegriffen fühlen und empfänglicher werden für extremistische Botschaften.

Damit die Limmattaler Schülerschaft die Bedeutung des Fastenmonats versteht, werde das Thema Ramadan im Fach «Religion und Kultur» behandelt, heisst es bei mehreren Limmattaler Schulverantwortlichen auf Anfrage. Seit bald zehn Jahren hat das Schulfach die «Biblische Geschichte» und den Religionsunterricht ersetzt. Es sei so gestaltet, dass die Schüler nicht nur über ihre eigene, sondern auch über andere Religionen etwas lernen und darüber diskutieren würden, um ihren Horizont zu erweitern, sagt Gerold Schoch.