Oberengstringen

Islamwissenschafterin: «Muslime werden bleiben und gehören zur Schweiz»

Für Rifat’at Lenzin ist klar: «Muslime sind hier, werden hier bleiben und gehören zur Schweiz.» Sie plädiert für Integration, wie dies etwa anlässlich des Wohltätigkeitsbasars im Chrüzacher Dietikon.

Für Rifat’at Lenzin ist klar: «Muslime sind hier, werden hier bleiben und gehören zur Schweiz.» Sie plädiert für Integration, wie dies etwa anlässlich des Wohltätigkeitsbasars im Chrüzacher Dietikon.

Die Islamwissenschaftlerin Rifat’at Lenzin öffnet mit ihrem Vortrag in Oberenstringen bei den Zuhörern Türen und räumt mit Klischees auf. Die Muslime sollten in der Schweiz integriert werden.

«Sie werden nach diesem Abend keine Experten in Fragen des Islams sein. Aber das müssen Sie auch nicht, denn Sie wollen ja nicht konvertieren», sagte Rifat’at Lenzin. Dennoch dürfte das Referat, das die freiberufliche Islamwissenschaftlerin und Publizistin auf Einladung der beiden Kirchgemeinden von Oberengstringen hielt, einiges zum Verständnis des Islams beigetragen haben. Am Beispiel der Frauen- und Kopftuchthematik führte sie vor Augen, dass solche Phänomene neben dem religiösen Aspekt immer auch mit Gesellschaft und Kultur zu tun haben und stark von der Wahrnehmung geprägt sind. «Es ist wichtig, in den Diskussionen diese Dinge klar zu trennen», sagte Lenzin und ergänzte: «Wir haben ein medial geprägtes Bild. Heute bestimmen Verschleierung und Gewalt unsere Wahrnehmung. Dies zementiert Klischees, hat aber mit der Realität wenig zu tun.» 

Dass der Islam keine Instanz entsprechend dem Vatikan in der katholischen Kirche kennt, führte vor Augen, warum in dieser Religion eine grosse Meinungsvielfalt herrscht. Unter den Gelehrten gebe es heute keinen Konsens mehr über Religionsfragen und so werde auch die Verschleierung der Frauen kontrovers diskutiert, erklärte Lenzin. Sie führte durch Korantexte, mit denen die in einigen, aber bei weitem nicht allen muslimischen Ländern praktizierte Verschleierung begründet wird. Dabei wurde deutlich, dass die Texte einen grossen Interpretationsspielraum offen lassen. «Wir müssen bereit sein, die Quellen unter neuen Gesichtspunkten zu hinterfragen», ist die Muslimin überzeugt.

Lenzin machte auch deutlich, dass der Ehrenkodex für Männer und Frauen und die zuweilen daraus resultierenden Ehrenmorde auf dem Gewohnheitsrecht archaischer Gesellschaften basieren und mit dem islamischem Recht nichts zu tun habe. «Die Mafia funktioniert in Sizilien genau so, niemand kommt aber auf die Idee zu sagen, das habe mit der christlichen Religion zu tun», erklärte sie.

Für Pastoralassistent Wolfgang Arnold, Mitinitiator des ökumenischen Anlasses, hat das Referat Türen geöffnet. «Mein reformierter Kollege und ich hatten uns gefragt, was wir eigentlich selber über den Islam wissen und mussten feststellen, dass dieses Wissen sehr bescheiden ist», sagt er. Das Zusammenleben funktioniert in der Gemeinde aber gut, bestätigt auch Claudia Trüb, Gemeinderätin und Präsidentin der reformierten Kirchenpflege: «Trotzdem ist es wichtig, sich besser kennenzulernen.»

Dass das Referat zum Verständnis des Islam beigetragen hat, machte ein Votum aus dem Publikum deutlich. Es sei für ihn jetzt nachvollziehbar, meinte ein Zuhörer, warum es für die muslimische Welt schwierig ist, sich mit einer Stimme von den islamistischen Gewaltgruppierungen zu distanziere. Einer Frau, die mit der Lektüre des Korans nicht zurande kam, empfahl Lenzin ein Koranlesebuch: «Der Koran selber erschliesst sich für Aussenstehende nur schwer». Und auf die Frage, welches Verhalten der Islam von den Gläubigen gegenüber Nicht- oder Andersgläubigen fordert, hatte Lenzin eine klare Antwort: «Er verlangt Respekt».

Lenzin rief dazu auf, die Muslime in der Schweiz zu integrieren. «Muslime sind hier, werden hier bleiben und gehören zur Schweiz. Wenn man jungen Muslimen immer wieder zu verstehen gibt, ihr habt hier nichts verloren, dann öffnet man ihnen unter Umständen eine falsche Türe.»

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