Der Imam schreitet an den bereits eingetroffenen Gästen vorbei und wird von zwei Jugendlichen mit Handkuss und Umarmung begrüsst. Eine junge Frau lacht überrascht - das sei bei ihnen in Bosnien nicht üblich. Schon entsteht die erste Diskussion unter den rund 20 Jugendlichen, die sich zur Feier des islamischen Opferfestes «Eid Al-Asha» im Islamisch Bosnischen Zentrum in Schlieren eingefunden haben.

Was diesmal anders ist als in anderen Jahren: Das höchste Fest der Muslime wird zum ersten Mal zusammen mit jüdischen Kollegen gefeiert. Anwesend ist nicht nur der Imam des Islamisch Bosnischen Zentrums, Sakib Halilovic, sondern auch der Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, Yehoschua Ahrens.

Religionen mit Gemeinsamkeiten

«Respect» heisst das Projekt, das vom National Coalition Building Institute (NCBI) organisiert wird. Das Ziel ist, dass sich Juden und Muslime besser kennenlernen, um gegenseitige Vorurteile abzubauen.

Ron Halbright, Leiter des NCBI, sagt dazu: «Es sind zwei Minderheiten in der Schweiz, die viel voneinander profitieren könnten. Das Problem sei aber, dass sich die zwei Religionen zu wenig kennen.» Dabei gäbe es zwischen den Religionen Islam und Judentum viele Gemeinsamkeiten. Gerade die Geschichte des muslimischen Propheten Ibrahim, dem mit dem islamischen Opferfest gedenkt wird, ist im Jüdischen und Muslimischen fast dieselbe.

Andere Rituale kennenlernen

Die Jugendlichen sollen neben dem Essen auch etwas über die Rituale der anderen Religion lernen. So heisst der Imam die Jugendlichen zu Beginn im Gebetsraum willkommen, wo gemeinsam gebetet wird. Zu arabischem Gesang knien die Männer wiederholt vor dem Imam nieder. Die Frauen sitzen hinter ihnen auf einer Bank.

Danach versammeln sich alle um Halilovic, der über die Geschichte von Ibrahim und Ismael spricht. Anschliessend erzählt Ahrens die jüdische Version davon: die Geschichte von Abraham und Isaak. Immer wieder melden sich Jugendliche zu Wort, weil sie etwas Bestimmtes über die andere Religion wissen möchten oder um ein genanntes Ritual kritisch zu hinterfragen. Ansonsten ist es still im Raum, die Jugendlichen hören konzentriert zu. Halilovic lockert das Gespräch zwischendurch mit selbstironischen Sprüchen auf und sorgt damit trotz ernster Themen für heitere Stimmung.

Jugendliche diskutieren angeregt

Beim anschliessenden Essen wird weiter diskutiert. Eine jüdische Jugendliche erzählt, dass sie am Tag zuvor noch nicht sicher war, ob sie kommen solle: «Ich hatte ein mulmiges Gefühl bezüglich der Begegnung mit so vielen Muslimen.» Sie habe sich dann aber überwunden und bereue es nicht: «Es tut gut, ins Gespräch zu kommen und zu sehen, dass viele Vorurteile unbegründet sind. Man hört ja meist nur das Negative über die andere Religion.»

Eine weitere Jüdin kritisiert das Tragen des Kopftuches, sie findet, es unterdrücke die Frau. Zwei Muslime widersprechen ihr: «In der Schweiz tragen viele Musliminnen kein Kopftuch. Ausserdem tragen auch Nonnen eine Kopfbedeckung - das ist doch dasselbe, oder nicht?» Das bringt die junge Frau zum Nachdenken. Eine Muslimin teilt die Bedenken der anderen weniger: «Ich glaube, wir haben eigentlich einiges gemeinsam. Ich verstehe mich mit vielen Juden sehr gut.»