Dietikon
Islamische Glaubens-Gemeinschaft wagt Schritt in die Öffentlichkeit

Qamil Xhelili öffnet die Türen zur Moschee der albanisch-islamischen Glaubensgemeinschaft. In einem ehemaligen Grossbüro hat man sich eingenistet.

Alex Rudolf
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Xhelili Qamil: Der 38-jährige Buschauffeur ist Sunnah-Präsident. aru

Xhelili Qamil: Der 38-jährige Buschauffeur ist Sunnah-Präsident. aru

Bereits im Eingangsbereich der albanisch-islamischen Glaubensgemeinschaft Sunnah steigt der süsse Duft von Rosenblättern in die Nase. Vom kleinen Raum, dessen Wände von Schuhregalen verdeckt sind, reicht die Sicht bis hin zum grossen Gebetsraum, wo sich der Duft noch verstärken wird. Qamil Xhelili, der Präsident der Sunnah-Moschee, ist dort in die Knie gebeugt und betet.

Fast jeden Mittag kommt der 38-jährige Chauffeur der Limmat Bus AG hierher, um zu beten, zur Ruhe zu kommen oder mit anderen Mitgliedern der Gemeinde einen Schwatz zu halten. Die Moschee ist täglich geöffnet, zu den fünf Gebetszeiten kommen rund 30 Männer, für Frauen ist ein separater Gebetsraum im hinteren Gebäudeteil eingerichtet, wo mittwochs und freitags auch der Koranunterricht für Kinder abgehalten wird. An Freitagen komme es oft vor, dass bis zu 150 Gläubige im Gebetsraum zusammenkommen.

Religion in der Muttersprache

Das ehemalige Grossbüro an der Dietiker Löwenstrasse hat noch immer etwas Steriles, der orientalische Spannteppich und das grosse Wandgemälde der Kaaba – das quaderförmige Gebäude im Innenhof der Heiligen Moschee in Mekka – ändern daran nicht viel. Gleich im Gebäude nebenan ist ein Taxi-Unternehmen beheimatet, wenige Schritte entfernt in derselben Häuserzeile liegt die Zeus-Music-Bar. Nur ein unscheinbares Schild verweist auf die Moschee.

Seit 2009 gibt es die Glaubensgemeinschaft. Die ersten fünf Jahre war sie als Verein organisiert, was den Bedürfnissen der Mitglieder jedoch nicht entsprach. «Wir wollten auch gegen aussen als Glaubensgemeinschaft wahrgenommen werden. In einer Vereinsform war dies aber nicht gewährleistet», so Xhelili. Daher trug der Vorstand die Xhamia-Sunnah im vergangenen Jahr als Glaubensgemeinschaft ein.

Auch war es für Xhelili und die restlichen Mitbebgründer wichtig, ihren Glauben in ihrer Muttersprache ausleben zu können. Im Jahr 1996 kam er aus dem damaligen Jugoslawien in die Schweiz, erst nach Bad Ragaz, dann Mitte der 2000er-Jahre nach Schlieren, wo er noch heute mit seiner Frau und seinen zwei adoleszenten Kindern lebt. Er arbeitete in verschiedenen Berufen, erst im Gemüsebau, dann in einem industriellen Betrieb, dann als Chauffeur.

Nächstes Ziel: Eigener Imam

Nun, da die Moschee seit vergangenem Jahr eine offizielle Glaubensgemeinschaft sei, wolle man auch an die Öffentlichkeit. «Wir suchen den Dialog», einerseits mit der Stadt Dietikon, andererseits auch mit Institutionen. Xhelili gehe es darum, die Hemmschwelle, die noch viele Menschen gegenüber dem Islam verspüren, zu verkleinern. So habe er im vergangenen Juni erstmals an der Dialoggruppe Christentum-Islam teilgenommen. Die vom Seelsorgeraum Dietikon-Schlieren organisierten Anlässe sollen das gegenseitige Verständnis beider Religionen fördern. Auch sei er bei der Vereinigung der islamischen Organisationen des Kantons Zürich (VIOZ) beigetreten.

«Zwischen uns besteht seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis», sagt Cengiz Yükseldi. Der Präsident der türkisch-islamischen Glaubensgemeinschaft in Dietikon schätzt es sehr, dass albanischsprechende Muslime ihre eigene Moschee haben. «Davor teilten wir uns die Räume an der Bergstrasse in Dietikon – doch mit der Zeit wurde es in unserer Moschee schlichtweg zu eng.» Ausser der Sprache – in der Moschee an der Bergstrasse wird türkisch gesprochen – unterscheide sich die Sunnah-Moschee nur geringfügig: «Die kulturellen Gewohnheiten wie auch landesspezifischen Bräuche sind anders, aber die Religion ist dieselbe», so Yükseldi.

Der Austausch und das daraus resultierende Verständnis ist Qamil Xhelili deshalb so wichtig, weil die Schweiz seine zweite Heimat sei – beide Söhne verstehen und sprechen zwar Albanisch, führen ihr Leben jedoch in schweizerdeutscher Sprache. Dass er sich hier zuhause fühlt, hat jedoch noch einen weiteren Grund: «Gott sei Dank leben wir hier in einer Demokratie, welche die Religionsfreiheit garantiert.» Dies gelte übrigens auch für die Sunnah-Moschee – «Egal welcher Konfession man angehört, bei uns ist jeder eingeladen, auf einen Besuch vorbeizukommen.»

Der Vorstand der Sunnah-Glaubensgemeinschaft hat klare Ziele. Als Vorbild gilt dabei das Bosnische Zentrum in Schlieren, das mit Sakib Halilovic einen eigenen Imam hat. «Heute kommen Imame für wichtige Anlässe eigens aus Serbien oder Mazedonien zu uns.» Dies sei jedoch keine langfristige Lösung, da es wichtig sei, dass die Gebete von jemandem geleitet würden, der neben Albanisch auch Deutsch spricht und das Leben in der Schweiz kennt und versteht. Doch sei es einerseits schwierig, hier einen gelehrten Imam zu finden, andererseits kämen auch die finanziellen Aspekte hinzu. Mit jährlich 365 Franken, welche die 135 Mitgliederfamilien der Sunnah-Gemeinschaft je an Mitgliederbeiträgen zahlen, komme nicht sehr viel zusammen: «Jedenfalls nicht genug für einen studierten Imam.»

Junge Albaner sind das Ziel der IS

Erst Ende Juni betitelte Kriegsjournalist Kurt Pelda das Limmattal als einen der Brandherde des muslimischen Extremismus. So würden hier viele Radikale leben, in einer Moschee predige gar ein Salafist. «Nicht bei uns», sagt Xhelili. Die Nachrichten vom Krieg des IS (Islamischer Staat) und dessen Rekrutierungsmethoden beschäftigen die Muslime der Region. «Wir verurteilen jede Form des religiösen Extremismus. Wer gegen andere Religionen hetzt, ist kein echter Muslim», so Xhelili.

Mit solchem Gedankengut sei man noch nicht in Kontakt gekommen, da der Vorstand die meisten Sunnah-Mitglieder persönlich kenne. Hin und wieder würden jedoch auch Touristen den Gebetsraum aufsuchen: «Für uns ist klar, dass wir auch nur bei einem leisen Verdacht auf Hetze sofort die Polizei informieren.»