Birmensdorf
«Invisible Transitions»: So klingt der Tagesablauf eines Baums

Am Montag beginnt in Paris die Uno-Klimakonferenz. Darum wird in Zürich Kunst vorgeführt, die auch auf Daten von Forscher Andreas Rigling basiert.

David Hunziker
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Hier wird das Leben eines Baums untersucht: Andreas Rigling bei einer Messstation in der Nähe der WSL in Birmensdorf. huz

Hier wird das Leben eines Baums untersucht: Andreas Rigling bei einer Messstation in der Nähe der WSL in Birmensdorf. huz

Wie sieht wohl das Leben eines Baumes aus? Wie verbringt er seine Tage? Solche und ähnliche Fragen beantwortet die Installationskünstlerin Christina Della Giustina in ihren aktuellen Werken. Dabei greift sie immer wieder auf Daten der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf zurück, aus denen sie multimediale Kunstwerke schafft. Anlässich des Auftakts der Uno-Klimakonferenz wird am nächsten Montag eines ihrer Werke im Botanischen Garten in Zürich aufgeführt.

In der Birmensdorfer Forschungsanstalt verbrachte sie 2011 ein Jahr als «Artist in Lab» und erlangte dadurch einen tiefen Einblick ins Reich der Wissenschaft. «Wissenschaftler sammeln all diese Daten und stossen dabei immer wieder auf alarmierende Fakten», sagt Della Giustina. «Doch oft fällt es ihnen nicht leicht, diese Erkenntnisse an die Öffentlichkeit zu tragen – sie sind isoliert.» Wissenschaft, Politik oder auch Kunst würden meist als voneinander getrennte Bereiche erscheinen, so die Künstlerin. «Mit meiner Kunst will ich zur Verständigung zwischen diesen Bereichen beitragen und damit auch etwas gegen die Isolation von Wissenschaftlern tun.»

Das derzeit wohl wichtigste Thema, das diese Verständigung nötig macht, ist der Klimawandel. Doch im Kampf um Anerkennung hat es das Klima nicht leicht. Weil der Terror von Paris die öffentliche Diskussion noch immer beherrscht, geht ein weiteres wichtiges Ereignis in Paris fast unter: An der Uno-Klimakonferenz, die am Montag beginnt, soll in Nachfolge des Kyoto-Protokolls nämlich eine neue internationale Klimaschutz-Vereinbarung verabschiedet werden.

«Zwischenzeitlich war nicht einmal klar, ob die Konferenz überhaupt stattfinden wird», sagt Andreas Rigling, der am WSL forscht und detaillierte Daten zu den Veränderungen an Bäumen im Schweizer Mittelland erhebt. Bei der Kreation ihrer Werke greift Künstlerin Della Giustina immer wieder auf die am WSL erhobenen Messungen zum Funktionieren von Bäumen zurück. So auch für das Werk «(in)visible transitions», das am Montag in Zürich aufgeführt wird.

Daten für die Kunst

Die Vorführung ist der Schweizer Beitrag zu einer Serie von Veranstaltungen zum Auftakt der Pariser Konferenz und wird von der französischen Botschaft in Bern sowie vom Programm «Artists in Labs» der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) getragen. Das Werk sei ein «sensibler, aber unmissverständlicher künstlerischer Kommentar zum Zustand unserer Umwelt und zu unserer Verantwortung für ihre Zukunft», wie es in der entsprechenden Medienmitteilung der ZHdK heisst.

«Wenn wir hier forschen, wollen wir herausfinden, wie es den Bäumen geht, wie es um ihre Gesundheit steht», sagt Rigling, während er die Funktionsweise einer Messstation in der Parkanlage des WSL erklärt. Die einen Sensoren messen die Ausdehnung des Baums, andere die Geschwindigkeit, mit der Wasser innerhalb des Stamms zirkuliert. Es sind diese Daten, die Della Giustina in Partituren oder Lichtinstallationen verarbeitet.

Die Zusammenarbeit mit der Künstlerin erlaube ihm, eine neue Perspektive auf seine eigene Arbeit zu gewinnen. «Durch ihre künstlerische Interpretation unserer Daten wird uns Wissenschaftlern bewusst, dass auch wir in unserer Arbeit interpretieren», führt Rigling aus.

Neuer Zugang zur Wissenschaft

Doch der Wissenschaftler nennt noch eine weitere Bedeutung des Aufeinandertreffens von Kunst und Wissenschaft. «Auf diesem Weg können wir viel mehr Leute erreichen und vielleicht für Themen wie den Klimawandel sensibilisieren», sagt Rigling. Dadurch, dass hochkomplexe wissenschaftliche Sachverhalte in Della Giustinas Kunst plötzlich erlebbar werden, kann sie einen anderen Zugang zur Wissenschaft erschliessen.

Viele von Della Giustinas Partituren folgen einem 24-Stunden-Zyklus anhand der verschiedenen Parameter, die sich an einem Baum ablesen lassen. «Dadurch entsteht ein Gefühl davon, wie der Tagesablauf eines Baumes aussehen könnte», sagt Rigling.

Aufführung «(in)visible transitions», Montag, 30. November, 16 bis 21 Uhr, im Botanischen Garten der Universität Zürich, unter anderem mit Stadtpräsidentin Corine Mauch.