Es ist ein ungewöhnliches Wandergrüppchen, das sich an diesem Donnerstagnachmittag in Dietikon zu einem Spaziergang aufmacht: Drei Dietiker Senioren und vier junge Afghanen laufen gemeinsam der Limmat entlang, auf der einen Seite bis nach Glanzenberg und auf der anderen Seite zurück nach Dietikon. Gut drei Stunden sind sie unterwegs, in gemächlichem Tempo, machen hier mal ein Gruppenfoto und legen dort eine Rast ein. Und sie plaudern miteinander, so gut es angesichts der Sprachbarrieren zwischen den alten und den jungen Männern geht. Denn die Afghanen im Alter zwischen 19 und 22 Jahren gehören zu jenen 40 männlichen Flüchtlingen, die seit Februar in der Zivilschutzanlage Oberdorf leben.

Die Pensionäre sind Freiwillige, die sie aus dieser fensterlosen Unterkunft, aber auch aus ihrem eintönigen Alltag herausholen möchten. Die Idee dafür kam Ernst Scherrer nach einem Gottesdienst in der reformierten Kirche. «Dort ging es um die Flüchtlinge. Da habe ich mir vorgenommen, etwas zu machen», sagt der 84-Jährige. Die psychische Belastung der jungen Männer sei gross, genauso wie die Isolation in der Zivilschutzanlage.

Mit Dietikon vertraut machen

Mit Unterstützung der reformierten Kirche hat er das Projekt «Zäme unterwägs» ins Leben gerufen. Seit Mitte März wandert er alle zwei Wochen mit einigen Asylsuchenden und zwei bis drei weiteren freiwilligen Begleitern in die Natur rund um Dietikon: Beim ersten Spaziergang ging es auf dem Brüggliweg ins Reppischtal, bei der zweiten zum Franzosenweiher, bei der dritten zum Antoniloch. «Mit den Spaziergängen möchten wir ihnen etwas Abwechslung bieten und sie mit ihrer neuen Umgebung vertraut machen», sagt Scherrer. So würden auch die Orte, an denen sie vorbeikommen, erklärt, zum Beispiel, was in der Kehrichtverbrennungsanlage gemacht wird.

Wann immer möglich, versuchen Scherrer und die anderen Begleiter dabei, mit den Flüchtlingen Deutsch zu reden. Dazu bringen sie Blätter mit einigen Begriffen mit, denen sie auf der Wanderung begegnen. «Das ist eine Unterführung», erklärt Scherrer, als die Gruppe in Dietikon unter den Gleisen durch Richtung Limmat läuft, und zeigen das Wort «Unterführung» auf dem Blatt Papier. «Geleise» steht da noch drauf oder «Bahnhof». Die jungen Männer hören den Erklärungen aufmerksam zu, wiederholen die Worte, machen sich gelegentlich Notizen. Es gefalle ihm, sagt Zia Mohammadi über den Ausflug. Der 19-jährige Afghane, der das erste Mal an einem Spaziergang teilnimmt, spricht noch wenig Deutsch. Vielleicht getraut er sich aber auch einfach nicht, das in der Schule Gelernte anzuwenden.

Zum Abschluss ein Grillfest

Eigentlich hatten sich für den Spaziergang entlang der Limmat neun Flüchtlinge angemeldet. «Einer musste jedoch kurzfristig nach Zürich, um für einen Freund zu übersetzen», sagt Scherrer. Die anderen hätten sich hingegen nicht abgemeldet. «Das ist schade», sagt Scherrer. Die tiefe Teilnehmerzahl hat für ihn aber auch etwas Positives. «So hatte praktisch jeder Teilnehmer einen eigenen Betreuer.» Vielleicht müsse er das Projekt in der Asylunterkunft einmal persönlich vorstellen, damit die Flüchtlinge wüssten, wer er sei, sagt Scherrer. «Bis jetzt lief alles über die Leitung der Unterkunft.»

Helmuth Diggelmann, einer der beiden anderen Begleiter, vermutet, dass «Spaziergänge mit alten Männern» womöglich nicht alle Flüchtlinge ansprächen. «Vielleicht müssen wir ihnen etwas anderes bieten», sinniert der ehemalige Sekundarlehrer, der mit seinem Engagement einen Kontrapunkt zur ablehnenden Haltung gegenüber den Asylsuchenden setzen möchte, die seiner Ansicht nach weit verbreitet ist.

«Zäme unterwägs» wird vorerst bis zu den Sommerferien weitergeführt. Zum Abschluss Anfang Juli ist ein kleines Grillfest geplant, für das Scherrer derzeit auf der Suche nach einem Sponsor ist.

Dass er sich für die Flüchtlinge einsetze, habe mit seiner Lebensgeschichte zu tun, sagt er. «Nachdem ich als junger Mann einen Unfall verursacht habe, bin ich dem Samariterverein beigetreten.» Seither habe er sich seinen Mitmenschen verpflichtet gefühlt und immer wieder mit Menschen zu tun gehabt, die am Rand der Gesellschaft leben. «Der Austausch mit den Flüchtlingen ist für mich eine Bereicherung», so Scherrer. So habe er auf den Spaziergängen berührende, aber auch schreckliche Geschichten gehört. Etwa die eines 34-jährigen Flüchtlings, der seit Kindheit auf der Flucht ist und nie eine Familie hatte, erzählt Scherrer sichtlich gerührt. Daneben erhalte er von den Teilnehmern viel Dankbarkeit, die Rückmeldungen seien positiv. «Einer der Flüchtlinge hat mir gesagt, dass er auf den Spaziergängen mehr lerne als in der Schule.»