Frau Ziegler, brauchen die Bewohner einer Siedlung heute tatsächlich einen Babysitter?

Nein, die Aufgaben eines Babysitters sind hüten, begleiten und schützen. Erstere zähle ich nicht zu meinen Tätigkeiten hier im Ecofaubourgs-Projekt «Futura». Begleiten schon eher. Ich sehe mich als Prozessbegleiterin, die den Humus schafft, in welchem ein Zusammengehörigkeitsgefühl und gemeinsame Aktivitäten der Bewohner wachsen können.

Was heisst das konkret?

Ein sehr triviales erstes Angebot, um die Bewohner der Siedlung zu ködern, bestand etwa darin, dass ich in unserem Gemeinschaftsraum einen Beamer aufstellte und die Anwohner zusammen Champions-League-Spiele verfolgten. Auch die Pflanzgärten, die im Hof der Siedlung entstehen, sind ein Mittel, um die Leute dazu zu bringen, miteinander in Kontakt zu treten.

Ist das denn nötig?

Die Frage ist doch, wie weit man sich mit seinem unmittelbaren Wohnort identifiziert. Die hohe Geschwindigkeit, die unsere Gesellschaft prägt, führt dazu, dass viele nicht einmal ihre direkten Nachbarn kennen. Häufige Wohnortswechsel verstärken diese Entwicklung. Dabei steckt gerade in dieser von persönlichen Umbrüchen geprägten Zeit eine grosse Chance.

Die da wäre?

Man sagt, Brüche wie Scheidungen, Umzüge oder die Geburt eines Kindes ermöglichen es den Beteiligten, neue Verhaltensweisen auszuprobieren. Und in diesem kurzen Zeitfenster, das sich bei den Futura-Bewohnern durch ihren Umzug in die Siedlung ergibt, möchte ich einen Beitrag dazu leisten können, ihren Sinn für Gemeinschaft und Beteiligung zu wecken. Am Ende sollen sie so ihr eigenes Wohlbefinden generieren können. Allerdings darf dies nicht unter Zwang geschehen.

Verhält sich denn nicht automatisch jeder so, wie es ihm wohl ist?

Nicht zwangsläufig: Alle Menschen verhalten sich gemäss den Mustern, die sie kennen. Lernen wir diesbezüglich neue Möglichkeiten kennen, erweitern wir unseren Horizont, hinterfragen das eigene Verhalten oder probieren etwas Neues aus. Manchmal wird einem erst dabei klar, dass gewohnte Muster nicht diejenigen sind, welche einen auch heute noch zufrieden machen.

Welche konkreten Ziele wurden für Ihre Stelle definiert?

Es gibt kein Pflichtenheft. Es gibt aber kurzfristige Projekte, die ich umsetzen will. So versuche ich etwa die Bewohner dafür zu gewinnen, gemeinsam nachhaltige Lebensmittel einzukaufen.

Und wie funktioniert das?

Lokale Anbieter sollen genau definierte, grössere Mengen ihres Produkts anbieten können. Per Mail können die Futura-Mieter ihr Interesse an und die benötigte Menge von einem Produkt anmelden. Kommen genügend Käufer zusammen, so erhalten sie ihren Anteil zu einem besseren Preis. Ich bin auf die Gemüsekooperative Ortoloco in Dietikon und die lokalen Landfrauen zugegangen, die von der Idee sehr begeistert sind. Nun hoffe ich, dass auch die Mieter mitziehen werden.

Dieses Konzept würde auch dem Anspruch der gelebten Nachhaltigkeit in der Futura-Siedlung entsprechen. Doch wie wollen Sie Menschen davon überzeugen, die es noch nie interessiert hat, ob sie Bio-Gemüse essen oder nicht?

Das Beispiel des gemeinsamen Einkaufs zeigt den Ansatz, den ich verfolge, sehr genau. Es geht um «Peer-Learning». Wenn Menschen das Gefühl erhalten, mitzubestimmen oder Teil von etwas zu sein, so überzeugen sie sich selbst davon, dass etwas Sinn macht. Dass sie zum Beispiel nicht mehr Heineken-Bier kaufen, sondern das Produkt einer Zürcher Brauerei. So hat Nachhaltigkeit nichts mehr mit Jutte-Säcken und Hippietum zu tun. Eine ressourcenschonende Lebensführung wird plötzlich hip.

Sie arbeiten eigentlich an einer Kommune des 21. Jahrhunderts.

«Kommune» ist ein sehr negativ konnotiertes Wort. Ich glaube auch nicht, dass die Bewohner der Siedlung diese als Kommune wahrnehmen. Die Wohnungen sind sehr edel und qualitativ hochstehend gebaut. Hier riecht nichts nach Räucherstäbchen.

Wie kann man bei gemeinsamen Projekten und Anlässen einer Gemeinschaft Rechnung tragen, die so vielfältig und unterschiedlich sozialisiert ist?

Nach dem System «Trial and Error». Es ist ein Herantasten an die Befindlichkeiten. Mit Bier und Wurst holt man noch heute die meisten Leute ab. Ich versuche aber auch bewusst, Bedürfnisse in den Leuten zu schaffen, indem ich etwa Künstler in den Gemeinschaftszonen Projekte umsetzen lasse. So setzen sich auch die Bewohner mit bildender Kunst auseinander, die sich sonst vielleicht nicht dafür interessieren. Ich habe nicht vor, Vollversammlungen durchzuführen. Wer an gemeinsamen Anlässen und Festivitäten erscheint, ist willkommen. Wer aber keine Lust darauf hat, soll nicht daran teilnehmen.

Fruchten Ihre Zusammenführungsbemühungen bereits?

Ich würde sagen, Ja. Es gibt bereits einzelne Bewohner, die sich gegenüber dem benachbarten Storchennest abgrenzen und stolz darauf sind, Teil dieses Experiments zu sein. Mit einem profunden sozialen Empfinden ausgestattet sind übrigens jene Bewohner, die aus Südosteuropa stammen. Sie bilden heute den Kit in unserer Siedlung. Dadurch entsteht eine positive Form von Integration. Denn integriert werden müssen heutzutage nicht nur Migranten. Auch viele Schweizer leben sehr isoliert.

Und wenn man bloss hier wohnen und nicht mit den Nachbarn in Kontakt treten will.

Dann ist das absolut legitim. Wenn man die eigene Zufriedenheit in der Abgeschiedenheit sucht, soll auch dies möglich sein.

Rund um die Siedlung versuchen die Schlieremer Behörden derzeit, die Bewohner des Stadtteils Schlieren Südwest zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen zu lassen. Ist es da nicht kontraproduktiv, in der Futura-Siedlung eine so autonome, in sich geschlossene Einheit zu schaffen?

Dass sich die Bewohner der Futura abkapseln könnten, befürchte ich nicht. Die erwähnten Abgrenzungstendenzen zeigen bloss, dass die Mieter hier angekommen sind. In einem unserer Gebäude befindet sich auch das Quartierbüro, das mit der Umsetzung des Projet Urbain betraut ist. Ich habe bereits signalisiert, dass wir unsere Gemeinschaftsräume und unsere Werkstatt gerne auch an Stadtteilbewohner ausserhalb der Siedlung vermieten. Ich würde diese Besucher als grosse Bereicherung ansehen.

Im besten Fall braucht es Sie dereinst gar nicht mehr, weil sich die Bewohner der Siedlung selbst organisieren.

Ja. Und sobald alles klappt, bin ich sehr wohl bereit, mich selbst abzuschaffen (lacht). Meine Stelle ist auf ein Jahr befristet. Die Frage ist aber, wie lange es dauern wird, bis das Zusammenleben aufgegleist ist. Die gemeinschaftlich-demokratische Selbstverwaltung der Mieter, wie sie vorgesehen ist, zeigt erst einzelne zarte Triebe. Es gibt also noch viel zu tun.