Bundesrat
Integration beeinträchtigter Menschen: «Es müssen Anreize geschaffen werden»

Auch der Bundesrat wurde auf die Benachteiligung beeinträchtigter Menschen im Arbeitsmarkt aufmerksam. Insbesondere würden sie mit Vorurteilen kämpfen.

Alex Rudolf
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Trotz Rollstuhl im Arbeitsleben integriert. (Symbolbild)

Trotz Rollstuhl im Arbeitsleben integriert. (Symbolbild)

Keystone

Sie habe hautnah miterlebt, was es heisst, nicht die gleichen Startchancen im Leben zu haben. Dies, weil ihre Verwandtschaft zahlreiche Gehörlose zählt. Heute ist die Aargauer Ständerätin Pascale Bruderer (SP) die Präsidentin von «Inclusion Handicap», der Dachorganisation für Menschen mit einer Beeinträchtigung, und setzt sich in dieser Funktion für die Chancengleichheit ein. Sie fordert, die Arbeitgeber verstärkt in die Verantwortung zu nehmen.

Dabei hat die Organisation noch viel zu tun. Dies geht aus dem Staatsbericht hervor, den der Bundesrat im vergangenen Sommer veröffentlichte. Darin heisst es, dass in der Schweiz die Rechte der Menschen mit Behinderung weitgehend berücksichtigt würden. «Das Zusammenspiel zwischen den behindertenpolitischen Massnahmen von Bund und Kantonen und die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen kann jedoch verbessert werden», heisst es darin.

Insbesondere im Bereich Arbeit ortete der Bundesrat Lücken. So würden die Vorschriften zum Diskriminierungsschutz – besonders im Erwerbsleben – ihre Wirkung nur beschränkt entfalten. «Der Bundesrat hat daher beschlossen, Möglichkeiten zur Verbesserung dieses Schutzes vertieft zu prüfen», heisst es weiter.

Stellensuche oft erfolglos

Den mangelhaften Diskriminierungsschutz untermauern die im letzten Dezember veröffentlichten Zahlen des Bundesamtes für Statistik. So würden Beeinträchtigte weniger häufig eine Stelle finden als Menschen ohne Beeinträchtigung (71 Prozent gegenüber 85 Prozent). «Und wenn doch, dann überdurchschnittlich oft nur Teilzeit.» Sie sind weniger zufrieden mit ihrer finanziellen Situation und haben häufiger Nachtarbeit zu leisten.

«Neben Zweifeln an der Leistungsfähigkeit bestehen auch Berührungsängste seitens der Arbeitgeber.»

Bericht zur Entwicklung der Behindertenpolitik des Bundes

Der Anfang dieses Jahres veröffentlichte Bericht zur Entwicklung der Behindertenpolitik des Eidgenössischen Departements des Inneren zeigt auch die Gründe dafür auf. So seien Menschen mit Behinderungen oft mit sozialen Barrieren konfrontiert. «Insbesondere mit Vorurteilen und fehlendem Wissen seitens der Arbeitgeber und Mitarbeiter», heisst es. Zudem weist das Gesetz Lücken auf. Denn im Erwerbsbereich gebe es keine Diskriminierungs- oder Benachteiligungsverbote oder Pflichten zu Vorkehrungen für Mitarbeiter mit Behinderung. Zudem hätten Arbeitgeber grosse Vorbehalte, Menschen mit Behinderung anzustellen. «Neben Zweifeln an der Leistungsfähigkeit bestehen auch Berührungsängste.»

Gewalt und Mobbing

Konsequenzen solcher Benachteiligung lassen sich in den Zahlen des statistischen Amtes ablesen. So sind die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung schlechter, schreibt Inclusion Handicap auf seiner Website. Sie haben weniger oft eine Arbeitsstelle und falls doch, würden sie deutlich häufiger benachteiligt. «Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass über ein Viertel der Befragten mit Behinderungen mindestens einmal im letzten Jahr benachteiligt worden sind, bei Menschen mit einer schweren Behinderung sind es gar über ein Drittel», schreibt die Dachorganisation. Zu diesen Benachteiligungen gehören etwa Gewalt, Einschüchterungen und Mobbing.

Die von Bruderer initiierte nationale Konferenz zur Arbeitsmarktintegration will dies ändern und mehr Stellen für Menschen mit Behinderung schaffen, heisst es bei Inclusion Handicap. «Dabei müssen Anreize geschaffen werden, Menschen mit Behinderung anzustellen», schreibt der Dachverband auf seiner Website.

Bereits Ende 2017 will der Bundesrat einen neuen Bericht zur Integration beeinträchtigter Menschen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens in der Schweiz veröffentlichen.