Herr Wermelinger, Sie haben die Insektenvielfalt auf Sturmflächen untersucht. Über welchen Fund waren Sie besonders überrascht?

Beat Wermelinger: Es hat mich gefreut, dass sich der Bunte Eichenprachtkäfer auf diesen Flächen wohl fühlt. Diese Käferart steht auf der Roten Liste und ist entsprechend selten zu sehen. Ich denke, ihm gefällt das reichhaltige Angebot an Totholz und Blüten.

Welche anderen Arten haben Sie aufgespürt?

Wir haben insgesamt fast 1300 Insekten- und Spinnenarten gezählt. Das ist eine sehr grosse Zahl. Darunter vertreten ist ein Querschnitt von Insekten mit verschiedenen Funktionen: Bestäuber, Pflanzenfresser, Räuber und Holzbewohner.

Warum ist die Vielfalt auf Sturmflächen so gross?

An diesen Orten trifft der geschlossene Wald auf das Offenland. Diese unterschiedlichen Lebensräume locken eine Vielfalt von Insekten an. Jede Art kann die Nische besetzen, in der sie stark ist.

Ist das Bestimmen von Insekten einfach?

Nein, das ist eine aufwendige Sache. Zuerst haben wir die Insekten mit Flug- und Bodenfallen gefangen. Anschliessend nahmen etwa ein Dutzend Spezialisten aus Europa die Insekten einzeln unter die Lupe.

Warum haben Sie auf so viele Experten zurückgegriffen?

Es ist unmöglich, alle Insektenarten zu kennen. Die Bestimmung setzt viel Erfahrung in der entsprechenden Gruppe voraus. Ein Kriterium kann zum Beispiel sein, wie viele Borsten ein Käfer an den Beinen hat. Ohne entsprechende Vergleichswerte ist es schwierig, starke und schwache Beborstung auseinanderzuhalten.

Profitiert der Wald von der Vielfalt der Insekten?

Ganz sicher. Insekten übernehmen wichtige Funktionen im Wald. Sie beschleunigen beispielsweise den Laubumsatz oder helfen, Holz abzubauen, indem sie es durchlöchern und den Pilzen so Zugang verschaffen. Durch die Insekten kann die Biomasse viel schneller umgesetzt werden. Spezialisierte Insekten beseitigen auch Aas und Kot. Der Totengräber zum Beispiel vergräbt tote Mäuse, um sie dem Nachwuchs zu verfüttern. Gleichzeitig sind Insekten auch die Nahrungsgrundlage für Singvögel. Insekten sind also nicht nur Plagegeister, sondern auch Gestalter des Waldes, weil sie neue Lebensräume schaffen.

Ist das Ansehen des Borkenkäfers also zu Unrecht schlecht?

Ja und nein. Der Borkenkäfer, genauer der Buchdrucker, ist ein Pionier beim Abbau von Holz. Zudem erhält er die Gesundheit des Waldes, indem er geschwächte Bäume befällt. Er kann aber zum Schädling werden, wenn die Population zu stark wird und ihn seine natürlichen Feinde nicht mehr in Schach halten können. Dann hilft nur das konsequente Abholzen der befallenen Bäume.

Wie sollen Förster in Zukunft mit Sturmflächen umgehen?

Um eine möglichst grosse Artenvielfalt zu erreichen, lohnt es sich, wenn die Sturmflächen teils geräumt, teils nicht geräumt werden. Wir haben nämlich in unseren Untersuchungen gesehen, dass auf geräumten und ungeräumten Flächen nicht die gleichen Insektenarten auftreten.

Was fasziniert Sie persönlich an Insekten?

Mich erstaunt die Vielfalt. Es gibt in der Schweiz rund 26 000 Arten und jede Art sieht nicht nur anders aus, sondern hat auch ihre eigenen Strategien. Es gibt zum Beispiel solche, die ihre Fortpflanzung maximieren, und andere, die ihre Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhen.