Mein Ding
Informatikschulung für Senioren: Das Internet einfach erklärt

Lydia Lippuner
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Nicolas Pierre Tinguely war schon als Kind fasziniert von neuen Technologien.

Nicolas Pierre Tinguely war schon als Kind fasziniert von neuen Technologien.

«Ich trank einige Male Tee mit Sir Timothy John Berners-Lee, dem Erfinder des Internets», sagt Nicolas Pierre Tinguely in seinem Wohnzimmer in Urdorf. Sir Tim, wie er der Einfachheit halber genannt wurde, erfand die Internet-Programmiersprache HTML. Dank seinem Beruf als beratender Ingenieur traf Tinguely Sir Tim einige Male im Cern in Genf. Das Cern, die Brutstätte physikalischer Erfindungen, war aber nicht der einzige Ort, an den Tinguely berufshalber reiste. «Ich war ständig unterwegs, nach Paris, Spanien oder in die USA.»

Dort lernte er die neusten technischen Geräte kennen und erlebte die Entstehung des Internets hautnah mit. Das kommt ihm auch noch heute, nach seiner Pension zugute. Denn nun leitet der 72-Jährige die Computeria in Urdorf. Die Computeria ist ein Verein, der es sich zum Ziel machte, Senioren in der Handhabung des Computers zu schulen. «Ich merkte, dass die Gruppe jemanden brauchte, der sich im technischen Bereich auskennt», sagt Tinguely. So engagierte er sich im Verein und gab sein Internet-Wissen weiter.

Beliebter als Migros-Klubschule

«Ältere Leute kann man nicht mehr mit Frontalunterricht lehren», sagt Tinguely. Deshalb fokussiert sich die Computeria nebst den monatlichen Vorträgen auf Individualunterricht, die sie zweimal pro Woche anbietet. Dabei sind die Bedürfnisse so unterschiedlich wie die Teilnehmer: Einige begleiten die ehrenamtlichen Ausbildner beim Kauf eines neuen Laptops, anderen zeigen sie, wie man im Internet eine Wanderung oder Reise planen kann. Das sei auch der Unterschied zur Migros-Klubschule, dort werde vieles standardisiert an der Leinwand gezeigt. «Manchmal sind die Hindernisse aber auch sehr gross», sagt Tinguely. Etwa wenn bei Senioren die Koordination mit den Händen versagt. Das Erfolgsrezept für die meisten sei, dass sie ihre Angst verlören. In vielen Fällen ist Tinguely aber erstaunt über die wachen Geister und die starke Willenskraft seiner mehrheitlich weiblichen Kursbesucher.

Der eigene Wissensdurst führte Tinguely bereits in jungen Jahren in die Welt der Technik ein. «Als Schüler erhielt ich von meiner Grossmutter den ‹Pfiffikus›, ein Buch mit Experimenten», sagt er. Es sei etwa so dick wie ein grosses Wörterbuch gewesen, trotzdem habe er kaum Experiment unversucht gelassen. Nicht zur Freude seines Ätti, dieser sei ein strenger Vater gewesen. Eines Nachts sei er gegen Mitternacht ins Zimmer von Tinguely gekommen. Just in diesem Moment startete der damals bereits jugendliche Sohn den Motor seiner selbst gebastelten fliegenden Untertasse. Das hat den Vater wohl überzeugt. Tinguely durfte ein Jahr ans Tech in Fribourg. Danach reichte das Geld nicht mehr, so musste er eine Maschinenschlosserlehre absolvieren. Doch sein Traum, an der Front der Technologie mitzuwirken, liess ihn nicht los. So wechselte er schliesslich zum Handels- und Dienstleistungsunternehmen Omni Ray in Dübendorf, dort blieb er 28 Jahre als beratender Ingenieur.

Ungewisse Zukunft

Jetzt nach seiner Pension besuchen rund 30 Personen seine Vorträge bei der Computeria. Auch die individuellen Schulungen seien bisher mehrheitlich ausgebucht gewesen. Doch nicht die Zahlen, sondern der Erfolg der Kursteilnehmer ermutigen Tinguely: «Da war zum Beispiel ein Mann, der mit 88 Jahren lernte, wie er eine Tonspur aufnehmen kann», sagt er. Das sei toll gewesen. Wie lange der Kurs noch so gefragt ist, weiss Tinguely nicht. «Ich denke, es könnte schneller zu Ende sein, als man denkt.» Denn seine Generation, die bis zur Pension kaum je etwas mit dem Computer zu tun gehabt habe, werde nun abgelöst von Pensionären, die das Internet kennen.