Agglomeratin Zürich
Industriealisierung im Limmattal: Wie St. Moritz, nur anders

Der wachsende Tourismus führte im Oberengadin zu ähnlichen Entwicklungen wie die Industrialisierung in der Zürcher Agglomeration. Das zeigt ein Buch, das aufgrund von 240 Fotografien die Entwicklung der Region Schlieren und St. Moritz illustriert.

Florian Niedermann
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Vor Kurzem erschien das Buch «Auf Gemeindegebiet». Es illustriert anhand von 240 Fotografien die Entwicklung Schlierens und der Umgebung von St. Moritz seit 1945. Beim Betrachten der Bilder stellt man fest, dass viele Entwicklungen wie die Zersiedelung, der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur oder der Wandel des öffentlichen Raums in der Agglomeration Zürichs genauso spürbar wurden, wie im Tourismus-Mekka der Alpen.

Der grösste Unterschied zwischen den beiden Orten sei, dass das Oberengadin durch die Postkarten- und Werbefotografie bekannt ist, aber kaum jemand nach Schlieren reisen würde, um sich den Ort anzusehen, erklärt Meret Wandeler, Projektleiterin an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und Co-Herausgeberin des Buches: «Das Oberengadin ist eine der wichtigsten Tourismusregionen der Schweiz und wird vor allem über die Bildwelt, die es produziert, wahrgenommen. Schlieren hat als Wohnort, Industrie- und Dienstleistungsstandort eher eine funktionale Bedeutung.» Ziel ihrer Arbeit sei es daher, aufzuzeigen, dass diese beiden Raumtypen nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten aufweisen. «Wir wollten ein differenzierteres Bild zeichnen», so Wandeler. Es gebe nicht nur die «Schönschweiz» und die «Gebrauchsschweiz», wie dies der Architekt und Publizist Benedikt Loderer postuliert habe, sondern an beiden Orten beides. Die Urbanisierung wurde in Schlieren vor allem durch die Industrialisierung vorangetrieben. Im Oberengadin war es das Wachstum des Tourismus das einen ähnlichen Prozess ausgelöst hat, wie Wandeler erklärt.

Das Konzept des Bildarrangements erscheint simpel: Auf jeder Seite sind zwei Fotografien zu sehen. Die obere stammt jeweils aus Schlieren, die untere aus dem Oberengadin. So ergeben sich über das ganze Buch zwei Bildstrecken, die grob chronologisch geordnet sind. Diese Chronologie wird allerdings immer wieder durchbrochen, weil die Bilder auch aufgrund technischer oder inhaltlicher Eigenschaften gruppiert wurden. So kommt es vor, dass auf einer Doppelseite je ein schwarz-weiss und ein Farbfoto der beiden Orte diagonal übers Kreuz arrangiert sind. Oder dass Aufnahmen von traditionellen Gebäuden neben solchen von modernen Bauprojekten stehen.

Ausgewählt und arrangiert hat sie Wandeler zusammen mit dem Leiter des Studiengangs Master of Arts in Fine Arts der ZHdK, Ulrich Görlich, aus einer Sammlung von rund 4000 Bildern. Sie zeigen keine Luftaufnahmen, sondern es handelt sich um Fotos, die Wohn- und Gewerbegebiete, Strassenräume und angrenzende Landschaften zeigen. Die Urbanisierung zeigt sich aber nicht nur in der Architektur der Gebäude oder im zunehmenden Ausbau der Verkehrswege, sondern auch in der Zunahme von Werbeschildern oder der Möblierung des öffentlichen Raums.

Die Bilder bezeugen den permanenten Wandel, in dem sich die beiden Orte damals befanden – und noch heute befinden. Bei allen Gemeinsamkeiten, die das Buch dem Betrachter vor Augen führt, bleiben dennoch markante Unterschiede in der Entwicklung des Oberengadins und Schlierens, die auch auf den Bildstrecken zu sehen sind.

Dazu gehört etwa der Zusammenbruch der Schlieremer Industrie mit der Schliessung der «Wagi» in den Achtzigerjahren. «Diese Zäsur beeinflusste die Entwicklung Schlierens stark. Im Engadin gab es so etwas nicht», sagt Wandeler. Die Urbanisierung im Oberengadin sei viel konstanter verlaufen und weise keine so starken Brüche auf. Im Buch «Auf Gemeindegebiet» sind neben den Bildstrecken auch Essays zur Urbanisierungsgeschichte der Schweiz enthalten, die diese Entwicklungen beschreiben.

Das Bildmaterial im Buch stammt aus einer Fotosammlung, die im Rahmen des Forschungsprojektes «Archiv des Ortes» des Instituts für Gegenwartskunst der ZHdK entstanden ist. Die Hochschule arbeitete dabei mit der Graphischen Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek zusammen. Der Bildfundus stammt aus Beständen vor Ort, die erstmals systematisch gesichtet wurden: Archive von Postkartenverlagen, Zeitungen, Unternehmen, Gemeindeverwaltungen, kulturhistorischen Archiven oder auch von Privaten. «Uns hat erstaunt, wie viel Fotomaterial von Schlieren in diesen Sammlungen überhaupt vorhanden ist», sagt Wandeler.

www.archiv-des-ortes.ch