500 Jahre Reformation

In Weiningen sorgte ein Bildersturm für Aufregung

Mit der Lichtinstallation «Schattenwurf Zwingli» des Lichtkünstlers Gerry Hofstetter wurde   in Zürich diese Woche das Jubiläumsjahr der Reformation eingeläutet.

Mit der Lichtinstallation «Schattenwurf Zwingli» des Lichtkünstlers Gerry Hofstetter wurde in Zürich diese Woche das Jubiläumsjahr der Reformation eingeläutet.

Ausgelöst durch Huldrych Zwingli, griff die Reformation rasch auch auf die Zürcher Landschaft über. Im Limmattal waren bis 1529 alle Gemeinden zum neuen Glauben übergetreten. Einzig in Dietikon mussten sich Reformierte und Katholiken arrangieren. Das führte immer wieder zu Streitereien.

Er predigte gegen die Verehrung der Heiligen, formulierte Zweifel am Fegefeuer, lehnte den Priesterzölibat ab, brach das Fastengebot – und hatte Erfolg. Dank der Unterstützung des Rats von Zürich konnte Huldrych Zwingli die Reformation in der Stadt in wenigen Jahren durchsetzen. Von dort griff sie schnell auf die Zürcher Landschaft über. Auch im Limmattal, das Untertanengebiet der acht alten Orte der alten Eidgenossenschaft war und von der Grafschaft Baden regiert wurde, aber zum Teil unter Kontrolle der Stadt Zürich stand, nahmen die Gemeinden ab Mitte der 1520er-Jahre den neuen Glauben an.

Was 1517 Martin Luther mit seinen Thesen zum Ablasshandel in Wittenberg und kurz darauf Zwingli in Zürich auslösten, wird ab diesem Jahr mit dem Reformationsjubiläum gefeiert. Kaum ein anderes Ereignis hat die Stadt und die Landschaft stärker geprägt als die Reformation vor 500 Jahren.

Vielerorts ging sie widerstandslos vonstatten. Die Reformation wurde von der Bevölkerung gar aktiv unterstützt, wie etwa in Weiningen. Dort herrschte im Herbst 1523 Aufruhr. Mit Georg Stäheli trat dort im Herbst ein Freund Zwinglis die Stelle als Pfarrer an. Dank seiner leidenschaftlichen, gegen Söldnerwesen und Bilderverehrung gerichteten Predigten konnte er rasch viele Leute für den neuen Glauben begeistern.

Doch damit nicht genug. Was sich kurz darauf ereignete, sollte in Weiningen noch viel zu reden geben. Denn kurz nach seiner Ankunft heiratete Stäheli am 11. November die Witwe Katharina von Büttikon. In der folgenden Nacht verschafften sich vier Weininger Zutritt zur Kirche «und trugen, ohne Wissen oder Zustimmung der Gemeinde, die Heiligen auf den Voraltären hinweg und versteckten sie, sodass sie für immer verschwunden blieben», notierte Theodor Sieber, der von 1915 bis 1920 als reformierter Pfarrer in Weiningen wirkte.

Die Weininger standen zu Stäheli

Die Angelegenheit war damit jedoch noch lange nicht ausgestanden. Sie nahm nun richtig Fahrt auf. Um die teure Tafel am Hochaltar zu schützen, wurde sie von einigen Leuten heruntergenommen und in einer Kammer eingeschlossen. Dort blieb sie jedoch nicht lange. Die Kammer wurde in der Nacht darauf aufgebrochen und die Tafel ins Wirtshaus gebracht. «Hier wurden die Bilder des heiligen Johannes und der heiligen Katharina aus der Tafel herausgebrochen und, nachdem man lange seinen Mutwillen mit ihnen getrieben hatte, Bilder und Tafel verbrannt», berichtete Sieber. Und es kam noch schlimmer. Das Bild des Gekreuzigten sei beschimpft worden, ehe einer der Bilderstürmer ihm mit dem Schwerte den Kopf abschlug.

Der Weininger Bildersturm blieb nicht unbemerkt und sollte gesühnt werden. So jedenfalls sah es die eidgenössische Tagsatzung vor, die im Januar 1524 in Luzern zusammentrat. Bitter wurde dort über den «bösen, schändlichen, ketzerischen Handel» geklagt, der von der Stadt Zürich ausgehe. Stäheli und die Bilderstürmer sollten deshalb verhaftet werden. Doch daraus wurde nichts – auch dank den wehrhaften Weiningern, die zu ihrem Pfarrer hielten. Als bekannt wurde, dass der Landvogt Fleckenstein zu Baden den Pfarrer und die Bilderstürmer in der Nacht des 21. Januar dingfest machen wollten, griffen die Weininger zur Waffe und stellten sich vor Stäheli. In Baden vernahm man die Nachricht, noch ehe der Trupp des Landvogts sich in Bewegung setzte. Das Unterfangen wurde abgeblasen und Weiningen blieb dem neuen Glauben treu.

Daran änderte auch der Sieg der katholischen Orte gegen die Reformierten im zweiten Kappeler Krieg und der Tod Zwinglis am 11. Oktober 1531 nichts. Im zweiten Landfrieden wurde festgehalten, dass Gemeinden der Untertanengebiete reformiert bleiben durften, es ihnen aber freistand, wieder zum alten Glauben zu wechseln. Unmöglich war es für Gemeinden hingegen, zum neuen Glauben überzutreten. Und so begann ein zähes Ringen um die Rekatholisierung einzelner Gemeinden im Untertanengebiet, wo nach der Reformation die katholischen Orte das Übergewicht hatten. In Weiningen und Schlieren, wo bereits vor 1531 eine starke reformierte Mehrheit bestand, fruchteten diese Bemühungen nicht. Auch in Urdorf, Birmensdorf oder Uitikon, die unter starkem Einfluss der Stadt Zürich standen, war eine Rückkehr zum alten Glauben kein Thema.

Teilweise Rekatholisierung

Ganz verschwand die katholische Bevölkerung jedoch noch nicht aus diesen Gemeinden. Noch Ende des 16. Jahrhunderts lebten etwa in Weiningen und Unterengstringen gegen 70 Katholiken, die im Kloster Fahr zur Kirche gingen. Das änderte sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als ein Zürcher Bürgermeister die katholische Bevölkerung vor die Wahl stellte, zum neuen Glauben überzutreten oder ihre Dörfer zu verlassen. Einige gaben nach, andere bevorzugten den Wegzug.

In den Limmattaler Gemeinden war die Bevölkerung fortan fast ausschliesslich reformiert. Bis zum Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich daran nichts. Einzige Ausnahme bildete Dietikon. Der heutige Bezirkshauptort war eine der Gemeinden, die nach dem Landfrieden von 1531 zumindest teilweise rekatholisiert wurden. 1529 führte dort Pfarrer Beat Gering die Reformation durch. Er verteidigte sie auch dann noch vehement, als der Landvogt von Baden verlangte, dass in Dietikon wieder ein Altar errichtet und die katholische Messe gelesen werden müsse. 1532 verbreitete sich gar das Gerücht, dass die Dietiker bereit wären, den Landvogt zu erstechen, sollte er zur Eidabnahme in ihrem Dorf vorbeikommen und dabei einen katholischen Priester mitbringen. Nach langem Hin und Her wurde schliesslich doch ein Altar errichtet. Er wurde von den Reformierten jedoch gleich wieder zerstört.

Zur Eskalation kam es dann 1533. Gering predigte vehement gegen die Altgläubigen an und verspottete sie auch noch. Er wurde wegen Landfriedensbruch angeklagt und sollte gefangen genommen werden. Dem Zugriff des Landvogtes entzog sich Gering durch die Flucht ins reformierte Urdorf, das zu Zürich gehörte, jedoch immer noch Teil der Dietiker Kirchgemeinde war. So kam es, dass sich die beiden Konfessionen wohl oder übel untereinander arrangieren mussten. Bis ins 20. Jahrhundert hinein teilten sie sich die einzige Kirche in Dietikon.

Immer wieder Streit

Dieses Nebeneinander der beiden Konfessionen führte immer wieder zu Reibereien. Deshalb war das Amt des Kollators, der für die Einsetzung der Pfarrer verantwortlich zeichnete, besonders wichtig. In Dietikon oblag diese Aufgabe dem Abt von Wettingen. Er setzte sowohl den katholischen als auch den reformierten Pfarrer ein. Wobei er bei der Wahl des Letzteren nicht frei war. Denn vom Rat von Zürich erhielt er jeweils einen Dreiervorschlag. Auf dieselbe Art wurde auch die Bestellung des reformierten Pfarrers von Weiningen gehandhabt. Dort entschied der Abt von Einsiedeln. Die beiden Klöster waren überdies auch dazu verpflichtet, die reformierten Pfarrer zu besolden.

Das Regelwerk mochte noch so ausgefeilt gewesen sein, Grund für Streitigkeiten zwischen den Konfessionen gab es in Dietikon immer wieder. Etwa 1615, als sich die Reformierten beim Abt beschwerten, dass ihr Abendmahltisch aus der Kirche ins Pfarrhaus getragen und auf ihm gegessen wurde. Sie verlangten deshalb, einen verschliessbaren Taufstein zu errichten, dessen Deckel zugleich als Abendmahltisch dienen könne. Um der guten Nachbarschaft willen stimmte der Abt dem Vorhaben zu. Wer genau den Abendmahltisch aus der Kirche entfernte, konnte nicht eruiert werden. Besonders arg wurde es 1655, als Urdorfer den katholischen Pfarrer wegen Schmähreden gefangen nahmen, später aber wieder freiliessen.

Das Verhältnis der beiden Konfessionen besserte sich erst nach dem Zweiten Villmergerkrieg und dem Vierten Landfrieden von 1712. Dieser legte die Basis für die Einführung der Religionsfreiheit in der Schweiz. Die Kirche teilten sich Katholiken und Reformierte in Dietikon jedoch noch lange. Erst 1926 endete diese Besonderheit. Die sogenannte Simultankirche wurde im Frühling desselben Jahres abgebrochen und die Katholiken erstellten am gleichen Ort die St. Agatha. Bereits 1925 weihten die Reformierten ihre neue Kirche ein.

Quellen: Theodor Sieber: Georg Stäheli und die Reformation in Weiningen. In: Zwingliana. 3/9 (1917); Urdorf in der Geschichte; Dietikon: Stadtluft und Dorfgeist; Uitikon: Weihnachtskurier 1986; Chronik 3500 Jahre Weiningen; Odilo Ringholz: Die ehemaligen protestantischen Pfarreien des Stifts Einsiedeln; Sebastian Bott/Matthias Fuchs: «Es ist den Herren von Zürich gram um das würenlos.»: In Argovia: Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau.

Die reformierte Kirche in Uitikon wurde 1625 erbaut.

Die reformierte Kirche in Uitikon wurde 1625 erbaut.

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