Ein Wolf kommt selten allein — diesen Kalauer bestätigt eine Beobachtung eines Töfffahrers von vergangener Woche. Nachdem vor fast zwei Wochen in Schlieren ein Wolf von einem Zug überfahren worden war, meldete am vergangenen Dienstag ein Motorradführer der Kantonspolizei Zürich eine aufsehenerregende Begegnung: Als er am Dienstagnachmittag um 15.30 Uhr mit seinem Fahrzeug auf der Bucheneggstrasse in Stallikon unterwegs ist, sieht er an der Fahrbahn ein Tier. Sein Eindruck: Es muss ein Wolf sein.

Folgt auf den Schlieremer Einzelgänger also gleich ein Zweiter? Fritz Landolt, der zuständige Förster für den Privat- und Gemeindewald Wettswil und Stallikon, sagt zumindest, dass die Beschreibung des Töfffahrers durchaus auf einen Wolf zutreffen könnte: «Er sah ein Tier, das Ähnlichkeiten mit einem Schäferhund hatte. Seine Beschreibung erinnerte jedoch auch an den Jungwolf in Schlieren.» Bei der Einsatzzentrale der Kantonspolizei Zürich ging die Meldung ein, dass das Tier «dunkelgrau und gut genährt» gewesen sei, wie die Kapo auf Anfrage mitteilt. Landolt sagt, er sei nach Eingang der Meldung ausgerückt, um nach dem Wolf zu suchen, habe aber keine Fährten oder konkreten Hinweise gefunden. «Bisher konnten wir deshalb noch nicht verifizieren, dass es tatsächlich ein Wolf war, der dem Motorradfahrer begegnet ist», so der Förster.

Kanton erwartet weitere Wölfe

Seine Skepsis ist denn auch nicht unbegründet. Nach dem Wolfsfund in Schlieren von vorletzter Woche wollten auch im Aargau mehrere Zeugen ein solches Tier gesehen haben. Kurz darauf zeigte sich allerdings, dass es sich dabei um einen tschechischen Wolfshund gehandelt hatte, der bei einer Ausstellung in Aarauer Schachen ausgebrochen war. «Immer wenn irgendwo in der Schweiz ein Wolf gesichtet wird, häufen sich danach weitere Meldungen. Die Bevölkerung reagiert immer sehr sensibel», erklärt Landolt. So erstaunt es auch nicht, dass heute in der «Zürichsee Zeitung» eine weitere Wolfssichtung im Linthgebiet vermeldet wird.

Dennoch: Dass im Kanton Zürich bald wieder mit einem Wolf zu rechnen ist, wurde bereits letzte Woche klar. Nach dem Fund in Schlieren erklärte die Zürcher Fischerei- und Jagdverwaltung, dass weitere Tiere folgen werden. Auch Werner Flückiger von der Gruppe «Wolf Schweiz» bekräftigt diese Annahme: «Wenn der erste Wolf wirklich vom Calanda-Rudel in Graubünden stammt, wäre es gut möglich, dass auch einzelne seiner Geschwister den Weg zu uns finden.» Es sei bekannt, dass Jungwölfe, die sich von ihrer Gruppe trennen, grosse Distanzen zurücklegen, um sich ein Revier zu suchen. «Angesichts der dichten Besiedlung in der Schweiz werden sie auf ihrer Wanderung zwangsläufig auch mit Menschen in Sichtkontakt kommen», so Flückiger.

Und: Auch vom Schlieremer Wolf erfuhr die Fischerei- und Jagdaufsicht durch einen Augenzeugenbericht bereits, bevor er seinen Tod auf den Geleisen zwischen Urdorf und Altstetten fand: Eine Frau hatte mitgeteilt, dass sie Wolf in Birmensdorf gesehen habe.

Jäger und Gemeinden informiert

In Stallikon bleibt Landolt derweil auf der Hut: Er habe die Nachbargemeinden und die Jäger im Revier informiert. «Falls uns weitere Sichtungen eines Wolfes gemeldet werden, und wir seinen Aufenthaltsort eingrenzen können, werden wir versuchen, uns mittels Fotofallen Gewissheit zu verschaffen», sagt der Förster. Solange nicht ausgeschlossen werden könne, dass sich der Töfffahrer mit seiner Beobachtung geirrt habe, verzichte die Forstaufsicht jedoch darauf, die Bauern in der Region zu sensibilisieren. Selbst wenn es sich bei dem Tier im Säuliamt um einen Wolf handle, so wäre es durchaus möglich, dass dieser längst wieder weitergezogen sei.

Tritt ein Wolf in Erscheinung, so schreckt dies im Normalfall Bauern und Schafzüchter der Umgebung auf. Die Angst davor, dass die eigene Herde vom hungrigen Grosswild attackiert werden könnte, ist jeweils gross. Nicht so im Bezirk Dietikon. Nachdem der Schlieremer Wolf für Aufsehen gesorgt hatte, erklärten Bauern in der Region, dass sie es für verfrüht halten würden, Vorkehrungen zum Schutz ihrer Tiere zu treffen.

Für Menschen geht von diesen Raubtieren ohnehin keine Gefahr aus, wie die Jagd- und Fischereiverwaltung letzte Woche deutlich machte. Der Wolf sei ein scheues Tier und meide den Menschen, so die Erklärung.