In Ahmed Immos Take-away «Mittelmeerfood» an der Heimstrasse in Dietikon säumen gepolsterte, bordeauxrote Stühle die gut zehn Tische. Darauf haben in den acht Monaten seit Eröffnung Schweizer, Kurden, Syrer, Türken, Albaner, Afghanen, Russen, Christen, schiitische und sunnitische Muslime platzgenommen – kurz: Menschen jeglicher Herkunft und Konfession.

Eine friedliche Koexistenz, wie sie in Aleppo vor dem Bürgerkrieg, wo der 48-jährige Kurde seine Kindheit verbrachte, Alltag war. In der ehemaligen Garage speisen sie bei Immo und plaudern. Man redet über das Essen, über Politik, Integration und manchmal über Literatur.
Es ist Freitagmittag. Zusammen mit seinem einzigen Mitarbeiter, einem Syrer mit Ausweis F, steht Immo hinter dem Tresen seines Lokals und nimmt Bestellungen entgegen. Es wirkt, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

«Möchten Sie nicht mal das Schawarma probieren?», fragt er seine Gäste, wenn sie sich für eine Pizza entscheiden. Immos Schawarma, nach Grossmutters Rezept zubereitet, besteht aus mariniertem, am Spiess gegrilltem Pouletfleisch, das mit eingelegten Gurken, Toum-Knoblauchcreme und Granatapfelsirup in Fladenbrot eingerollt und warm serviert wird.

Schon wenn man Ahmed Immo die Hand gibt, wird klar, dass er sich nicht zurückhalten wird. Über Gott und die Welt zu sprechen und dabei auch persönlich zu werden, liege ihm, sagt er. Er sei ein Akteur, kein stiller Beobachter. Und einer, der seine Ziele hartnäckig verfolge. Immo dreht die Musik leiser und balanciert drei Kaffeetassen, für ihn und seine zwei Besucher, zu einem freistehenden Tisch.

Seine Geschichte beginnt im Norden Syriens, in Aleppo, wo er als eines von acht Kindern eines Teppichwebers und einer Schneiderin aufwuchs. Als Jugendlicher trat er einer linken Partei bei. In der 10. Klasse wurde er deshalb aus dem Mathematik-Unterricht geholt und zur Verwaltung zitiert. Man schenkte ihm Kaffee ein, dann wurde er zwei Stunden lang von einem Geheimdienstler und einem Mitglied der regierungstreuen Baath-Partei verhört. Sie wollten ihn zu einem Parteiwechsel drängen. Immo blieb ruhig, denn er wusste – eine aggressive Reaktion würde alles verschlimmern. Er kam glimpflich davon.

Flucht ins Ungewisse

Als 19-jähriger Agrarwissenschaftsstudent an der Universität Aleppo wurde ihm klar, dass der Machtapparat von Hafiz al-Assad, dem Vater des jetzigen syrischen Staatspräsidenten Baschar al-Assad, keinen Ungehorsam mehr duldete. Immo, damals ein überzeugter Kommunist, kandidierte für das Präsidentenamt des Studierendenrates. Seine Lehrer und Vertreter der Regierungspartei drohten ihm mit dem Ausschluss von der Hochschule. Er verlor die Wahl. «Später in der Mensa erzählte ein Kommilitone, er habe gesehen, wie der Stimmenzähler Zettel mit meinem Namen verschwinden liess», sagt Immo trocken.

Kurz darauf fiel sein Entscheid, Syrien zu verlassen, da gegen Regime-Kritiker wie ihn aufgehetzt wurde. Ein Journalismus-Studienplatz an der Lumumba-Universität in Moskau stand in Aussicht, wie andere kommunistische Studenten sollte Immo von einem Stipendium der sowjetischen Regierung profitieren. Nicht zurückblicken, nicht stehenbleiben, immer geradeaus gehen, fasst Immo seine Flucht zusammen. «Will noch jemand Kaffee?», fragt er dann in die Runde.

Im November 1989 landete Immo mit dem Flugzeug in Moskau. «Wenn ich meine Augen schliesse, kann ich mir die Szene genau vorstellen: Es war kalt. Da waren Menschen, ich roch Abgase, sah die Lichter zu den Seiten der Flugpiste und den Schnee, der vom Himmel fiel.» Immo lehnt sich vor und zieht die buschigen Brauen zusammen, wenn er erzählt, wie kurze Zeit nach seiner Ankunft die Sowjetunion und damit der Traum vom Journalismus-Studium zerfiel.

Sechs Jahre lang schlug er sich mit Warenhandel durch, bis 1994 der Tschetschenienkrieg ausbrach. Wer schwarze Haare hatte, wurde von einem Tag auf den anderen verdächtig, wie Immo feststellen musste. 1996 flüchtete er nach Deutschland. Dort, in einer Asylunterkunft traf er eine junge Frau, die, wie sich herausstellte, die Cousine seiner Jugendfreundin Sultana war. «Was ich insgeheim hoffte, bestätigte sich: Sultana war noch nicht verheiratet», sagt Immo und zum ersten Mal lächeln auch seine Augen, wenn es sein Mund tut.

Dostojewski als Vordenker

Zwei Jahre später heiratete er Sultana in Deutschland und gründete eine Familie. Immo arbeitete als Taxifahrer und trat in die Sozialdemokratische Partei ein. Er wurde Delegierter des Essener Integrationsrats, der sich für die Interessen der Einwohner mit Migrationshintergrund einsetzt. «Wir Deutschen…», sagt Immo, wenn er von seiner zweiten Heimat erzählt.

Heute lebt er allein in einer Wohnung im aargauischen Neuenhof. Seine Familie wohnt im 630 Kilometer entfernten Essen, wo seine drei Kinder in die Schule gehen. Alle paar Wochen kommt «Baba» sie besuchen, sonst telefonieren sie täglich. Warum all das zurücklassen? «Ich habe Prinzipien im Leben», sagt Immo auf mehrmaliges Nachfragen. Nach langem Zögern habe er seinem Schwager zugesagt, dass er ihm helfe, das Geschäft hier aufzubauen. Und das, obwohl er in Deutschland als Taxifahrer und Dolmetscher beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mehr verdient habe als jetzt.

Schmerzlich sei auch gewesen, einen Grossteil seiner Bücher zurückzulassen. Denn Immo liest viel, sonntags manchmal acht, neun Stunden, mit Vorliebe Dostojewski, der «mehr Philosoph als Schriftsteller» sei. Sein Favorit: «Die Brüder Karamasow». Wenn er frei hat, setzt sich Immo auf eine Parkbank am Zürichsee und liest, aktuell ein Buch über die Zivilgesellschaft. Den Begriff nimmt er in den Mund, wenn er von seinen Visionen für ein besseres Zusammenleben spricht. Der Weg dahin ist steinig – das ist Immo inzwischen klar geworden.

«Integration kommt nicht von oben, sondern von unten», sagt er und meint damit, dass Migranten Eigeninitiative zeigen sollten, etwa indem sie Sprachen lernen. Immo nimmt sich als Beispiel: Heute spricht er fliessend Kurdisch, Arabisch, Russisch, Deutsch, etwas Türkisch und einige Worte Schweizerdeutsch.

Ratschläge gibt es gratis

Migranten, die durch die Tür seines Take-aways treten, hilft Immo mit dem Ausfüllen von Formularen, er gibt ihnen Ratschläge mit auf den Weg und erzählt von seiner eigenen Flucht. Von Heimweh könne man nach 28 Jahren im Exil nicht sprechen, sagt Immo. Wenn er jemals zurückkehre, dann nur, um das Grab seiner Mutter zu besuchen. «Als sie im Sterben lag, sagte sie mir am Telefon, dass ich sie nicht in Syrien besuchen solle, weil ich sonst festgenommen würde. Dann hätte die Familie noch mehr Sorgen», erzählt Immo mit belegter Stimme.

Auch seinen Vater konnte er nicht mehr lebend in die Arme schliessen. Zumindest verpasste er die Beerdigung nicht, da sie in Istanbul stattfand. Es sind Schicksalsschläge, mit denen Immo nur schwer leben lernte. Dennoch sagt er: «Es gibt viele, die es noch schlimmer traf wie mich.» Eine Autobiografie werde er vielleicht einst schreiben, zu erzählen gebe es noch so viel. Dann hellt sich Immos Blick auf, er klatscht in die Hände. «Jetzt müssen Sie aber mein Schawarma probieren!»