Jeder trägt seinen Rucksack, sagt der Volksmund. Vollgestopft mit prägenden Erfahrungen aus Kindheit und Jugend, weist dieser oftmals den Weg durch das Erwachsenenalter. Auch der Schlieremer Jugendbuchautor, Primarlehrer und Musiker Martin von Aesch, bekannt als Chorleiter der Schlieremer Chind, trägt solche Geschichten mit sich rum. Nun packt er den besagten Rucksack aus und präsentiert mit seinem neuen Programm «Tigerfinkli» Kinderlieder für Erwachsene. Es ist ein musikalischer Rückblick auf frühe Erlebnisse, die ihn heute noch begleiten.

Die Idee kam von Aesch beim Schreiben neuer Lieder: «Eigentlich plante ich wieder, Kinderlieder zu schreiben, doch beim Komponieren wuchs der Wunsch, dieses Mal ein Programm für Erwachsene auf die Beine zu stellen», sagt er.
Entstanden ist zunächst das Lied «De Fussballstar», das seinen Kinderwunsch, ein Fussballer zu werden, thematisiert. Darin steht allerdings eine einstige Schulkameradin im Zentrum, der man zwar dankbar die Hausaufgaben anvertraute, die aber sonst wenig beachtet wurde. Eine Aussenseiterin, die später zur gefragten Fussballerin avancierte – und damit zum eigentlichen Star.

Beschwingte Verarbeitung

Von Aesch schrieb daraufhin weitere mehr oder weniger autobiografische Lieder, deren Titel wie «Losed zue» oder «Träne» allesamt Erlebtes heraufbeschwören. Denn was macht heute jemand, dem man in seiner Jugend immer wieder eintrichterte, er habe «Zwei linggi Händ»? Von Aesch weiss es und singt darüber.

Das Album-Cover von «Tigerfinkli».

Das Album-Cover von «Tigerfinkli».

Wie beim Titellied «Tigerfinkli», das Bezug auf die bekannten Schweizer Finken nimmt, die es seit rund 80 Jahren im Handel gibt. «Als Junge ging ich einmal unbeabsichtigt mit den Tigerfinkli zur Schule und der Spott meiner Mitschüler war gross», so von Aesch. Im Lied grämt er sich aber nicht über jenen Tag, sondern lässt seine «Tigerli» hochleben.
«Wir könnten im Grunde auch über Mobbing sprechen», sagt von Aesch. Doch es gehe ihm darum, wie man als erwachsene Person etwas Positives daraus gewinnt. So ist das Programm keine bittere Abrechnung, sondern eine beschwingte, aber späte Antwort auf frühe Vorkommnisse. Von Aesch thematisiert aber auch harmlosere Begebenheiten, wie etwa die erste – und unerfüllte – Liebe. «Ich war total in meine Lehrerin verknallt und als diese heiratete, brach für mich eine Welt zusammen.»

Ohne Heinz geht’s nicht

Musikalisch bleibt von Aesch seinem Stil treu. «Es ist Jazz für alle Generationen», sagt er. Seine Enkel sowie seine Mutter seien von den Liedern gleichermassen begeistert. Zusammen mit seinen langjährigen Musikpartnern Dani Solimine (Gitarre) und Yves Martinek (Piano) studierte er diese ein.
Wichtig waren ihm auch die Bläser: «Ich habe sechs Musiker angefragt, um Bläsersätze zu schreiben, und fünf von ihnen haben sich beteiligt. So wurden die Lieder sehr farbig und abwechslungsreich», sagt von Aesch. Alle wurden innerhalb nur eines Tages im Studio aufgenommen und sind auf einer CD erhältlich, die man aber nur an den Konzerten kaufen kann.

Das vom Posaunisten Bernhard Bamert gezeichnete CD-Cover spielt ebenfalls mit der geschilderten Thematik. Es zeigt einen nur mit Tigerfinkli bekleideten von Aesch, der mit einer Gitarre bedeckt auf einem Podest steht, umringt von nackten Menschen, die sich mit Teufeln der Vergangenheit ein Gerangel liefern.
Auf den Vertrieb mit grossen Playern wie Apple verzichtete er. «Es geht um das gesamte Programm und dieses beinhaltet auch Sketche zwischen den Liedern. Denn ungefähr 40 Prozent des Programms bestreite ich erzählend. Die CD taugt daher eher als Erinnerung an den Abend statt als reines Musikalbum.» «Tigerfinkli» beinhaltet zudem einen roten Faden in der Verkörperung des fiktiven Freundes Heinz. «Heinz versecklet mich dauernd, aber gleichzeitig hinterfrage ich ihn nie. Es ist im Grunde Heinz, der durch das Programm leitet.»

Nach der Premiere

Von Aesch und seine Musiker sind ein eingespieltes Team. Nur wenige Proben waren nötig, um die Aufführungen vorzubereiten, an denen dann jeweils von Aesch, Solimine und Martinek mit drei von fünf Bläsern auf der Bühne stehen. Nach der Zürcher Premiere Mitte September folgen einige weitere Daten bis zum Auftritt in Schlieren im November. «Die Möglichkeiten, um Auftritte zu erhalten, wurden immer schwieriger und meinem neuen Programm stehen manche Veranstalter skeptisch gegenüber, weil sie sich keinen Reim auf Kinderlieder für Erwachsene machen können», sagt von Aesch, der auch sein eigener Manager ist.
Der Schlieremer hofft auf begeisterte Mundpropaganda für ein langlebiges «Tigerfinkli». Und Angst, dass sein neues Programm bei Erwachsenen nicht ankommen sollte, hat von Aesch sowieso nicht. «Schliesslich trete ich üblicherweise vor Kindern auf und diese sind tatsächlich das härteste, weil ehrlichste Publikum überhaupt.»