Schlieren

In Sachen Muslim-Grabfeld herrscht noch heute Funkstille

Die schlichte Holzkonstruktion auf dem Schlieremer Friedhof bezeichnet das Grab eines Muslimen, der neben Christen bestattet wurde.

Die schlichte Holzkonstruktion auf dem Schlieremer Friedhof bezeichnet das Grab eines Muslimen, der neben Christen bestattet wurde.

Der Stadtrat wird sich bis auf weiteres nicht mit dem Thema Muslim-Grabfelder befassen. Erst soll der Kanton die entsprechende Verordnung revidieren. Auch der geplante runde Tisch mit Befürwortern und Gegnern hat niemals stattgefunden.

Vor einem Jahr erschütterte ein politisches Erdbeben die Stadt Schlieren: Das Parlament wies die Revision der Friedhofsverordnung mit einer Zweidrittelmehrheit zurück. Der Grund dafür lag im Vorhaben des Stadtrats, für die Schlieremer Muslime auf dem kommunalen Friedhof ein separates Grabfeld mit 110 Gräbern einzurichten. Was folgte, war ein öffentlich ausgetragener Konflikt zwischen den bürgerlichen Gegnern der Vorlage und der Vereinigung der islamischen Organisationen Zürich (VIOZ). Noch heute erscheint es unwahrscheinlich, dass sich in Sachen Grabfeld in absehbarer Zeit etwas ändern wird: Eine Umfrage der Limmattaler Zeitung bei den beteiligten Akteuren ergab, dass es seither auf politischer Ebene zu keinerlei Annäherungsversuchen kam. Zwischen der VIOZ und den Grabfeld-Gegnern herrschte Funkstille.

Werkvorstand Stefano Kunz (CVP), der zum Zeitpunkt der Debatte Präsident der Bürgerlichen Parteien Schlieren (BPS) war, erklärt, dass die Gegner der Vorlage es damals nicht als ihre Aufgabe erachteten, den ersten Schritt zu tun. Das Thema des Muslim-Grabfelds sei von aussen an die Stadt herangetragen worden. «Und solange kein Signal vonseiten der Muslime kommt, greifen wir die Frage auch nicht auf», so Kunz weiter.

Bürgerliche kritisierten Grabfeld

Die bürgerlichen Parteien und der Quartierverein hatten in der Parlamentsdebatte vor einem Jahr moniert, dass es nicht ihrer Vorstellung von Toleranz und Integration entspreche, auf dem städtischen Friedhof separate Grabfelder für einzelne Religionsgemeinschaften einzurichten. Sie hielten stattdessen an einem Friedhofskonzept fest, bei dem Angehörige jeglicher Konfessionen nebeneinander liegen. Für diese Haltung wurden sie von der VIOZ harsch kritisiert: Sie bezeichnete den Entscheid des Parlaments als «Rückschlag für die Integrationspolitik» und warf den Bürgerlichen vor, nicht Integration, sondern Assimilation – also die Aufgabe der eigenen Identität – nach «totalitärem Muster» zu verlangen. Nach muslimischem Glauben ist es schicklich, neben Angehörigen des gleichen Glaubens bestattet zu werden. Der Wunsch nach einem separaten Grabfeld oder Friedhof für Muslime rührt laut VIOZ aber daher, dass bestimmte bauliche Vorschriften und islamische Rituale Andersgläubige bei Friedhofsbesuchen stören könnten.

Die Revision der Friedhofsverordnung stand bereits vor ihrer Rückweisung unter einem schlechten Stern: Zum Einen stand sie in einem Wahljahr auf der Traktandenliste, was die Debatte zusätzlich emotional anheizte. Zum Anderen fand im Vorfeld kein Austausch zwischen den Muslimen und jenen Schlieremer Kreisen statt, die einem Grabfeld kritisch gegenüberstanden. Nach dem Nein erklärten die Gegner umgehend, dass der Dialog nun nachgeholt werden müsse. Was aber nicht geschah.

Trotz der sehr emotionalen Auseinandersetzung mit den bürgerlichen Parteien von damals beabsichtigen die Muslime heute, den Dialog wieder aufzunehmen, wie Muhammad Hanel von der VIOZ erklärt: «Gespräche mit den ablehnenden Parteien und dem Stadtrat sind geplant und gewünscht.» Denn: Das Thema des separaten Grabfeldes sei in den Gesprächen der lokalen muslimischen Gemeinschaft nach wie vor präsent. Bisher sei es allerdings noch zu keiner Kontaktaufnahme mit den Behörden gekommen, so Hanel. Die VIOZ erklärt, ein Dialog zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sei die einzige Möglichkeit, um das getrübte Verhältnis zwischen diesen Bevölkerungsgruppen zu verbessern: «Mir fehlt die respektvolle, transparente und nachhaltige Diskussion strittiger Themen der Classe politique mit entsprechenden Kräften aus muslimischen Reihen», sagt Hanel.

Passive Befürworter

Dass in Schlieren seit jener denkwürdigen Parlamentssitzung nicht mehr öffentlich über das Begehren der Muslime nach einem separaten Grabfeld diskutiert worden ist, liegt nicht nur am Streit zwischen den Gegnern der Vorlage und der VIOZ. Auch die Befürworter von damals thematisierten das Anliegen nicht mehr. Klar für ein muslimisches Grabfeld votierten in Schlieren SP und Grüne. SP-Gemeinderätin Rixhil Agusi-Aljili, die selbst zu den
16,5 Prozent Muslimen in der Stadtbevölkerung gehört, glaubt, dass ein eigenes Grabfeld nicht nur ein grosses Bedürfnis darstelle, sondern auch ein positives Zeichen der Akzeptanz.

Nach der Rückweisung der neuen Friedhofsverordnung gab sie ihrer Enttäuschung Ausdruck und kündigte an, einen runden Tisch mit Muslimen und Christen zu organisieren. Dieser solle eine Plattform bieten, um sich «losgelöst von parteipolitischen Programmen» austauschen zu können, erklärte sie.

Agusi war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Auf Anfrage erklärte SP-Präsidentin Béatrice Bürgin allerdings, dass bislang noch kein runder Tisch stattgefunden habe. Die Partei habe generell am Thema Muslim-Grabfeld noch nicht weitergearbeitet, räumt sie ein: «Aktuell ist nichts geplant. Es ist aber wohl auch nicht schlecht, etwas Gras über die Sache wachsen zu lassen, bevor man das Anliegen erneut aufs Tapet bringt», sagt sie.

Am 13. Juni endete die Vernehmlassung des Kantons zur Totalrevision der Bestattungsverordnung. Der erläuternde Bericht dazu deutet nicht darauf hin, dass sich die Situation der Muslime im Kanton Zürich ändern wird: Zwar sollen besondere Grabfelder «für Angehörige der gleichen Religionsgemeinschaften» auf öffentlichen Friedhöfen weiterhin zulässig sein, sofern die Grabesruhe auf 20 Jahre beschränkt wird und die Leichname bei Erdbestattungen eingesargt werden.

Der Entscheid, ob eine solche Ruhestätte auf einem kommunalen Friedhof angeboten werden soll, bleibt aber Sache der Gemeinden. In der Vergangenheit zeigte sich jedoch, dass solche Bestrebungen auch andernorts einen schweren Stand hatten.

Stadtrat wartet auf Kanton

In Schlieren hat sich der Stadtrat seit der Ablehnung der Friedhofsverordnung nicht mehr mit dem Thema befasst, wie Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher (SVP) auf Anfrage erklärt. Die städtische Friedhofsverordnung werde erst wieder auf den Tisch kommen, wenn der Kanton die übergeordnete Bestattungsverordnung abschliessend revidiert habe. «Wir haben dem Kanton unsere Wünsche dazu mitgeteilt. Das Muslim-Grabfeld kam aber nicht zur Sprache», sagt Dalcher. Der Stadtrat werde sich damit kurz- und mittelfristig nicht mehr befassen.

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