San Francisco empfängt uns mit kühler Schulter. Wir sind etwas enttäuscht, es ist kaum 16 Grad und eine steife Brise bläst uns ins Gesicht. Noch wissen wir nicht, dass wir uns schon wenige Tage später solche Temperaturen sehnlichst herbeiwünschen werden. Das Wahrzeichen der Stadt, die Golden-Gate-Brücke, hüllt sich vornehm in Nebel.

Unser nächstes Ziel ist das Death Valley, das Tal des Todes. Und bald wird uns auch klar, warum das Gebiet diesen Namen bekommen hat. Es ist heiss hier, sehr heiss sogar. Der Name «Tal des Todes» geht auf eine Gruppe Siedler zurück, die eine Abkürzung auf ihrem Weg nach Kalifornien suchte und nur mit grösster Mühe und immensen Verlusten dem Tode entronnen ist. Am tiefsten Punkt, der 85,5 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, zeigt das Thermometer 51,2 Grad. Noch nie auf allen unseren Reisen hatten wir solche Temperaturen.

Von Urdorf aus um die ganze Welt.

Von Urdorf aus um die ganze Welt.

Glühende Kohlen in den Schuhen

Ich habe mir in den Kopf gesetzt, einen kurzen, wunderschönen Canyon zu durchwandern. In der Schlucht steigt die Temperatur noch mehr an. Meine Gedanken kreisen bald nur noch um ein Wort: Trinken. Doch egal, wie viel ich trinke, nach kürzester Zeit fühlt sich mein Mund wieder völlig trocken an und meine Lippen kleben aufeinander. Die Füsse brennen, als hätte ich glühende Kohlen in den Wanderschuhen. Mit hochrotem Kopf muss ich nach einer halben Stunde aufgeben. Ich bin nahe am Kollaps, befürchte, dass mein Kreislauf zusammenbricht. Halb gekocht komme ich zum Auto zurück. Aber auch da gibt es keine Abkühlung, denn in unserem 27-jährigen Bus können wir von einer Klimaanlage nur träumen.

Die 43 Grad, mit denen uns Las Vegas empfängt, empfinden wir zwar nicht als angenehm, doch nach der Temperatur vom Vortag schon fast erträglich. Es ist eine der verrücktesten Städte, die wir je zu Gesicht bekommen haben. Die Fassaden der modernen Hotels muten wie eine Fata Morgana im Hitzedunst der Wüste an. Hier gehören «Herbergen» mit 3000 Luxussuiten zur Norm. Die Zimmerpreise sind günstig, denn das «grosse Geld» erhofft man sich von den unzähligen Spielkasinos, die praktisch in jedem Hotel integriert sind. Rund 39 Millionen Spieler versuchen hier jährlich ihr Glück. Entertainments, Shows und Glücksspiel dominieren die Stadt. Ohne reich geworden zu sein — aber auch nicht viel ärmer —, verlassen wir diesen speziellen Ort.

Uns zieht es wieder hinaus in die Natur, in die unzähligen Nationalparks im Westen der USA. Sie sind für uns der Höhepunkt dieser Reise. Die einzelnen Parks liegen meisten nur ein paar Fahrstunden auseinander und das ist natürlich bequem. Bei jedem Besuch eines neuen Parks, sei es der Grand Canyon, der Bryce Canyon oder das Monument Valley, haben wir das Gefühl, dass dieser noch schöner war als alles, was wir bisher gesehen haben.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass hier auf so engem Raum eine solche Fülle an grandiosen Naturschönheiten liegt. Dass wir hier nicht die einzigen Besucher sind, liegt nahe, denn die Amerikaner sind stolz auf ihre Nationalparks und besuchen sie oft und gerne: Der Grand Canyon, der meistbesuchte Park, verzeichnet 5 Millionen Besucher pro Jahr. Doch auf den zahlreichen Wanderwegen haben wir die einmaligen Landschaften fast für uns alleine.

In Amerika wird zwischen Nationalparks, Nationalmonumenten, Staatsparks und Wildnisgebieten unterschieden. Und ein solches Wildnisgebiet im Grand Staircase-Escalante Nationalmonument wollen wir besuchen. Das Gebiet heisst schlicht «The Wave», also die Welle. Seit ich Bilder davon gesehen habe, hat mich der Gedanke daran nicht mehr losgelassen. Weil es sich um ein Wildnisgebiet handelt, werden pro Tag nur 20 Besucher zugelassen. Jährlich versuchen rund 50 000 Personen über das Internet und nochmals 25 000 Personen direkt vor Ort, ein Permit dafür zu erhalten. Diese werden mittels einer Verlosung vergeben, die jeden Morgen um neun Uhr stattfindet.

Wir versuchen an drei Tagen erfolglos unser Glück, doch am vierten Tag wird unsere Beharrlichkeit belohnt: Wir gehören für den nächsten Tag zu den 20 «Auserwählten». Die 10 Kilometer Fussmarsch zur Welle bei Temperaturen von über 35 Grad nehmen wir in Kauf, um diese atemberaubenden Felsformationen zu sehen. Die Mühe hat sich gelohnt, unsere Erwartungen werden weit übertroffen — es ist einzigartig, was die Natur hier für Farben und Formen geschaffen hat.