Unterengstringen
In Highheels übers Kopfsteinpflaster am Karneval in Venedig

Der Besuch des Karnevals in Venedig ist für Judith Pauli wie eine Theaterpremiere. Für die passionierte Theaterfrau ist klar, dass sie ihr Kostüm selber näht.

Franziska Schädel (Text und Foto)
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Der Hut lässt sie grösser erscheinen: Die Unterengstringerin Judith Pauli besucht zum sechten Mal den Karneval in Venedig.

Der Hut lässt sie grösser erscheinen: Die Unterengstringerin Judith Pauli besucht zum sechten Mal den Karneval in Venedig.

Judith Pauli mag keine grossen Menschenmassen. In wenigen Tagen wird die Unterengstringerin trotzdem bereits zum 6. Mal nach Venedig an den Karneval reisen, im Gepäck die Kostüme und Hüte, die sie in ungezählten Stunden genäht hat.

«Gedränge herrscht nur unter den Zuschauern, die den besten Blick auf die Masken erhaschen wollen», erzählt Pauli. «Tritt man kostümiert auf die Strasse, bleiben die Leute stehen, machen Platz und von überall her hört man nur noch das Klicken der Kameras.»

Ihre erste Venedig-Reise ist ihr in bleibender Erinnerung. «Wir fuhren mit dem Vaporetto auf den Markusplatz zu, und da lag die Stadt mit ihrer grandiosen Kulisse vor uns wie eine grosse Theaterbühne.»

Dürrenmatt inspirierte zu Kostüm

30 Jahre lang hat Judith Pauli Laientheater gespielt. Die Bühne war ihr Leben. «Das Ende dieser Zeit hinterliess eine grosse Lücke», erzählt sie. Da kam 2011 die Einladung eines befreundeten Paares wie gerufen, sie kostümiert an den Karneval von Venedig zu begleiten. Aus dem einmaligen Erlebnis wird eine Tradition: Der Karneval-Virus hat Judith Pauli und ihren Mann Heinz mittlerweile fest im Griff.

Vor kurzem hat Pauli allerdings doch noch Theater gespielt. Im vergangenen Herbst verkörperte sie am Schlierenfest Claire Zachanassian, die Hauptfigur in Dürrenmatts Stück «Der Besuch der alten Dame». Beim Kauf des Stoffs für das Kleid, in welchem die alte Dame Rache an den Bewohnern ihrer Heimatstadt nimmt, hatte sie bereits den nächsten Karneval im Hinterkopf. «Das Kleid der alten Dame wurde zur Grundlage meines diesjährigen Karnevalkostüms», schmunzelt Pauli.

Im Wohnzimmer des Ehepaars in Unterengstringen hängen die Kostüme, welche die beiden dieses Jahr in Venedig zur Schau stellen werden. Dunkelgrün jenes von Ehemann Heinz, prächtig rosa dasjenige seiner Frau. Tüll und Volants, goldene Bordüren, Glitzer da und dort. Noch sind sie in Arbeit. Judith Pauli, die einmal Schneiderin gelernt hat, sprüht vor Ideen, lässt goldene Kettchen durch die Finger gleiten, spricht von Bändern und Perlen, die sie noch anbringen will. «Die letzten Stiche werde ich wohl im Auto auf der Fahrt nach Venedig nähen», lacht sie.

Ein Kunstwerk auch ihr Hut. Er lasse sie grösser erscheinen, meint Pauli verschmitzt. Sogar Highheels habe sie sich letztes Jahr gekauft, mit diesen habe sie den besseren Überblick. Zwar seien die hohen Absätze auf den unebenen Plätzen und Gassen Venedigs ein gewagtes Abenteuer, aber Eile sei beim Flanieren ohnehin nicht angesagt. Für eine Strecke von 800 Metern brauche man gut und gerne zwei Stunden. Überall werde posiert, überall Fotografen und Publikum. Das Ankleiden alleine nehme eine Stunde Zeit in Anspruch.

Nähen als Inszenierung

Abends sind dann Restaurantbesuche angesagt – gekleidet in historischen Biedermeierkostümen, mit Perücke und Halbmaske. Oder man besucht einen der zahlreichen Bälle in den alten Palazzi der Lagunenstadt.

Leises Bedauern schwingt in ihrer Stimme mit, wenn Pauli davon erzählt, dass der Karneval immer stärker vom Massentourismus beeinflusst werde. «Besucher aus der ganzen Welt bezahlen ihr Kostüm für den Ball bereits mit dem Pauschalarrangement der Reise.» Pauli erzählt auch von den venezianischen Näherinnen, die auf Bestellung nächtelang historische Kostüme kreieren. Dass diese ihren Preis haben, verstehe sich von selbst.

Für die passionierte Theaterfrau ist das aber keine Option. «Das Nähen eines Kostüms ist wie die Inszenierung eines Theaters. Zu Beginn weiss ich nie, wie das Resultat einmal aussehen wird – alles kann ganz anders kommen als geplant. Der Auftritt in Venedig ist dann wie eine Theaterpremiere. Wie kommt das Kostüm an? Hat das Publikum Freude?»

In wenigen Tagen wird es wieder so weit sein. Dann beladen die Paulis Auto und Anhänger mit unzähligen Kisten und Koffern und machen sich auf Richtung Süden. Und sie hoffen darauf, dass es das Wetter gut mit ihnen meint. Weder Hochwasser noch Regen, noch Wind soll ihnen die Premiere auf Venedigs Gassen verderben.