Dieses Haus ist nichts für Minimalisten. Ein fantasiebegabter Mensch aber kommt aus dem Staunen nicht heraus. Schon von aussen kann er sich nicht sattsehen an den barbusigen Frauenfiguren und grimmigen Blechgesichtern, den Malereien und Drachendarstellungen, den farbigen Fenstern, dem Erker, dem Türmchen, der Kuppel. Und dann Vorhang auf für die Innenräume!

Man steht wie auf einer Theaterbühne, fühlt sich aber nicht ausgesetzt, sondern höhlenhaft behütet. Vielleicht der vielen Figuren wegen, der Fabelwesen und Tiere, die sich zwar optisch mächtig in den Vordergrund drängen, aber meist einen freundlichen Eindruck machen: das vier Meter hohe Einhorn mit dem arroganten Blick, der mächtige Saalmeister, der buddhagleich eine Raumecke beherrscht, die weitaufgerissenen Fischmäuler, die aber nur nach Steaks und Cervelats «schnappen», weil sie sich um ein Cheminée gruppieren.

Theatralisch und museal ist hingegen nur die eine Seite des Weberschen Domizils. Denn in den vier Stockwerken des Atelier-Wohnhauses wird auch gelebt. Maria Anna Weber (71) und ihr 2011 verstorbener Mann haben hier ihre Zwillingstöchter Rebecca und Mireille grossgezogen. Inzwischen inspizieren die Enkel Lea und Tim das geheimnisvolle Haus. «Die zwei lieben die Badewanne im ersten Stock», so Maria Anna Weber bei der Hausführung. Zum Bad gelangt man auf einer schmalen Wendeltreppe, eingehüllt vom Körper des Einhorns. Die Wanne ist dreimal so gross wie üblich, über und über mit bunten Mosaiksteinen besetzt, und das Wasser läuft aus den Mäulern von zwei faustgrossen Schlangenköpfen aus Beton ein.

Mit Mozart und Mosaiken

Über dem Lavabo strahlt eine Sonne aus verschiedenfarbigem Glas. Morgens streut sie bunte Lichtflecken in die Wanne, abends auf das voluminöse Doppelbett im Schlafgemach auf der anderen Seite der Wand. Das Thema dieses Raums: Blätterwald. Hunderte von Blattmotiven kann man dort bestaunen. Selbst der Betonrahmen um das Holzbett ist mit Blättern verziert. Und aus dem Blätter-Baldachin grüssen Papageno und Papagena, das lustige Liebespaar aus Mozarts Zauberflöte.

«Bruno liebte klassische Musik, speziell die von Mozart», so Maria Anna Weber. Das Motiv taucht mehrmals im Haus auf, unter anderem auf dem von Weber gestalteten Geschirr, dem Besteck und der vergoldeten Gürtelschnalle, die Maria Anna Weber zur Hausführung trägt. «Die beiden Figuren haben ihn bezaubert.»

Beim Rundgang erkennt man: Auch wer einen Monat in diesem Haus lebt, wird immer neue Entdeckungen machen können. Hier ein paar zierliche Eidechsenpärchen, dort ein neckisches Splitterspiegelschränkchen ohne erkennbaren Zweck, kleine und grosse Hausgeister, Blumenornamente und unzählige Mosaikarbeiten.

Eine besonders beeindruckende ist das Labyrinth am Fussboden im Entree mit etwa fünf Meter Durchmesser, eine Arbeit von Maria Anna Weber. «Es war nicht einfach, Brunos O. K. dafür zu bekommen, aber ich liess nicht locker», erinnert sie sich. Beim Hausbau war ihre Hilfe immer wieder gefragt; auch ihre Schwangerschaft mit den Zwillingen hinderte sie nicht daran, mit anzupacken.

Speziallift: Maria Anna Weber transportiert Früchte von der Küche ins Wohn- und Arbeitszimmer.

Speziallift: Maria Anna Weber transportiert Früchte von der Küche ins Wohn- und Arbeitszimmer.

Gemeinsame Arbeit

Auf Wunsch von Bruno hatte sie ihre Ausbildung als Keramikerin aufgegeben, um mit ihm gemeinsam zu arbeiten. Sie fuhr das Baumaterial heran, bereitete Lehm zu, stampfte den Beton. Bruno modellierte die Drachengeländer für den Balkon im ersten Stock, Maria Anna setzte die Noppenmuster und modellierte die Löcher. Auch erste Polyesterarbeiten wurden gemeinsam gefertigt, etwa die Schlangenrutschbahn oder der drei Meter hohe Eulenspiegel im Atelier. Die Wienereule wurde von zwei Mitarbeitern und Maria Anna in Kunststoff handlaminiert abgeformt, eine Tonne Polyester wurde dabei verarbeitet. Beim Turmbau bediente sie den Kran.

Dazu kamen noch die Büroarbeiten. «Die ersten drei Jahre war ich seine einzige Mitarbeiterin.» Erst als die Kinder da waren, leisteten sie sich einen Mitarbeiter. Bruno Weber hatte viele Visionen für weitere Ausgestaltungen, auch ein zweiter Turm war geplant. Sein Kunst-Haus entstand nach dem «Work in Progress»-Prinzip. Auch die Töchter hatten, als sie erwachsen waren, Anteil am Entstehen dieses Kunstwerks. Im Sternenzimmer ganz oben im Turm gestaltete eine den Boden, die andere arbeitete an der Decke mit.

Dieser Raum war Bruno Weber der liebste. Hierher zog er sich zurück, um in Ruhe arbeiten zu können, in eine Kathedrale der Farben und des Lichts und der Huldigung der Gestirne. In dem mit Mosaiksteinen übersäten Oktogon-Raum mit rundum laufendem Balkon wurde auch schon geheiratet, hier fanden Flötenkonzerte und Silvesterfeiern statt. Das Paar hatte gerne Gäste. Es veranstaltete Kostümfeste wie das Sommervogel- und das Federfest. Auch viele Künstlerkollegen kamen vorbei, darunter der 2014 verstorbene Schweizer Maler und Oscar-Preisträger H. R. Giger.

Lift zur Fruchtbarkeitsgöttin

Maria Anna Weber will das Atelier-Wohnhaus wieder mehr öffnen; derzeit ist es für die Parkbesucher nicht zugänglich. «Unser Haus war immer ein Ort der Begegnung. Mir ist wichtig, dass es belebt bleibt.» Zusammen mit dem Verein «Freunde Bruno Weber Park» arbeitete sie an einem Konzept, das spezielle Führungen anbieten soll. «In diesem Haus zu wohnen, das gleichzeitig das grösste Kunstwerk im Bruno-Weber-Park ist, verpflichtet auch. Dessen Erhalt ist von grosser Bedeutung.» Aus diesem Grund sei sie an den Kanton Aargau gelangt, um das Haus unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Eine Entscheidung in dieser Sache stehe kurz bevor, so Weber.

Zeit für eine Erfrischung in der Küche. Diese wurde von einem Schreiner aus dem Holz von Nussbäumen aus dem Park gefertigt. Auch hier zeigt sich die Handschrift des Paars: am drehbaren Regal-Rondell, dem in der Mitte platzierten Holzofen und an einem Speiselift. Er führt in die Wohnstube nach oben, direkt in den Bauch einer voluminösen fünf Meter hohen mintfarbenen Fruchtbarkeitsgöttin aus Beton. An ihrem Lieblingsplatz am Sommervogeltisch im Ess-Saal fragt man Maria Anna Weber, wie es ist, in einer Art Museum zu wohnen. «Für Aussenstehende mag es so erscheinen, aber ich empfinde es nicht so. Ich habe seine Entstehung miterlebt und daran mitgewirkt. Es ist mein Zuhause.»