Das Bevölkerungswachstum und die vielen Neubau-Projekte des Limmattals erwecken den Eindruck, dass sich die Einwohner bald in einer Grossstadt aus Beton befinden könnten. Dabei geht oft vergessen, dass die Region grosse Waldgebiete vorzuweisen hat. So ist rund ein Drittel der Gesamtfläche des Bezirks Wald.

In der Stadt Dietikon ist dieser Quotient mit einem Viertel nur geringfügig tiefer. Über die vergangenen dreissig Jahre blieb dieser Wert, wie auch der Waldanteil der anderen Limmattaler Gemeinden, konstant. Dies heisst jedoch nicht, dass im Wald nichts passiert: Mit einem gross angelegten Sanierungsprojekt erneuerte Dietikon in den vergangenen zehn Jahren zwei Drittel seiner Waldstrassen. Das verbleibende Drittel ist weder für die Bevölkerung noch für die Waldbewirtschaftung notwendig und wurde daher nicht erneuert und der Natur zurückgegeben. Ein positiver Nebeneffekt: Die Besucherströme lassen sich so kanalisieren, was den restlichen Wald schont.

Mit dem Ende der Arbeiten an der Feldstrasse von Mitte Januar bei der Lorenzhütte im Honeret-Wald ist die letzte in einer langen Reihe von Waldstrassensanierungen abgeschlossen. Herangehensweise und Resultat seien vorbildlich, sagt Kreisforstmeister Stefan Studhalter vom kantonalen Amt für Landschaft und Natur.

Publikumslenkung ist wichtig

Das vorherige Waldwegnetz in Dietikon sei in seiner Dichte vergleichbar mit jenem anderer Wälder im Mittelland gewesen, sagt Felix Holenstein, Dietiker Revierförster. Doch habe man feststellen müssen, dass die Wege in die Jahre gekommen seien: «Die meisten wurden vor etwa 100 Jahren erstellt und bestanden jeweils aus einer rund 15 Zentimeter dicken Kiesschicht», sagt er. Später, während der 1930er-Jahre, sei ein Grossteil saniert und verstärkt worden. Dies waren bis auf wenige Ausnahmen die letzten grösseren Arbeiten am Dietiker Waldwegnetz. Die Wege hätten – auch dank Unterhaltsarbeiten – ihren sehr langen Dienst getan: «Doch wegen der 40-Tönner, welche die Wege zur Waldbewirtschaftung nutzen und teils grosse Holzmengen abtransportieren, widerfuhr vielen Wegen erheblicher Schaden», so Holenstein. So seien sie über die Jahre durch das grosse Gewicht der Lastwagen in den Boden gedrückt worden – es bestand Handlungsbedarf.

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Grafik: Elia Diehl

Zuerst stellte sich die Kostenfrage, denn Arbeiten im Wald sind teuer. «Wären alle Wege saniert worden, dann hätte dies etwa drei Millionen Franken gekostet», sagt Holenstein. Doch die Idee, nur jene Wege zu sanieren, die entweder für Pflege und Unterhalt des Waldes oder für die Besucher notwendig sind, bot grosses Sparpotenzial. Mit dieser Variante konnte man auf ein Drittel der Wege verzichten und somit auch die Kosten proportional nach unten auf rund zwei Millionen Franken reduzieren. Diesen Betrag teilten der Kanton, die Stadt Dietikon und die Holzkooperation, die Besitzerin des Dietiker Waldes, unter sich auf. Mit jenen, die nicht eine der beiden genannten Funktionen erfüllen, wird nichts gemacht. Sie wurden nicht saniert, sie werden nicht unterhalten, sondern lediglich hin und wieder von Förstern befahren. Die Natur kann also Schalten und Walten, wie sie will.

Dass nun landauf landab die Gemeinden den Bestand ihrer Waldwege so drastisch reduzieren wie Dietikon, davon geht Studhalter nicht aus. Einerseits wegen der teils komplexen Besitzverhältnisse, die eine dichte Erschliessung zur Parzellenbewirtschaftung abverlangen. «Andererseits auch weil jeder Wald unterschiedliche Voraussetzungen mit sich bringt und es an gewissen Orten ein dichtes Wegnetz durchaus braucht.»

LIZ Wald-Reportage

Felix Holenstein spricht über die Waldwege, die der Natur überlassen werden.

    

Honeret-Strassen für 40-Tönner

Beispielsweise wurden im Guggenbüel-Wald sämtliche vorhandenen Wege saniert. Die neu rund einen halben Meter dicke Geröllschicht belegte man mit feinem Kies, sodass das Naherholungsgebiet auch für Besucher im Rollstuhl oder mit Kinderwagen problemlos erreichbar ist. «Mit diesen Aufwertungen beabsichtigen wir auch eine gewisse Publikumslenkung», sagt Holenstein. So werde ein Wald stärker von der Bevölkerung genutzt, wenn er attraktiv sei. Darüber hinaus ist der rund 50 Hektaren grosse Guggenbühl-Wald von Siedlungsgebiet umgeben, also sehr gut zugänglich. Unter anderem mit der Erstellung eines Brunnens nahe der Feuerstelle oder einer kleinen Arena in der Nähe des Schulhauses will die Stadt die Nutzung des Guggenbüel gar fördern. Die Auswirkungen auf den Wald, würden sich in Grenzen halten: «Es wagen sich beispielsweise keine Rehe hier her, da viel zu viele Menschen und Hunde im Guggenbüel verkehren», so Holenstein.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich im rund 150 Hektaren grossen Honeret-Wald im südlichen Zipfel Dietikons. Die Wege sind nicht nur breiter, sondern auch mit einem weniger feinen Kies belegt. «Diese Strassen wurden so verstärkt, dass sie problemlos von einem 40-Tönner befahren werden können», sagt Holenstein. Hier steht also die Waldbewirtschaftung im Vordergrund. Doch holt der Honeret auf in Sachen Beliebtheit als Naherholungsgebiet: «Die Nutzung dieses Waldes hat sich in den vergangenen zehn Jahren durch die rege Bautätigkeit in Dietikon etwa verdreifacht», sagt er. Die Strassen seien zwar durchaus auch bei Joggern und Spaziergängern beliebt, aber eben primär auf die Transportfahrzeuge der Bewirtschaftung ausgerichtet.

LIZ Wald-Reportage Fortsetzung

Hier beschreibt Holenstein die Wege, die weiter unterhalten werden.

   

Weiter südlich findet sich dann das erste Beispiel einer Waldstrasse, die womöglich bald keine mehr ist. Ansatzweise lässt sich noch Kies erkennen, doch in der Mitte wächst Bärlauch und ein umgefallener Baumstamm versperrt den Weg. «Bei manchen Leuten sind solche Waldwege sehr beliebt», sagt Holenstein. Eine Frau habe sich beispielsweise im Vorfeld der Sanierungsarbeiten bei ihm erkundigt, ob denn alle Dietiker Waldwege saniert würden. Sie gehe oft barfuss durch den Wald und geniesse es, nicht auf Kieselsteinen gehen zu müssen. Gross sei ihre Erleichterung und Freude gewesen, als sie erfuhr, dass rund jeder dritte Waldweg nicht saniert und der Natur zurückgegeben wird.

Cards: Die Wälder im Limmattal

Und was geschieht nun mit diesen «gestrichenen» Strassen in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren? «Sie werden nur noch wenige Male von Fahrzeugen zur Pflege und Bewirtschaftung des Waldes befahren, anderes wird hier nicht geschehen», so Holenstein. So werde die Strasse auch künftig noch als Pfad erkennbar sein, doch weniger und weniger als Strasse.

Welche Auswirkungen haben die Aufhebung dieser Waldwege auf den Wald? Studhalter verweist darauf, dass es für die Tierwelt von Vorteil sei, wenn es weniger Wege gebe. Doch merkt er an, dass die Erschliessung für die Bevölkerung wie auch für Waldbewirtschaftung jederzeit gewährleistet sein müsse.