Kloster

In Dietikon fanden die Nonnen Asyl

Die Klosteraufhebung im Aargau 1841 ist für die Schwestern im Kloster Fahr eine schwarze Stunde. Doch an Hilfe in der Region mangelte es nicht.

Die Klosteraufhebung im Aargau 1841 ist für die Schwestern im Kloster Fahr eine schwarze Stunde. Doch an Hilfe in der Region mangelte es nicht.

1841 wurden im Aargau die Klöster aufgehoben – auch das Fahr war betroffen. Der Auszug der Nonnen war eine traurige Angelegenheit, doch schliesslich fanden sie Unterschlupf in Dietikon.

Der Abt protestiert, die Priorin und andere Schwestern fallen auf die Knie und weinen. Soeben haben sie erfahren, dass sämtliche Aargauer Klöster aufgehoben werden, also auch das ihrige im Fahr. Das hat der Grosse Rat beschlossen. Der Entschluss ist unumstösslich. Die Schwestern haben ein paar wenige Tage Zeit, ihr angestammtes Heim zu verlassen.

Doch wohin soll es gehen? Und überhaupt, hat die Gemeinschaft unter diesen Voraussetzungen noch eine Chance? Die Fahrer Nonnen sind sich einig: Sie wollen das Klosterleben weiterführen. Damit beginnt vor 175 Jahren ein besonderes Kapitel Klostergeschichte.

Es sind unruhige Zeiten in diesen ersten Tagen des Jahres 1841. Am 5. Januar nehmen die Aargauer Stimmbürger mit 58 Prozent Ja-Stimmen die neue Kantonsverfassung an. Diese nimmt bei der Bildung des Grossen Rates keine Rücksicht mehr auf die Konfessionen.

Viele Katholiken im Freiamt fühlen sich diskriminiert. Es rumort, kommt gar zu kurzen Gefechten zwischen bewaffneten Freiämtern und den von der Regierung entsandten Soldaten. Die Regierungstruppen setzen sich durch und besetzen Bremgarten sowie Muri. Am 12. Januar ist die Situation wieder unter Kontrolle.

Einen Tag später fordert der radikale Katholik Augustin Keller in einer Rede vor dem Grossen Rat die Aufhebung der Klöster. Denn sie seien der «Ursprung allen Übels» und Drahtzieher des konservativen Putschversuches im Freiamt. Der Grosse Rat folgt ihm und für die Benediktinerinnen im Fahr beginnt eine Zeit der Ungewissheit.

Viele Angebote aus der Region

Dokumentiert ist diese im Tagebuch des Einsiedler Benediktinermönchs Johann Baptist Stöcklin, der zu jener Zeit als Helfer des Propstes und als stellvertretender Beichtvater im Kloster Fahr weilte.

Wenige Tage nachdem dem Propst die Aufhebung des Klosters mitgeteilt wurde, macht sich dieser zusammen mit dem Einsiedler Abt daran, ein Asyl in der Nähe des Klosters zu suchen.

An Angeboten für die Aufnahmen der Schwestern fehlt es laut Stöcklin nicht. «Von verschiedenen Seiten wurde dankenswert den Frauen Zufluchtstätten angetragen, wie zum Beispiel von Herrn Dr. Grimm in Weinigen, von Herrn Vögeli auf dem Erkbühl, von Herrn Bebie Fabrikherr in Oberengstringen...», heisst es in den Aufzeichnungen.

So gut die Angebote gemeint sind, sie hätten zur Folge, dass sich die Schwestern trennen müssten, und das wollen sie nicht. Deshalb sind sie dankbar über die Nachricht aus Dietikon. Die katholische Gemeinde bietet ihr Pfarrhaus als «Asyl-Kloster» an.

Die Schwestern haben eine neue Heimat gefunden, vorübergehend zumindest. Denn die Hoffnung besteht, dass die Klosteraufhebung rückgängig gemacht wird, weil das Vorgehen des Grossen Rats ein offener Bruch mit den Bundesvertrag von 1815 ist, der den Fortbestand der Klöster garantiert.

Dennoch ist man im Fahr froh, dass vorerst eine Lösung gefunden ist. Nun geht es daran, das persönliche Hab und Gut der Schwestern nach Dietikon zu bringen. Kein einfaches Unterfangen, denn zwischen Zürich und Wettingen existiert keine Brücke über die Limmat. Und die Fähre beim Kloster ist nicht für schwere Fuhren eingerichtet. Deshalb muss in Oberengstringen übersetzt werden.

Unterstützt werden die Frauen von vielen Dietikern, wie Stöcklin festhält: «Es waren viele Männer, Frauen, Töchter von Dietikon mit dem Auf- und Abladen beschäftigt, mit Forttragen auf Räfen und in Zeinen von Klosterfrauen-Effekten von Fahr nach Dietikon. (...) Kurz, es war wie bei einer eroberten Stadt, oder bei einer Feuersbrunst, wo man rettet, was noch zu retten möglich ist.»

Die Transporte dauern mehrere Tage, ehe der Auszug der Nonnen aus dem Kloster Realität wird. Es ist eine dunkle Stunde. «2. Februar. Mariä Lichtmess. Sonst ein fröhlicher Tag, heute aber für das Konvent Fahr der schrecklichste und ewig denkwürdige wegen der beschlossenen Auswanderung», schreibt Stöcklin. Ein letztes Mal feiern die Schwestern die Messe im Kloster.

Dann beginnt der Auszug «unter Weinen und Jammern». Vornweg die Priorin. «Der Weg bis an die Limmat, weil gefroren und mit Schnee bedeckt, war ziemlich schlipfrig und bös zu gehen», notiert der Mönch. Es ist ein trauriger Anblick. «Bei diesem Auszuge des Konvents weinten alle Klosterdienste, etwa 15 Knechte und 6 Mägde, von welchen Diensten uns Viele bis zur Überfahrt nach Dietikon begleiteten und dann weinend nochmals Abschied nahmen.»

Schwieriger Alltag

In Dietikon angekommen, wird alles für den Aufenthalt eingerichtet. Neben den Fahrer Schwestern halten sich dort auch aus Wettingen vertriebene Mönche auf. Unter ihnen Pater Albericus Zwyssig, der Komponist des Schweizerpsalms. Das Leben im Dietiker Asyl ist mit einigen Einschränkungen verbunden. Vor allem, weil es abgesehen von den Gebeten an den gewohnten Aufgaben fehlt.

Das ändert sich erst wieder als alle Nonnen auf andere Schweizer Frauenklöster verteilt werden und das Dietiker Asylkloster darauf aufgehoben wird.

Doch die Rückkehr ins heimische Kloster Fahr rückt näher. 1843 verlangt die Eidgenössische Tagsatzung vom Aargau, dass wenigstens die Frauenklöster wieder hergestellt werden. Die Nonnen können zurückkehren. Anders die Wettinger Mönche: Sie machen 1854 das säkularisierte Benediktinerkloster Mehrerau in Bregenz zu ihrer neuen Heimat.

Quelle: Max Stierlin: Dietikon und die Abtei Wettingen. Neujahrsblatt von Dietikon 1999.

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