«Die Ehe der Tolstojs war recht spannungsgeladen», steht im Flyer, der zur musikalisch-szenischen Lesung «Ein russischer Sommer — Szenen einer Ehe» in der Stadt- und Regionalbibliothek Dietikon einlädt. Das weckt Erwartungen an einen sehr bewegten Auftritt. Valérie Cuénod und Alexander Seidel aber, die das Ehepaar Sofia und Lew Tolstoj darstellen, sitzen auf Stühlen und sprechen von weitem miteinander, getrennt und gleichzeitig verbunden durch den Cellisten Ivan Turkalj in ihrer Mitte. Doch das macht Sinn: Die beiden lebten ja auch getrennt, als sie einander die Briefe schrieben, die hier zu hören sind.

Nur einmal steht Sofia auf, stellt sich hinter Lew und meint, das grösste Glück sei, einander grösstmögliche Freiheit zu gewähren. Um sich gleich resigniert hinzusetzen und ihren Liebsten zu beschwören, ja nicht wegzugehen. Auch Lew steht einmal auf, schreitet hin und her und diktiert seiner Frau einen Brief, der massive Folgen haben sollte. Denn darin sollte sie festhalten, dass sie auf alle seine Autorenrechte verzichten würde. Sofia wehrt sich — nicht, um sich selbst zu bereichern, sondern aus Angst, ihre Enkel könnten Hunger leiden.

Gegenstand der musikalischen Lesung: Lew und Sofia Tolstoj.

Gegenstand der musikalischen Lesung: Lew und Sofia Tolstoj.

Immer wieder weg von zuhause

Die Spannung dieser Ehe des 19. Jahrhunderts entlädt sich in Worten. Es gibt auch einiges zu bereden. Denn während Sofia dreizehn Kinder aufzieht, zieht es Lew immer wieder weg von seinem Zuhause. Mal wirft er sich für drei Monate ins Moskauer Kulturleben und berichtet von dortigen Disputen. Mal lebt er bei einem Freund auf einem Landgut, mal wird er eingeladen, im Haus reicher Leute ein Buch zu schreiben. Die Rollenteilung der Eheleute sorgt für Empörung im Publikum, das sich zum anschliessenden Apéro trifft. Umso mehr, als Sofia Lews Werke kritisch gegenliest und dabei beweist, wie gebildet sie ist.

Auch Sonja gefallen die Abwesenheiten ihres Mannes anfänglich gar nicht. Er solle Moskau geniessen und ihr schreiben, zitiert Valérie Cuénod aus Sofias Brief und lässt ein böses Lachen fallen. Plötzlich ereifert sie sich: Wenn sie schon getrennt lebten, sollten sie für immer getrennt sein. Auch Lew leidet teilweise unter dem Leben auf Distanz. Er habe keine poetischen Gefühle und bringe nichts zustande, schreibt er ihr. Und sobald Sofia sich mit ihrem Schicksal abgefunden hat, fühlt er sich plötzlich überflüssig.

Doch auch glückliche Zeiten erlebt das Paar, etwa einen Aufenthalt in Moskau, als beide über 60 sind. Die gelesenen Briefe untermalt Ivan Turkalj mit russischer Musik und Improvisationen. Mit seinen mal feinen, mal dramatischen Einlagen schafft er ein klingendes Beziehungsbarometer.

Unterstützung aus Moskau

Die Idee für das Projekt hatte Valérie Cuénod. Die in Baden lebende Schauspielerin, Regisseurin und Sprecherin war auf ein Buch über die Tolstojs gestossen und wollte der Frau des berühmten russischen Schriftstellers ihre Stimme leihen — quasi als Fortsetzung ihrer Veranstaltung über das Musikerehepaar Clara und Robert Schumann.

In Alexander Seidel, dem in Zürich und Berlin lebenden Musiker, Gesangssolisten, Dirigenten und Sprecher, fand sie einen Gegenpart, der gar in Moskau geboren war. Für die musikalische Umrahmung wählte Cuénod den Cellisten Ivan Turkalj. Er ist in Zagreb geboren, in Wien aufgewachsen und schliesst bald sein Masterstudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab.

Nach dem Auftritt in Dietikon machen Valérie Cuénod, Alexander Seidel und Ivan Turkalj mit dem «Russischen Sommer» Station an verschiedenen weiteren Orten.

Russischer Sommer: Alexander Seidel (Sprecher Lew Tolstoj), Ivan Turkalj (Cellist), Valérie Cuénod (Sprecherin, Projektinitiantin).