Es ist still im Refektorium. Die Schwestern stehen hinter ihren Stühlen und warten, bis alle den Weg von der Kirche in den Speisesaal gefunden haben. Die Stille wird während dem Essen anhalten, durchbrochen nur vom Klappern und Scharren des Bestecks in den Tellern, gelegentlichem Räuspern und der Stimme von Schwester Fidelis, die aus der Biografie eines Bauern vorliest, der beide Arme verloren hat.

Am Schluss stellen die Schwestern ihre Trinkgläser auf die lange Schieferplatte vor ihnen: Das Zeichen, dass nun alle gesättigt sind. Nicht alle der anwesenden Gäste verstehen diesen Hinweis auf Anhieb. Doch spätestens, als die Schwestern ihre Servietten fein säuberlich falten, sie im Stoffetui verstauen und beginnen, sich in den Stühlen zu winden, fällt der Groschen auch bei der letzten.

Die 20 Benediktinerinnen des Klosters Fahr verstehen sich auch ohne Worte. Über Jahrzehnte haben sie die Abläufe des täglichen Lebens zusammen einstudiert, sie funktionieren als Gemeinschaft wie eine gut geölte Maschine, die ganz von selbst läuft. Sofern eine Armbanduhr im Spiel ist.

Denn es ist eine komplexe Maschine: Der benediktinische Tag ist eng getaktet und durch eine strenge Routine mit kleinen Variationen geprägt. Er beginnt um 4.50 Uhr – eine halbe Stunde später steht das erste von fünf Tagesgebeten an. Für diese treffen sich alle in der Kirche. Auch hier herrscht abgesehen von den Schritten der eintrudelnden Schwestern und dem Rascheln ihrer Gewänder, wenn sie sich vor dem Jesus am Kreuz verneigen, absolute Ruhe. Nach einer Weile durchbricht eine einsame, helle Stimme die Stille – an diesem Tag ist es Schwester Veronika, die als Kantorin vorsingt. Die anderen erwidern ihre Klänge, der in hohen Tonlagen gehaltene Chorgesang schwillt an und ab, erfüllt die prächtige Barockkirche. Es ist eine imposante Zeremonie, und gleichzeitig eine sehr intime – hier spürt man die tiefe Verbundenheit der Schwesterngemeinschaft untereinander, vor allem aber die jeder einzelnen mit Gott.

Schweigegebot und Balanceboard

Die Stille ist ein zentraler Aspekt des Benediktinerinnenlebens. Sie soll Raum schaffen für Introspektion, für die Suche nach Gott. Dafür geht es umso lebhafter zu und her, wenn das Schweigegebot endet. Etwa während der «Rekreation», bei der die Schwestern auf einem Balanceboard herumalbern und über die anstehenden Ferien, die Gesundheit oder ehemalige Weggefährtinnen plaudern. Oder wenn sich die Wege von zweien in den Gängen oder im Garten kreuzen. In solchen Momenten könnte man schnell auf die Idee kommen, hier bloss in einer besonders munteren Alters-WG untergekommen zu sein, denkt man sich die schwarzen Gewänder und die allgegenwärtigen Kreuze an den Wänden mal weg.

Schwester Gabriela hat heute ihren Wüstentag – eine Art Jokertag, an dem die Schwestern sich komplett zurückziehen können, nicht zu Tisch, den Gebeten und der Arbeit erscheinen müssen. Auch im Kloster kann mal bei einer der Lagerkoller ausbrechen. Besser, dem beugt man vor. «Vielleicht huscht man kurz in die Küche, um etwas zu essen zu holen, doch man muss sich an diesem Tag niemandem zeigen», erklärt Schwester Martina, die sich um die Gäste kümmert und so oft auch als Übersetzerin der nach aussen fremden Sprache des klösterlichen Zusammenlebens fungiert.

Auf die Frage, ob man sich beim ständigen Beisammensein nicht auf die Nerven gehe, lachen die Schwestern alle. «Natürlich», sagt Schwester Petra, und lacht gleich noch lauter, «man ist ja schliesslich auch ein Mensch.» Und hat als solcher seine Meinungen, sein Temperament, seine Eigenarten. «Das wäre ja nicht normal, wenn es nicht wie in jeder Familie auch mal Misstöne gäbe», sagt Schwester Christa. «Aber an denen arbeitet man dann, zusammen und für sich alleine», so Schwester Matthäa. Ordensvater Benedikt hat auch für diese Situationen vorgesorgt. Seine Lösung: Vor dem Schlafengehen muss man Frieden geschlossen haben. Danach ist wieder ein neuer Tag. Priorin Irene ist dann, wenn ein Konflikt sich ankündigt, zur Stelle, um zu vermitteln. Sie versteht sich als «Dienerin der Eigenarten vieler», so wie es Benedikt in seiner Regel für die Äbte vorsieht. «Das ist immer wieder herausfordernd, aber bei so vielen verschiedenen Charakteren manchmal nötig.»

«Das ist wie mit dem Verliebtsein»

Die meisten der 20 Frauen – die jüngste 52, die älteste 85 – haben eines gemein: Sie haben als Absolventinnen der mittlerweile aufgehobenen Bäuerinnenschule zum Kloster Fahr gefunden. Alle erzählen sie in etwa dieselbe Geschichte: Es habe ihnen einfach «den Ärmel reingenommen», als sie Fuss in diese Oase an der Limmat gesetzt haben, und so ist es geblieben. Denn ein weiteres ist allen gemein: Hier haben sie ihre Berufung gefunden. Sie ringen hilflos mit den Händen, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Und sie finden früher oder später alle zur gleichen Metapher. «Das ist wie mit dem Verliebtsein: Wenn Sie einen Freund haben, wissen Sie ja auch nicht, was genau es ist, das diese Anziehung ausmacht, aber Sie spüren, dass sie da ist», versucht es etwa Schwester Matthäa, während sie am Webstuhl an einer leuchtend grünen Seidenstola arbeitet.

Vielleicht ist es dieses anhaltende Verliebtsein, auch Jahrzehnte nach dem Eintritt ins Kloster, das für so viele selige Gesichter in den Gängen der frisch sanierten Anlage sorgt. Die Schwestern scheinen völlig in sich zu ruhen; sie pflegen einen herzlichen Umgang miteinander und den Gästen, die immer zahlreicher aus der schnellen, gestressten Welt da draussen für ein paar Tage der Ruhe hier erscheinen. Sie dürfen an den meisten gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen. Früher wäre das unvorstellbar gewesen: Die Klausur – der geschlossene Wohntrakt, der eigentlich nur den Schwestern vorbehalten wäre – stellte lange eine fast eiserne Grenze zur Aussenwelt dar. Heute wird diese, zum Beispiel für das gemeinsame Essen, in das heilige Refugium zugelassen.

Mit Gottvertrauen in die Zukunft

Überhaupt befindet sich das Kloster zurzeit in einem Prozess der Öffnung. Nicht nur freiwillig: Der letzte Eintritt liegt 28 Jahre zurück, für neue Anwärterinnen ist man zwar offen, «diese sind aber nicht einfach in Sicht», so die Priorin. Die Gemeinschaft zählte zur Zeit, in der die meisten eintraten, knapp 50 Schwestern. Heute sind es noch 20. Und in welcher Form das Kloster weiterlebt in der absehbaren Zeit, in der die meisten von ihnen zum Herrgott gegangen sein werden, ist ungewiss. Klarer ist hingegen: Will es Bestand halten, kann es sich nicht gegen aussen abschotten.

Priorin Irene, die der Gemeinschaft seit 14 Jahren vorsteht, hat dies früh erkannt und die Öffnung sachte vorangetrieben. Grosse Überzeugungsarbeit musste sie auf diese Weise nicht einmal leisten: Schritt für Schritt erkannten auch die anfangs skeptischen Schwestern, wie bereichernd der Austausch mit den Menschen von draussen für sie ist – besonders nach dem Ende der Bäuerinnenschule vor vier Jahren, in der die Schwestern Generationen von jungen Frauen auf ein Leben auf dem Bauernhof vorbereitet hatten.

Zudem funktioniert eine Öffnung ja auch in beide Richtungen: Manche juchzen lachend auf, andere heben vielsagend die Augenbrauen, wenn sie von den Zeiten erzählen, in denen man noch für jeden Schritt ausserhalb des Klostergeländes um Erlaubnis bitten musste. Heute haben die Schwestern zwei Wochen Ferien pro Jahr zugute. Es ist ein freiwilliges Angebot, doch Priorin Irene legt solche Auszeiten allen ans Herz – auch hier ist es wie mit dem Verliebtsein: Ist man eine Weile getrennt, ist das Wiedersehen umso schöner.

Nach dem Nachtgebet kehrt die Stille wieder ein, die Benedikt für den Rest des Tages vorgegeben hat. Ein paar Worte werden trotzdem noch gewechselt: Abklärungen für den nächsten Tag, ein kurzer Schwatz mit den neuen Gästen. Schwester Martina führt diese sicheren Schrittes durch die Gänge, während eine andere noch einmal kontrolliert, ob alle Türen verriegelt sind. Draussen trotzt Schwester Beatrice mit einer dicken Regenjacke über ihrem Gewand dem hereinbrechenden Sommergewitter und sammelt den Weidezaun im Garten ein. Ihre «Rasenmäher», die 14 Schafe des Klosters, grasen fröhlich bimmelnd in der Wiese. Und sollte es an diesem Tag irgendwo hinter verschlossenen Türen Reibungen gegeben haben, ist spätestens jetzt wieder Frieden geschlossen.