Dietikon
In die Gedankenwelt eines manipulativen Stotterers: «Sie merken, er ist kein sympathischer»

Im Dietiker Stadthaus tauchten Autor Charles Lewinsky und sein Publikum in die Gedankenwelt eines manipulativen Stotterers.

Liana Soliman
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Charles Lewinsky las in Dietikon aus seinem neuen Buch «Der Stotterer».

Charles Lewinsky las in Dietikon aus seinem neuen Buch «Der Stotterer».

Liana Soliman

«Ich hatte die Fähigkeit unter fremdem Namen einen Text so zu schreiben, dass keiner an dessen Autorenschaft zweifelte», las Charles Lewinsky aus seinem neusten Roman «Der Stotterer» vor. Der Satz stach heraus an der ersten Lesung des renommierten Schweizer Schriftstellers in Dietikon. Lewinsky präsentierte am vergangenen Freitagabend zwei Passagen aus seinem Buch. Das lockte rund 80 Literaturbegeisterte in den Gemeinderatssaal im Stadthaus.

Der neuste Roman des Zürcher Autors handelt von einem Mann, Johannes Hosea Stärckle, der stottert und früh erkennt, dass er mit dem geschriebenen Wort zu Macht und Überlegenheit gelangen kann. Mit Texten manipuliert er sein soziales Umfeld. Seine Schreibfähigkeit setzt er zur Verteidigung, zur Rache sowie für seine Karriere ein. Doch dann kommt er wegen Betrugs ins Gefängnis und versucht daraufhin seine letzte Hoffnung, den Gefängnispfarrer, davon zu überzeugen, dass nicht er, sondern seine Mitmenschen schuld an allem seien.

Das Mobbingopfer rächt sich

Kaum hatte Lewinsky für eine Weile vorgelesen, wurde schnell klar, dass der stotternde Stärckle ein Täuscher und Manipulator ist, dessen grösster Stolz und stille Leidenschaft darin besteht, Menschen mit seiner schreiberischen Raffiniertheit um den Finger zu wickeln und sie dazu zu bringen, Dinge zu machen, die er will. «Sie merken, er ist kein sympathischer Mann», sagte Lewinsky, als er den Auszug fertig gelesen hatte.

Der zweite Auszug gab den Zuhörerinnen und Zuhörern dann einen tieferen Einblick in die Gedankenwelt des Protagonisten. Stärckle wird als Jugendlicher von Klassenkameraden gemobbt. Sein Antagonist, der beliebte und gut aussehende Nils, zeigt ihm stets seine Überlegenheit, woraufhin Stärckle einen Hass gegenüber Nils entwickelt. Um sich zu rächen, verfasst er anonym über ein paar Monate hinweg mehrere Liebesbriefe an Nils und bringt diesen dazu, sich nackt im Umkleideraum zu treffen. Doch statt auf die erhoffte Verehrerin trifft Nils auf seine ebenfalls ahnungslosen Klassenkameraden. Stärckle beobachtet stolz, wie sein Mobber die Täuschung realisiert und sich blossgestellt fühlt.

Nach diesem Auszug lud Lewinsky zur Fragerunde ein. Dabei wollte jemand wissen, ob der Autor in sich selbst auch eine solche unsympathische Seite wie die des Stotterers habe. «Das ist eine schwierige Frage. Wahrscheinlich packt man beim Schreiben etliche persönliche Sachen in den Text», sagte Lewinsky. Man könne nichts beschreiben, was man nicht in irgendeiner Form nachempfinden kann: «Da müssen Sie sich nur vorstellen, wie Sie sich immer fühlen, wenn Ihnen jemand den Parkplatz vor der Nase wegschnappt.» Sofort brach das Publikum in Gelächter aus.

Auch die übrigen Fragen zu seinen Arbeitszeiten, Schreibblockaden, ungeplanten Schlüssen und Inspirationsquellen beantwortete Lewinsky auf humorvolle, zugängliche, präzise und sympathische Art. Nach einem langen begeisterten Applaus konnten die Fans ihre Bücher signieren lassen und mit dem Autor plaudern.

«Ich fand die Lesung super. Es ist immer toll, wenn man die Gedanken des Autors hören kann», sagte die Urdorferin Erika Frei. Die 70-Jährige ist fast fertig mit dem neuen Roman und hat auch andere Bücher Lewinskys gelesen. Auch die 72-jährige Dietikerin Rita Milani zeigte sich begeistert: «Wenn der Autor vorliest, ist das einfach schon etwas Anderes.»