In dem Durcheinander geht die glanzvolle Wiederwahl von Doris Leuthard (CVP) gnadenlos unter. Ganze Horden von Schüler quetschen sich in den Raum, füllen die Stuhlreihen hocken einander auf den Schoss oder auf den Boden, reihen sich an der Wand auf.

Alle, deren Lehrer grünes Licht erteilt haben, die Lektion vor dem Fernseher statt vor der Wandtafel zu verbringen, sind hier. Es ist Mittwochmorgen, der Morgen der Bundesratswahl. Und alle wollen wissen: Schafft Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) die Wiederwahl?

Geschichtslehrer Josef Mächler moderiert die Übertragung. Gerade verteilt er gelbe Zettelchen in den Reihen. Die Schüler sollen aufschreiben, ob Widmer-Schlumpf wiedergewählt wird, und wenn ja, mit wie vielen Stimmen. «Wer dem Resultat am nächsten ist, gewinnt etwas», ruft er in dem Tumult.

Wiederwahl? Ja, klar.

Für die Schüler ist das eigentlich keine Frage: «Widmer-Schlumpf wird wiedergewählt», tönt es unisono: «Sie schafft es. Aber ich glaube, Schneider-Ammann wird rausgewählt und Walter rein», sagt Martin Horta aus Schlieren.

Lukas Keller aus Weiningen – er schreibt eine Maturarbeit zu diesem Thema und gilt deshalb als Experte – glaubt, dass es für Widmer-Schlumpf eng werden könnte: «Ich glaube, sie wird relativ knapp wiedergewählt. Für den freien SP-Sitz wird Berset das Rennen machen.» An die Wiederwahl von Widmer-Schlumpf glaubt auch Friederike Wilke aus Schlieren: «Sie wird wiedergewählt. Und für die SP kommt Maillard.»

Geschichtslehrer Mächler kommentiert derweil das Geschehen im Bundeshaus, das auf die Leinwand gestrahlt wird. Per Hellraumprojektor zeigt er nochmals die Sitzverteilung im Parlament auf, welche Fraktion wie viele Stimmen hat, wer wen ganz sicher wählen wird und wen ganz sicher nicht und weshalb.

Als SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli in der Wandelhalle interviewt wird, geht ein Raunen durch die Reihen, einige kichern. Den Mann mit den markigen Sprüchen kennen alle.

Dann werden endlich die Stimmzettel für den zweiten Bundesratssitz, denjenigen von Widmer-Schlumpf, verteilt. Minuten später sieht man, wie die Stimmzettel aus den Urnen auf den grossen Tisch geschüttet werden. Die Spannung steigt, bis es so weit ist, darf Lukas vor versammelter Schülerschar die Konkordanz erklären.

Kein Jubel, nur Aufatmen

In Bern kommen die Stimmenzähler in den Parlamentssaal, in Urdorf wird es schlagartig still. Ständeratspräsident Hans Altherr klingelt mit dem Glöcklein. Konzentriert, nägelkauend, fast andächtig lauschen die Schüler Altherr, der das Resultat verkündet.

Bei «ungültig – eins» ein kurzes Auflachen, dann ist es wieder totenstill. «Gewählt ist mit 131 Stimmen» – die ersten Schüler grinsen oder staunen ungläubig – «Eveline Widmer-Schlumpf». Es bricht kein Jubel aus, aber ein erfreutes Aufatmen ist doch zu hören, vereinzelt wird kurz geklatscht. «Hat jemand diese Stimmenzahl getippt?», fragt Mächler.

Nach Bekanntgabe des Resultats verlassen die meisten Schüler das Zimmer. Lehrerinnen und Lehrer strecken ihre Köpfe hinein, erkundigen sich nach dem Resultat. Es ist Pausenzeit, neue Lektion, neues Fach.

Zeit, abzuklären, ob der nächste Lehrer es erlaubt, weiter vor dem Fernseher zu sitzen. Aber eigentlich haben sie bereits gesehen, was sie sehen wollten: Der Sitz von Widmer-Schlumpf ist in trockenen Tüchern – viel mehr interessiert die meisten Schüler nicht.

Um den Verbleibenden die Wartezeit bis zum Resultat der dritten Wahl zu überbrücken, referiert Mächler nochmals über die Konkordanz, die mit der Wahl Widmer-Schlumpfs für die nächsten vier Jahre gebrochen ist. Dann kommt er auf das Amt des Bundesrates zu sprechen: «Das ist ein schwieriges Amt. Wie bin ich froh, nur Mittelschullehrer zu sein», sagt Mächler.

Das grosse Warten

Nach den fast schon langweilig-unbestrittenen Wahlen von Ueli Maurer (SVP) und Didier Burkhalter (FDP), kommt mit der Kampfansage von SVP-Fraktionspräsident Caspar Baader nochmals etwas Stimmung in der Schülerschaft auf.

Das Mitleid für die SVP hält sich in Grenzen, höhnisches Grinsen macht die Runde. Dann heisst es wieder: warten. Warten, bis die Stimmzettel für die Wahl von Simonetta Sommaruga (SP) verteilt sind, warten bis sie eingesammelt und ausgezählt sind.

Die Interviews, die die Fernsehjournalisten derweil mit verschiedenen Politikern führen, interessieren da wenig. Drei Schülerinnen nutzen die Zeit und frisieren sich Pferdeschwänze.

Die Wahl von Johann Schneider-Ammann (FDP) ist durch. Jetzt soll der Nachfolger von Micheline Calmy-Rey (SP) bestimmt werden. Geschichtslehrer Mächler mutmasst, dass Berset und nicht Maillard gewählt wird.

«Das ist etwas schade, weil Maillard Historiker ist», fügt er an und lacht. Aber Mächler soll mit seiner Vermutung Recht behalten.

Berset wird gewählt, im zweiten Wahlgang, kurz vor 12 Uhr. Es gongt, es ist Mittagszeit. Mächler verabschiedet sich, «eine Sitzung», sagt er entschuldigend und eilt davon. Die Stuhlreihen leeren sich zügig. Es ist 11.52 Uhr, Alain Berset erklärt Annahme der Wahl. In Urdorf hört ihm keiner mehr zu.