Der junge Mann sieht glücklich aus. Er strahlt, hat den Arm um eine hübsche Frau gelegt, neben ihm sitzt ein kleines Kind. Eine typische Familienidylle? Nicht ganz, denn das Bild erzählt eine Geschichte aus vergangenen Zeiten: Die Szene ist festgehalten auf einem Foto, das an der Korkpinnwand in einer Zelle des Gefängnis Limmattal in Dietikon hängt. Daneben prangt ein improvisierter Kalender – handgeschrieben auf einem Stück kariertem Papier – auf dem die verstrichenen Tage abgehakt sind.

Die Pinnwand in der sonst kargen Zelle ist ein rührendes Indiz für etwas, das gerne vergessen geht, wenn man an ein Gefängnis denkt: dass es gefüllt ist mit Menschen, die Gefühle haben – egal, was sie getan haben. «Wir haben ein klares Leitbild», sagt Gefängnisleiter Ernst Egger: «Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt.» Dies habe nichts mit «Kuscheljustiz» zu tun, betont Egger. Doch man behandle alle Menschen mit Respekt – Insassen wie auch Angestellte.

Schweiss und abgestandener Rauch

Dass das Gefängnis Limmattal wenig gemeinsam hat mit den Bildern, die man aus Filmen kennt, wird schnell klar. Denkt man sich die Uniformen der Mitarbeitenden weg, könnte sich der Morgenrapport um 7.15 Uhr auch in irgendeiner anderen Organisation abspielen. Auf dem Tisch im Aufenthaltsraum steht ein Zitronenkuchen neben einer Früchteschale, an der Kaffeemaschine bildet sich eine Schlange, man begrüsst sich freundlich, macht einen Witz.

Erst als sich Aufseher Werner Blickenstorfer und Rolf Marti der ersten Aufgabe des Tages – dem Verteilen der Medikamente an die Insassen – annehmen, wird klar: Man befindet sich nicht in irgendeiner Organisation. Denn auf beiden Seiten des Gitters, das den Büro- vom Insassenbereich trennt, ist der Fussboden gleich gelb. Doch auf einer Seite ist die Freiheit begrenzt. Sehr stark begrenzt.

Um 7.30 Uhr wird die Freiheit, die in der Nacht nur so gross wie die Zellen war, etwas ausgedehnt. «Guten Morgen, guten Morgen», rufen Blickenstorfer und Marti gut gelaunt, während sie eine Zellentüre nach der anderen aufschliessen und offen stehen lassen. Einige der Insassen bekommen Medizin in kleinen rosafarbenen Bechern verabreicht. Alle trinken sie, ohne zu murren. Viele tragen die gefängniseigenen grauen Jogginghosen, fast alle sehen verschlafen aus, einige reiben sich die Augen oder streichen sich fahrig mit den Händen über die Haare. Die Männer sehen friedlich, wenn auch etwas bedrückt aus. In den Zellen riecht es nach abgestandenem Rauch und säuerlichem Schweiss.

80 Prozent in Untersuchungshaft

Kurz darauf werden die Insassen im Flur für die tägliche Spazierstunde zusammengetrommelt. Einer hält noch einen Becher Kaffee in der Hand, den er sich mit Fertigpulver und Wasser aus einem Wasserkocher gebraut hat. «Wieso hetzen Sie so?», murrt er. «Ich habe noch nicht ausgetrunken.» Aufseher Marti bleibt ruhig und freundlich: «Spazieren ist täglich um 7.45 Uhr. Das wissen Sie.»

Wie eine Herde verschlafener Schafe stehen die 19 Männer vom 3.Stock des Gefängnisses nun am Ende des Flurs bei den Gitterstäben. Blickenstorfer hält sich ein Funkgerät vor den Mund: «Spazierbewegung bereit.» Die Gittertür öffnet sich, der graue Trupp setzt sich in Bewegung.

Die Aufseher tragen keine Waffen, nur ein Personenschutzgerät, an dem im Notfall eine Leine gerissen werden kann. Trotzdem war Blickenstorfer noch nie in einer ernsthaft bedrohlichen Situation, wie er sagt. Welcher Delikte die Insassen beschuldigt werden – etwa 80 Prozent sind in Untersuchungshaft – wolle er eigentlich gar nicht wissen, sagt der 48-Jährige: «Ich will niemanden vorverurteilen.» Doch auch wenn er die Arbeit mit Menschen liebt und die Gespräche mit den Insassen schätzt: Freunde wird man nicht werden. Wachsamkeit sei wichtig: «Wenn ich einmal schlechte Laune habe, lasse ich es mir nicht anmerken. Sonst macht man sich angreifbar.» Doch mit schlechter Laune kann man sich Blickenstorfer, der früher 20 Jahre lang auf dem Büro gearbeitet hat, sich heute aber als «viel zufriedener» bezeichnet, kaum vorstellen.

Alte Bekannte

Dasselbe lässt sich über Irène Hugger sagen, die an diesem Tag Aufsicht über die beiden Spazierhöfe hat. Die Fröhlichkeit der zierlichen Frau steht im starken Kontrast zu den tristen, mit Gittern überdachten Höfen, auf die sie durch die Einwegscheiben von ihrer Zentrale freien Blick hat. Hugger, die seit zehn Jahren in Gefängnissen arbeitet, kennt die Häftlinge gut und weiss über viele eine Geschichte zu erzähle. Einige davon sind ihr bereits von früheren Gefängnissen bekannt: «Manchen begegnet man immer wieder», sagt sie.

Während die Häftlinge noch spazieren, sortiert Blickenstorfer die Hauspost. «Briefe an den Anwalt dürfen wir nicht öffnen», erklärt er. Alles andere wird überprüft. Einige Insassen haben hausinterne Formulare ausgefüllt: Einer wünscht sich ein Wörterbuch, ein anderer schreibt: «Bitte, ich möchte 2 x Kopie.» Beides ist möglich, wird aber verrechnet.

«Das sind Kinder»

Geld können sich die Männer durch Arbeit verdienen – eine Gelegenheit, die sich kaum einer entgehen lässt. Vor allem, weil sie mit den 8 bis 14 Franken, die ihnen dafür pro Tag gutgeschrieben werden, Zigaretten beziehen wollen. Die Arbeiten sind einfach: Abpacken von Produkten, Knüpfen von Bändeln, Abkleben, leichte Handwerksarbeiten. Begehrt sei vor allem die Arbeit in der Küche, erklärt Blickenstorfer – nicht zuletzt, weil man dafür in einer Einzelzelle wohnen und täglich duschen dürfe. Für die anderen ist Duschen nur zweimal wöchentlich möglich.

Auch sonst ist der Gefängnisalltag strikte geregelt: In Untersuchungshaft darf nicht telefoniert werden. Verurteilte Insassen dürfen mit Überwachung zwei Mal pro Monat je zehn Minuten telefonieren, gearbeitet wird jeden Morgen und an zwei Nachmittagen, Kioskwaren gibt es einmal wöchentlich, spaziert wird täglich.

«Klare Strukturen sind enorm wichtig», sagt Christoph Oeschger, der die Jugendabteilung leitet. Dies gelte vor allem für die Jugendlichen: «Sie suchen immer wieder ihre Grenzen.» Die Arbeit mit den Kindern – «das sind Kinder, auch wenn sie noch so rambomässig auftreten» – sei anspruchsvoll und spannend. «Man muss bereit sein, das Positive zu sehen, es wird einem nicht auf dem Silbertablett serviert.»

Nicht auf dem Silbertablett sondern von Hand bringt unterdessen Blickenstorfer eine Flasche Duschgel, die abgegeben worden ist, in eine Zelle. Zuvor hat er sie durch einen Scanner fahren lassen, zur Sicherheit. Es ist 11. 15 Uhr. Bald werden die Insassen ihre morgendliche Arbeit abgeschlossen haben. Es gibt Mittagessen, um 13 Uhr wieder Arbeit.