Schlieren
«In der heutigen Zeit nicht notwendig» — die Stadtplatz-Uhr wird nicht aufgestellt

Wieso die Mehrheit des Schlieremer Parlaments das Aufstellen einer Uhr auf dem Stadtplatz abgelehnt hat.

David Egger
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«In der heutigen Zeit nicht notwendig»

«In der heutigen Zeit nicht notwendig»

Alex Spichale (Birmensdorf, 5. Oktober 2017) Bild: flo

Zur rechten Zeit am rechten Ort: Das war Songül Viridén (GLP) aus Sicht von Boris Steffen (SVP) überhaupt nicht, als sie im November ein Postulat einreichte, mit dem sie den Stadtrat bat, auf dem 2018 eingeweihten Schlieremer Stadtplatz eine gut sichtbare Uhr zu montieren. «Bis vor rund 60 Jahren hätten wir dieses Postulat wohl unterstützt. Damals war es noch nicht üblich, dass sich jede und jeder eine Uhr leisten konnte. In der heutigen Zeit verstehen wir den Antrag jedoch nicht mehr», sagte Steffen am Montag, als Viridéns Vorstoss im Parlament behandelt und mit 17 zu 11 Stimmen bei 2 Enthaltungen abgelehnt wurde. «Heute hat wohl jeder die Möglichkeit auf die Uhr zu schauen. Sei dies via Smartphone oder am Arm», so Steffen. Und wer diese Möglichkeit nicht habe, könne ja jemand anderen nach der Zeit fragen. So sei die SVP zum Schluss gekommen, dass die angedachte Uhr auf dem Stadtplatz «in der heutigen Zeit nicht mehr notwendig» sei, sagte Steffen, der namens der SVP den Antrag auf Ablehnung stellte.

Zuvor hatte Viridén noch ihrer Freude darüber Ausdruck verliehen, dass der Stadtrat bereit war, das Postulat entgegenzunehmen. Die Freude wich nach Steffens Votum schnell dem Unverständnis: «Es ist für mich absolut unverständlich, wieso dieses Postulat abgelehnt werden soll, obwohl der Stadtrat es annehmen möchte.»

«So eine Uhr ist doch kein Luxus»

Wobei: Wenn sie an die Budgetdebatte zurückdenke, in der die Ratsrechte eine Steuerfusssenkung von 114 auf 111 Prozent durchbrachte, verstehe sie die Ablehnung doch. Nun, da der Bezirksrat auch noch einige der damals verabschiedeten Budgetkürzungen prüfe, sei klar, dass die kommende Rechnung 2020 mit einem deutlichen Minus daherkommen werde. Das gelte es jetzt offensichtlich mit aller Macht zu verhindern, auch wenn dafür eine von der Bevölkerung oft verlangte Uhr verunmöglicht werde. Viridén fragte: «Ist Ihnen eigentlich klar, dass eine Uhr an wichtigen Haltestellen für die Bevölkerung in der Schweiz, ja europaweit, und weltweit, ­etwas Selbstverständliches ist?» So eine Uhr sei doch kein Luxus – ausser offenbar für Schlieren. Sie sehe schon die Schlagzeilen vor sich, sagte ­Viridén: «Schlieren kann sich eine Steuerfusssenkung leisten, aber keine Uhr im Zentrum.» Auch liess sie Steffens Argument nicht gelten, dass heute alle auf ihren Mobilgeräten die Zeit nachschauen könnten und ­keine Uhr bräuchten. «Schon wieder so etwas, wo in jedem Fall die ältere ­Bevölkerung bestraft wird», urteilte sie.

Ratstelegramm

An der Sitzung nahmen 31 von 36 Parlamentsmitgliedern teil. Gegen das vom Parlament beschlossene Budget 2020 gingen zwei Eingaben beim Bezirksrat ein: eine vom Stadtrat und eine von einer Privatperson. Das Parlament wurde zur Stellungnahme eingeladen; das Gemeinderatsbüro schreibe diese, erklärte Gemeinderatspräsident Walter Jucker (SP).

Nina Bolliger (SVP) tritt aus dem Wahlbüro zurück. Dominik Ritzmann (Grüne) verlässt zudem die Rechnungsprüfungskommission und Daniel Frey (FDP) die Spezialkommission kommunaler Richtplan Siedlung und Landschaft. Die Nachfolgerinnen beziehungsweise Nachfolger wird das Parlament am 6. April wählen.

Das Postulat von Marianne Habegger (SVP) zur Spitalstrasse wurde nicht abgeschrieben.
Das Postulat von Heidemarie Busch (CVP) zur Verlängerung des Limmattalbahn-Tunnels wurde abgeschrieben.

Das Postulat von Dominik Ritzmann (Grüne) zu den Elternbeiträgen für Klassenlager wurde abgeschrieben.

Das Postulat von Manuel Kampus (Grüne) zu den offenen Bücherschränken wurde abgeschrieben.

Das Stadtplatz-Uhr-Postulat von Songül Viridén (GLP) wurde nicht überwiesen. (deg)

Dominik Ritzmann (Grüne) sieht das «weniger dramatisch», wie er sagte. Denn bei den Bildschirmen an der Haltestelle sehe man ja, in wie vielen Minuten der Bus oder das Tram komme. «Dementsprechend sehe ich die Notwendigkeit für eine Uhr auch nicht», so Ritzmann.

Nach der Abstimmung im Parlament ist klar: Der Stadtrat muss sich nicht um eine Stadtplatz-Uhr kümmern. Ein Beispiel für eine Uhr, wie sie Viridén wohl gefallen hätte, wurde im Herbst 2017 dreieinhalb Meter über dem Kopfsteinpflasterplatz im Birmensdorfer Zentrum montiert. Dieser Zeitmesser blieb für die Gemeinde ohne Kosten: Sie erhielt ihn nämlich von einem damals 90-jährigen, seinem Dorf sehr verbundenen Einwohner, geschenkt. Dieser fand, dass auf dem Zentrumsplatz eine solche Uhr fehle. Er übernahm die Kosten in der Höhe von 11'000 Franken für die klassische Bahnhofsuhr des Herstellers Mobatime.