Dietikon

In der geschichtsträchtigen Kirchstrasse hinterlässt die Limmatbahn-Baustelle Spuren.

Charlotte Kuhny brachte vor vierzehn Jahren neuen Wind in die Dietiker Kirchenstrasse. Die momentane Situation für Kleinbetriebe ist in dieser Nebenstrasse nicht einfach.

Kleine Läden an der Kirchstrasse haben es schwierig. Diese Tatsache zeigt sich in Gesprächen mit Ladenbesitzerinnen und Ladenbesitzern. Besonders die Entwicklungen, die durch die Limmattalbahn-Baustelle verursacht werden, beschäftigen das Gewerbe an der Kirchstrasse zurzeit. So auch das Blumengeschäft von Charlotte Kuhny. Sie ist vor vierzehn Jahren in das neue Gebäude eingezogen, das am früheren Standort der «Weinstube» erbaut wurde. In oranger Farbe ist ihr kleines Paradies angeschrieben. Sie strahlt, wenn sie über ihre Leidenschaft als Floristin spricht: «Floristin ist man immer mit Leib und Seele.» Was ihr besonders gefalle, sei, dass sie dank ihrem Beruf immer mit der Saison lebe. «Im Frühling arbeiten wir mit Frühlingsblumen und im Sommer mit Sommerblumen.» Auch die Wintermonate haben ihre Reize. Zudem sei der Beruf sehr nahe am Menschen und am Leben. «Wir begleiten dank unserer Arbeit freudige Stunden beispielsweise an Hochzeiten, aber genauso jene Stunden von tiefer Trauer bei Beerdigungen», sagt sie. Der Dietiker Kern bleibt trotz dem Wachstum bestehen
Kuhny ist verankert in Dietikon, obwohl sie zwei Jahre in Basel verbrachte und sich vor kurzem für einen Umzug nach Berikon entschied. Sie ist wegen der langjährigen Abwartstätigkeit ihrer Eltern im Schulhaus Fondli dort aufgewachsen. Ihr Bruder Pius Baggenstos ist Präsident der Dietiker Trychlergruppe. In Dietikon hat sie ihre beiden Töchter aufgezogen und gemeinsam mit ihrem Mann Bruno gehört sie zu den Gründungsmitgliedern der Dietiker Guggi-Häxe. «Der Dietiker Kern bleibt immer bestehen und trifft sich an Festen» sagt sie. Das sei sehr schön. Ihre Lehre hat Kuhny einst bei Blumen Leuenberger & Co in der Florastrasse absolviert. Den Betrieb gibt es heute nicht mehr. Später eröffnete sie ihren Laden in Geroldswil, den sie für lange Zeit führte, ehe sie ihren neuen Standort an der Dietiker Kirchstrasse eröffnete. Dieser Ort gefalle ihr. Sie könne auf eine treue Kundschaft zählen, sagt sie. Dennoch gäbe es Dinge, die besser laufen könnten: «Die grossen Geschäfte wie Coop und Migros und Baumärkte haben uns das Leben schon sehr schwer gemacht», sagt sie. Während diese aufgrund der grossen Mengen direkt ­importieren können, sei bei den Klein­betrieben immer noch der Zwischenhandel nötig.

Die direkte Zufahrt von der Überlandstrasse her ist gesperrt

Zudem sieht Kuhny weiteren Handlungsbedarf in der Strasse: «Wir sind eher für uns, als dass ein reger Austausch stattfinden würde. Manchmal würde ich mir mehr Gespräche mit den anderen Geschäften in dieser Strasse wünschen», sagt sie. Zudem könne auch die Stadt beitragen, dass sich die Situation für Läden im Zentrum verbessere: «Wir gehen schlicht unter und umso wichtiger wäre es, wenn mit direkten Beschilderungen auf so kleine Läden wie uns aufmerksam gemacht werden würde», sagt sie. Es wäre keine grosse Sache, wenn zumindest kleine Hinweistafeln angebracht würden. «Es gibt gewisse Dinge, die kann ich nicht verstehen», sagt sie. Auch Entscheidungen, die die Limmattalbahn betreffen, hätten die Lage für Kleinbetriebe zusätzlich erschwert: Zum Beispiel, dass die Zufahrt von der Überlandstrasse her gesperrt ist. Seit dem Beginn der Limmattalbahn-Baustelle ist der direkte Zugang nicht mehr erlaubt – ausser für den Bus. Bisweilen kontrolliert diese Einfahrt die Polizei, denn wer vom Limmat-Tower her nach der Unterführung nach links zum Bahnhof fährt, läuft Gefahr, als Geisterfahrer einzubiegen. «Weshalb für uns Geschäfte diese Sperrung gilt, kann ich nicht ganz nachvollziehen», sagt Kuhny. Dies habe weitreichende Konsequenzen für sie, weil dadurch ein Umweg entstehe. «Für eine Strecke, für die ich vorhin drei Minuten hatte, muss ich nun einen Kreis fahren. Letzthin hatte ich für diese Strecke fünfzehn Minuten», klagt sie. Für den Lieferservice sei dies katastrophal. Kuhny liefert mehrmals täglich ihre Blumen aus. Gerade beim bevorstehenden Valentinstag sind ihr solche Umwege ein Dorn im Auge.

Bereits um 20 Uhr ist es in der Kirchstrasse ruhig

Ebenso von dieser Situation betroffen aufgrund der Lieferungen ist das Ehepaar Sharabati, das seit 2010 direkt an der Ecke zur Merkurstrasse den Imbiss Crispy Chicken führt. Da, wo einst die Metzgerei Albrecht drin war, werden heute Pouletgerichte und Take-Away-Produkte serviert. Helga Sharabati seufzt, wenn man sie nach den Beeinträchtigungen durch die Limmattalbahn fragt. «Drei Jahre sind bei einem solchen Zustand einfach zu lange.» Sie müsse momentan mit Einbussen von zwei Dritteln klarkommen. «Das Einzige, was wir hoffen, ist, dass wir über die Runden kommen und diese Zeit überbrücken können.» Man sei wütend und sehe mittlerweile nur noch Negatives in allem, was mit der Limmattalbahn zusammenhänge. Was aber für sie als Betrieb das Schlimmste sei, wenn die Verkehrsführung auch nach der Baustelle so bleiben würde. Diese Befürchtung lasse sie nicht ganz los. «Früher hatten wir an diesem Ort bis spätabends noch Gäste, heute ist es bereits um acht Uhr ruhig. Es sind nur Einbussen und höhere Kosten. Es fahren kaum noch Leute durch das Zentrum», sagt sie. «Wir verlieren an Kunden und haben auch für die Auslieferungen mehr Zeit einzuberechnen. Zeit, die Konsumenten in der heutigen Zeit nicht mehr gewähren.» Es sei ein Ärger, dass alle Baustellen auf einmal kamen. Auch die Strecke nach Schlieren. Sie verstehe einfach nicht, weshalb alles gleichzeitig versperrt werden müsse.

Vierzig Kilometer am Tag mehr Benzinausstoss wegen Umweg

«Es ist auch für die Umwelt ein absoluter Witz», sagt ihr Ehemann Amer Sharabati. «Wir liefern mit dem Auto aus und wegen der Umfahrung sind das pro Tag rund vierzig Kilometer, die ich mehr machen muss.» Das wirke sich auch auf die Umweltbelastung aus. Gerade für jene, die auf eine Auslieferung angewiesen sind, ist die Baustelle der Limmattalbahn ebenso eine Belastung, wie für jene, die direkt an der Hauptstrasse von ihr betroffen sind. Es scheint so, dass trotz der goldenen Schokoladenherzen, mit denen sich die Limmattalbahn bei den Anwohnern für die Geduld bedankte, die Geduld zu Ende geht – gerade auch bei manchen Kleinbetrieben in der Nebenstrasse, die die Kirchstrasse heute ist.

Autor

Cynthia Mira

Cynthia Mira

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