Dietikon
In der Buchhandlung Limmattal wird bald der letzte Kaffee getrunken

Hans Peter Wyss muss seine Buchhandlung Mitte September schliessen. Dann wird es nur noch eine in der Region geben— und auch sie muss um jeden einzelnen Kunden kämpfen.

Carolin Teufelberger und Anina Gepp
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Inhaber Hans Peter Wyss ist einer der wenigen, die in der Buchhandlung Limmattal noch durch das breite Sortiment an Büchern blättern. CTE

Inhaber Hans Peter Wyss ist einer der wenigen, die in der Buchhandlung Limmattal noch durch das breite Sortiment an Büchern blättern. CTE

Es riecht nach Büchern und Kaffee. Die Atmosphäre lädt zum Schmökern ein. Doch kein zahlender Kunde weit und breit. Einzig ein Handleser wagt den Schritt über die Schwelle. 35 Jahre lang bot die Buchhandlung Limmattal ihren Kunden ein breites Sortiment an Büchern an. Jetzt muss die Buchhandlung ihre Türen schliessen.

Die Gründe dafür sind vielfältig, wie Inhaber Hans Peter Wyss erklärt. «Die Menschen fühlen immer weniger Verbundenheit zu ihrem Wohnort. Anstatt lokale Geschäfte zu unterstützen, nehmen sie lieber den bequemen Weg über das Internet.» Generell werde die Gesellschaft immer anonymer und lege weniger Wert auf persönlichen Kontakt, meint Wyss. Das treffe nicht nur Buchhandlungen, sondern alle kleinen Geschäfte — und werde das gesamte Stadtbild verändern. «Der Verlust an Sozialkapital und die fehlende Identifizierung mit dem Wohnort wird Dietikon in Zukunft hart treffen. Sobald es die aktive ältere Bevölkerung nicht mehr gibt, wird fast niemand mehr etwas für die Stadt tun», sagt er. Denn Begegnungen und Beziehungen seien entscheidend für den Zusammenhalt einer Gesellschaft.

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Buchhandlung wird es ab dem 13. September im Limmattal noch geben. Nach der Schliessung der Verkaufsstelle von Hans Peter Wyss bleibt nur noch die Buchhandlung Scriptum in Dietikon übrig.

Er gibt teilweise auch den Behörden die Schuld für die Schliessung kleiner Geschäfte wie seiner Buchhandlung, da diese die Augen vor dem Problem verschliessen würden. «Ich spüre kein Interesse von der Seite des offiziellen Dietikons, etwas an der Situation zu ändern.» Als Beispiel dafür nennt er die Einführung des Kulturabos. «Früher kaufte man die Billette für Theater- und Kulturveranstaltungen in den Buchhandlungen. Das Kulturabo ist jetzt aber nur noch in der Stadtbibliothek oder im Internet beziehbar und nimmt so den Buchhandlungen die Kunden.»

Einen weiteren Grund für die Schliessung sieht Wyss in der Abschaffung der Buchpreisbindung. Diese schrieb den Verlagen einen unveränderlichen Preis für Bücher vor, der von allen Buchhandlungen eingehalten werden musste. «Seit es die Buchpreisbindung nicht mehr gibt, können die grossen Buchhandlungen Bestseller billig verkaufen. Ich kann mir so etwas nicht leisten und habe das Nachsehen», bedauert Wyss.

Corinne Frischknecht hofft auf mehr Kundschaft in ihrer Buchhandlung Scriptum. GEP

Corinne Frischknecht hofft auf mehr Kundschaft in ihrer Buchhandlung Scriptum. GEP

Wyss verkauft weiterhin Bücher

Trotz allem muss er sich keine Sorgen um seine Existenz machen. «Ich habe noch einen zweiten Beruf als Treuhänder, dort werden in den nächsten Jahren einige energieraubende Projekte auf mich zukommen.» Ausserdem freue er sich, wieder mehr frei verfügbare Zeit zu haben und unabhängig von Öffnungszeiten Ferien machen zu können.

Wyss konnte den Laden durch einen glücklichen Zufall vor sechs Jahren übernehmen. Die Buchshopping AG, zu der die Buchhandlung Limmattal gehörte, stiess alle kleinen Filialen ab. «Ich war Stammkunde und bekam die Pläne mit. Da ich schon immer fasziniert von Buchhandlungen war und sehr viel lese, entschied ich mich, das Geschäft zu übernehmen», erzählt Wyss. Die Buchhandlung habe ihm immer viel Freude bereitet und habe ihm auch neue Kontakte eingebracht. «An manchen Tagen war ich mehr Kaffeestube als Buchhandlung», sagt er. Trotz der Schliessung der stationären Buchhandlung muss er sein Hobby nicht aufgeben. Der Laden falle zwar weg, aber über die Homepage könnten weiterhin Bücher bestellt werden. «Ich werde die Bücher dann in einem angemessenen Umkreis mit dem Velo austragen. So hab ich auch noch gleich Sport gemacht.»

Die letzte Buchhandlung

Nach der Schliessung wird es im Limmattal nur noch die Buchhandlung Scriptum in Dietikon geben. Aber auch Inhaberin Corinne Frischknecht hat zu kämpfen. «Ich kann von der Buchhandlung nicht leben. Wäre mein Mann nicht berufstätig, müsste ich sie wahrscheinlich schliessen.» Auch sie sieht das Problem vor allem im Onlinehandel. Zudem fehle ihr die Laufkundschaft, da sich ihr Laden nicht im Zentrum befindet. Da es die Buchhandlung schon seit 22 Jahren gibt, habe sie aber viele Stammkunden.

Um sich im Limmattal bekannt zu machen, organisiert die Buchhandlung Scriptum einmal im Jahr die Veranstaltung «Bücher im Gespräch». Dabei stellt die Buchhändlerin zusammen mit ihren Kolleginnen Mengia Cincera und Alessandra Barzotto persönliche Lesetipps vor. An diversen weiteren Anlässen sind die drei Frauen mit einem Büchertisch vertreten und organisieren auch mal eine Lesung mit einem bekannten Autor. Ausserdem versuche Frischknecht, die Buchhandlung aufzufrischen. Sei es mit schönen und abwechslungsreichen Schaufenstern oder einem erweiterten Sortiment, das nicht nur aus Büchern, sondern auch aus Produkten wie Servietten, speziellen Radiergummis oder Lesebrillen besteht.

Obwohl Frischknecht mit ihrer Buchhandlung nicht reich wird, hat sie Freude an ihrem Beruf. «Es war schon immer mein Traum, in einer kleinen Buchhandlug Bücher zu verkaufen.» Sie selbst lese am liebsten Krimis, sei aber durch ihre Arbeit unterdessen sehr breit belesen.

Ein feierlicher Abschied

Am 13. September werden die Türen der Buchhandlung Limmattal das letzte Mal geöffnet sein. Diesem Tag sieht Wyss mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegen. «Es war eine sehr schöne und spannende Phase, in der ich viele neue Erfahrungen machen durfte.» An der Finissage wird unter anderem Hans Ruchti aus einem Werk von Arthur Honegger lesen. Danach wird umgebaut, denn neu wird an der Bremgartnerstrasse 11 einen Hundesalon einziehen. «Das ist natürlich etwas ganz anderes als eine Buchhandlung. Aber ich bin mir sicher, dass der Laden gut laufen wird. Die Schweizer geben gerne viel Geld für ihre Vierbeiner aus», sagt Wyss.