Dietikon
In der Bibliothek herrscht zurzeit Pausenstimmung

Kaum wird es kälter, zieht es die Schüler scharenweise zum Lernen in die Stadtbibliothek. «Es ist schön, dass wir nicht mehr als reiner Bücherverleih wahrgenommen werden», sagt die Bibliotheksleiterin dazu.

Katja Landolt
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Was bei Studenten gang und gäbe ist, ist inzwischen auch bei Volksschülern beliebt: Lernen in der Bibliothek.

Was bei Studenten gang und gäbe ist, ist inzwischen auch bei Volksschülern beliebt: Lernen in der Bibliothek.

Katja Landolt

«Der Wald reguliert den Wasserhaushalt», schreibt Giordano mit grünem Filzstift auf das Häuschenpapier. Darunter malt er einen Baum, Wasser, einen Streifen Waldboden. Ihm gegenüber sitzt Luca; er brütet über der Berechnung von Dreiecksflächen. Es ist später Nachmittag, Hausaufgabenzeit. Wie jeden Tag. Nur die Umgebung ist etwas ungewöhnlich. Die beiden sitzen nicht zu Hause am Schreibtisch, sondern in der Stadt- und Regionalbibliothek Dietikon.

Was bei Studenten gang und gäbe ist, ist inzwischen auch bei Volksschülern beliebt: Lernen in der Bibliothek. Zwischen den Bücherregalen ist es ruhig, die Fachliteratur steht zum Greifen nah. Auch in der Stadt- und Regionalbibliothek in Dietikon nutzen die Schüler den Ort fürs gemeinsame Lernen. Gerade jetzt, da die Tage kälter werden, kommen sie in Scharen, sitzen über ihre Hausaufgaben gebeugt da.

Hemmschwelle sinkt

Nicht selten sind es um die 20 Kinder, die hier ihre Freizeit verbringen. «Die Kinder und Jugendlichen sind bei uns willkommen», sagt Bibliotheksleiterin Agnes Matt. «Es ist schön, dass wir nicht mehr als reiner Bücherverleih wahrgenommen werden.» Indem die Schüler zum Lernen in die Bibliothek kommen, sinke auch die Hemmschwelle, mal ein Buch auszuleihen.

Dass die Kinder fürs Lernen zu ihnen kommen, habe sich so ergeben, sagt Matt; im Konzept der Bibliothek wäre es nicht vorgesehen. Lernen könnten die Schüler auch in den Schulhäusern. Doch da sei die Aufsicht streng; wer laut ist oder andere zickelt, muss gehen. «Da gefällt es ihnen bei uns deutlich besser», sagt Matt und lacht. Keine Lehrpersonen als Aufpasser – und ein Sofa. Das mögen die Teenies. Giordano, Luca und ihre Kollegen, alle im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, sind fast jeden Tag in der Bibliothek anzutreffen. «Wegen des bequemen Sofas», sagt Umut. «Wir sitzen hier und lesen die Bravo», sagt Lara und die Buben johlen auf: «Das machen nur die Mädchen!»

Im Erdgeschoss sitzen die Klassenkameraden Anthony, Rasvin, Diego und Shkelqim, alle 13-jährig, um einen Tisch. Anthony und Rasvin spielen. «Hat er blonde Haare?», fragt Anthony. Rasvin legt den Kopf schief. «Nein.» Anthony klappt die Köpfchen mit den Blondschöpfen um, «Wer bin ich», nennt sich das Spiel. Daneben hampelt Diego herum, blättert in einem Buch und klopft Sprüche. Das Spielen sei für sie wie eine Belohnung, sagt Anthony: «Erst machen wir 20 Minuten lang Hausaufgaben, dann spielen wir eine halbe Stunde.» Das gemeinsame Lernen sei einfacher für sie. «Wenn wir zusammen lernen, verstehen wir die Aufgaben besser und können uns alles gegenseitig erklären», sagt Anthony. Und ausserdem möge er Bücher, er leihe sich immer wieder welche aus.

Im obersten Geschoss, hinter den Bücherregalen, sitzen Noel (12) und Leonit (8) an dem Computern. «Hier stört mich nichts, hier ist es schön ruhig», sagt Noel. Und: Hier können sie eine halbe Stunde lang gratis im Internet surfen, das gefällt den beiden. Sie seien deshalb fast jeden Tag hier.

«Suchen nach Grenzen»

Dass die Schüler zum Lernen in die Bibliothek kommen, hat aber nicht nur eine Sonnenseite: Gegen ruhig arbeitende Schüler sei überhaupt nichts einzuwenden, hält Matt fest. Etwas schwieriger sei es mit den Aufmüpfigen. «Die suchen nach Grenzen, sind laut und machen Blödsinn.» Das sei manchmal unangenehm. «Bei dieser Pausenplatzstimmung fühlen sich weder unsere Kunden noch die Mitarbeiterinnen mehr wohl», sagt Matt. Es seien schon Klagen von Kunden eingegangen.

Und auch die Bibliothekarinnen fühlen sich zu Recht nicht als Aufsicht verantwortlich. Matt: «Ich kann von meinen Mitarbeiterinnen nicht erwarten, dass sie sich um die Schüler kümmern. Das ist nicht unsere Aufgabe.»