Dietikon

In der Abwasserreinigung bekommen die kleinsten Mitarbeiter mehr Arbeit

Ein bisher einzigartiges Projekt mit Bachflohkrebsen in der ARA Dietikon wird erweitert – das stösst auch im Ausland auf Interesse.

Bachflohkrebse sind - wie ihr Name schon verrät - flohartige, kleine Krebse, die in Bächen leben. Oder allgemein in Fliessgewässern, wie beispielsweise in der Limmat. In Dietikon sind die Tierchen noch viel mehr als das. Sie sind in der Abwasserreinigungsanlage (ARA) Dietikon als natürliche Mitarbeiter tätig. Dieses Projekt, das weltweit bisher einmalig ist, läuft schon seit mehr als zwei Jahren (die Limmattaler Zeitung berichtete). Und in der ARA Dietikon ist man mit den kleinsten Mitarbeitern sehr zufrieden: «Wir haben gerade unsere zweite Studie durchgeführt und müssen sagen, dass die Bachflohkrebse wirklich sehr gute Arbeit leisten», sagt Christan Bühler, Leiter Siedlungswasserwirtschaft. Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten hätten sogar dazu geführt, dass sich die Tierchen fest als eigene «Abteilung» im Wasserüberprüfungsprozess der ARA Dietikon etabliert hätten. Und ihre Verantwortung als Mitarbeitende soll noch weiter wachsen: «Ziel ist, dass wir mithilfe der Bachflohkrebse eines Tages wichtige Prozesse in der Wasserüberprüfung besser steuern können», sagt Bühler.

Drogen und Hormone

Aber was ist der Job der kleinen Tierchen? «Wir halten die Bachflohkrebse in einem Becken. Dort fliesst unser gereinigtes Abwasser durch. Wenn sie sich stark bewegen, dann melden das die Sensoren, die im Becken eingebaut sind», sagt Bühler. Die Bewegungen der Bachflohkrebse seien ein Indikator, dass etwas mit dem gereinigten Wasser noch nicht ganz stimme. «In der Natur flüchten die Bachflohkrebse aus ihrem Lebensraum, sobald das Wasser Verunreinigungen enthält», erklärt Bühler. Die Bachflohkrebse seien bisher die einzige Instanz in der ARA Dietikon, die bereits auf geringe Mengen von Mikroverunreinigungen reagiert. Zu solchen Verunreinigungen gehören beispielsweise Hormone, Drogen oder bestimmte Arten von Pestiziden.

«In der ersten Studie haben wir überprüft, ob die Krebse überhaupt reagieren», erklärt Bühler. Nun ging die zweite Studie über die Bühne: Dabei wurde der Einsatzbereich der Bachflohkrebse erweitert. Ein eigener Raum wurde für das Becken eingerichtet, das zuvor provisorisch im Flur untergebracht gewesen war. Ausserdem wurde die Zahl der Messstationen von acht auf 24 erhöht. Die Ergebnisse seien nun insgesamt verlässlicher, sagt Bühler. «Der Eindruck hat sich verfestigt: Die Bachflohkrebse lassen sich gut als zusätzliches ‹Bio-Monitoring› zu unseren konventionellen Messgeräten einsetzen.»

Bachflohkrebse in der ARA in Dietikon

Wenn sie sich plötzlich schnell bewegen, deutet dies auf Wasserverunreinigung hin.

Geld sparen mit den Krebsen

Und damit nicht genug: Mit dem Projekt soll es in die nächste Phase gehen. Eine bevorstehende Gesetzänderung in der Schweiz verlangt, dass das Abwasser auch von Mikroverunreinigungen gereinigt werden soll. Um dies in der ARA Dietikon umzusetzen, plant Bühler mit seinem Team, einen Ozonreaktor bei der Abwasserreinigung einzusetzen. «Aus dem Reaktor soll Ozongas in das Abwasser gepumpt werden, um Pestizide, Hormone und andere Verunreinigungen zu eliminieren», erklärt er. Die Bachflohkrebse sollen in Zukunft in diesen Prozess eingebunden werden: Ihre Reaktion soll bestimmen, ob und inwiefern der Ozonreaktor zum Tragen kommt. «So könnte das Ozongas nur dann eingesetzt werden, wenn es wirklich nötig ist. Damit würden wir viel Geld sparen», so Bühler.

Der Erfolg der Forschungsarbeiten hat sich auch in der Branche herumgesprochen. «Eine Abwasserreinigungsanlage in Mannheim will dank unserer Entdeckung ebenfalls Bachflohkrebse in ihre Prozesse einbinden», sagt Bühler stolz. Derzeit würden noch weitere Ergebnisse aus Dietikon abgewartet. «Aber es ist gut möglich, dass sich der Einsatz der kleinen Tierchen weiter in Europa verbreitet.»

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