Reisebericht (4)
In Alaska mit Einzelgängern auf Fischfang

Romy Müller und Miro Slezak treffen am Ende der Welt in Alaska nicht nur auf Bären, sondern lernen im Norden Amerikas das Klima, die Landschaft und das allgemeine Leben nochmals ganz anders kennen.

Romy Müller
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Reisebericht (4) Alaska
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Etappe Alaska
Ein gefährliches, aber auch eindrucksvolles Tier.
Die wichtigste Nahrungsquelle der Bären in Alaska sind Lachse.
Dank 18 bis 20 Stunden Tageslicht während des kurzen Polarsommers wächst das Gemüse zu absurden Grössen heran.

Reisebericht (4) Alaska

Romy Müller

Wir setzen unseren Fuss auf Alaskas Boden und alles wird anders: die Landschaft, das Klima, die Preise und das Wetter. Vor allem Letzteres macht seinem schlechten Ruf alle Ehre. In vier Wochen sehen wir drei Mal für wenige Stunden die Sonne. Wenn es nicht regnet, hängen die Wolken so tief, dass wir die Landschaft nur in Grau- und Blautönen schemenhaft erkennen können.

«Wenn wir schon wenig von der Landschaft mit bekommen, wollen wir wenigstens Bären sehen», sagen wir uns. Im Katmai-Nationalpark gibt es mit 1500 bis 2000 Bären die grösste Population des gesamten Kontinents und dort wollen wir hin. Das Gebiet ist nur mit einem Wasserflugzeug erreichbar. Doch der von uns gebuchte Flug muss wegen schlechten Wetters von einem Tag auf den nächsten verschoben werden. Nach vier Tagen sind wir mit unserer Geduld am Ende und fliegen als Alternative zum Lake Clark Nationalpark.

Jeder zehnte Versuch erfolgreich

Von einem Boot aus können wir die Braunbären beim Fischen beobachten. Jeder Bär entwickelt im Laufe seines Leben eine eigene Technik. Einige stehen aufrecht im Wasser und schauen angestrengt auf die Wasseroberfläche. Wenn sie einen Lachs erspähen, lassen sie sich einfach fallen, sodass das Wasser auf alle Seiten hoch aufspritzt. Mit ihren langen Krallen versuchen sie, den Fisch zu erwischen. Andere tauchen für mehrere Sekunden in die Tiefe und mit viel Glück kommen sie mit einem zappelnden Fisch im Mund wieder hoch. Nur ungefähr jeder zehnte Versuch ist erfolgreich. Einige Bären schwimmen scheinbar ziellos im See herum, andere rennen im seichten Wasser ungestüm im Zickzack den Lachsen hinterher.

Obwohl wir keine 20 Meter von ihnen entfernt sind, nehmen sie kaum Notiz von uns. Bevor sie im November den Winterschlaf antreten, müssen sie sich grosse Fettreserven anfressen, damit sie die fünf bis sechs Monate bis im Frühling ohne Nahrung überstehen können. Eigentlich sind Bären Einzelgänger, aber bei dem reichhaltigen Nahrungsangebot hier dulden sie auch Artgenossen neben sich. Sie sind Allesfresser, doch die fett- und eiweissreichen Lachse sind ihre wertvollste Nahrungsquelle. Dank diesem Angebot leben hier weltweit die grössten Bären.

Der Denali Nationalpark wird aufgrund seines Tierreichtums auch die Serengeti des Nordens genannt. Aber auch der im Park stehende Mount McKinley, mit 6194 Metern der höchste Berg Nordamerikas, ist ein grosser Anziehungspunkt. Allerdings sehen ihn nur knapp 30 Prozent der Besucher, denn die meiste Zeit hüllt er sein Haupt in Wolken. Doch der Wettergott scheint sich mit uns versöhnen zu wollen. Die Wolken reissen auf und der schneebedeckte Gipfel hebt sich klar vor dem blauen Himmel ab – was für ein Anblick. Zwei Stunden später ist die Vorstellung zu Ende. Wir können bald nur noch ahnen, wo sich der Berg befindet, denn ausser tief hängenden Wolken ist nichts mehr zu sehen. Nun müssen wir uns mit Bären, Wölfen, Dallschafen, Füchsen und Karibus zufrieden geben.

Gemüse bricht alle Rekorde

Hier, in Zentralalaska, wächst das Gemüse dank 18 bis 20 Stunden Tageslicht während des kurzen Polarsommers zu fast schon absurden Grössen heran. Kohlköpfe von 60 Kilogramm Gewicht werden geerntet, Zucchini und Gurken von der Grösse eines Drittklässlers erfreuen das Herz des Gärtners und das Ernten von neun Kilogramm schweren Karotten kann schon als sportliche Leistung qualifiziert werden. Ein Bund Mangold brachte es auf 2,7 Meter. Aber auch der Winter trumpft mit Rekorden auf. Im Februar beträgt die Höchsttemperatur in diesem Gebiet minus 34 Grad.

Auf einer langen und holprigen Piste führt uns der Dalton Highway durch Taiga und Tundra bis hoch zum Polarkreis. Die Strasse wurde in den 1970er Jahren als Transportweg für den Bau des nördlichen Teils der Trans-Alaska-Pipeline angelegt. Wie ein silbriger Wurm schlängelt sich die Ölpipeline entlang der Strasse, 1300 Kilometer vom Nordpolarmeer, wo die grössten Vorkommen in Nordamerika liegen, quer durch Alaska bis zum Hafen von Valdez. Dort wird das Rohöl auf Schiffe verladen wird. Mit den Öleinnahmen werden Strassen unterhalten, Schulen gebaut und die Energieversorgung finanziert. Dazu erhält jeder der 700 000 Einwohner Alaskas jährlich zwischen 900 und 1300 Dollar von der Ölgesellschaft. Erdöl, Bergbau, Fisch- und Forstwirtschaft sowie der Tourismus sind die einzigen Einnahmequellen in Alaska.

Auf dem legendären 2230 Kilometer langen Alaska-Highway verlassen wir den 49. Bundesstaat Amerikas in Richtung Kanada.

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