Dietikon
Immobilienexperte: «Ein Hochhaus macht noch keine Stadt»

Dass in Dietikon zurzeit das höchste Gebäude des Limmattals entsteht, bedeutet nicht, dass nun rundherum Hochhäuser aus dem Boden schiessen werden, sagt Stefan Meier vom Immobilienberatungsunternehmen Wüest & Partner.

Bettina Hamilton-Irvine
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Blick aus Geroldswil: Wenn der 80 Meter hohe Limmattower im Dietiker Limmatfeld gebaut ist – voraussichtlich in zwei Jahren – verändert sich das Limmattal äusserlich.

Blick aus Geroldswil: Wenn der 80 Meter hohe Limmattower im Dietiker Limmatfeld gebaut ist – voraussichtlich in zwei Jahren – verändert sich das Limmattal äusserlich.

Fotomontage ZVG

Herr Meier, in Dietikon entsteht mit dem 80 Meter hohen Limmattower das höchste Haus des Limmattals. Wird Dietikon damit endgültig zur Stadt?

Stefan Meier: Dietikon ist ja bereits heute eine der grössten Städte im Kanton Zürich. Das Hochhaus ist ein Ausdruck des Selbstbewusstseins dieses Standorts – auch stellvertretend für das Limmattal, das sich zunehmend verstädtert.

Müssen die Leute, die Dietikon immer noch gern als ein Dorf sehen, sich jetzt einfach der Tatsache ergeben, dass Dietikon sich nun sehr urban gibt?

Ja, aber das ist eigentlich immer so, denn Menschen gehen mit Veränderungen unterschiedlich um. Dietikon und auch Schlieren verändern sich rasant momentan; dadurch gibt es automatisch Gewinner und Verlierer. Zwangsläufig muss man sich mit diesen neuen Gegebenheiten abfinden. Zudem urbanisieren sich diese Ortschaften nicht flächendeckend. Nebst städtischen Gebieten wie dem Limmatfeld hat es in Dietikon auch nach wie vor grosse Gebiete, die noch recht urtümlich sind.

Planer wollen mit Hochhäusern Selbstbewusstsein ausdrücken. Aber was bedeutet so ein Turm für ein Tal visuell?

Ein Hochhaus macht noch keine Stadt. Man muss das eher als Signal sehen für die Adresse Limmatfeld, denn als Auftakt für eine neue Skyline in Dietikon.

Sie sagen es: In die Höhe gebaut wird heute nicht wegen der Verdichtung, viele Überbauungen planen heute Türme als Ikonen. Ist das ein sinnvoller Beitrag zur Stadtentwicklung?

Es macht dort Sinn, wo der Boden knapp ist. In Zürich ist zwar dort, wo man Hochhäuser bauen darf, nicht mehr Ausnützung erlaubt. Doch wenn man mehr in die Höhe geht, hat das den Vorteil, dass man am Boden mehr Möglichkeit für Raum hat. So gesehen macht das schon Sinn.

Weil sich so die Qualität des Raums erhöht?

Genau. Man hat sowohl die Aussicht, die sicher ein Plus ist für die Bewohner sowie die Adressbildung, die für alle im Quartier ein Plus ist und den Gewinn, den man durch die Freifläche im Erdgeschoss hat. Das macht aber nur Sinn, wo dicht gebaut wird.

Also für das Limmattal in zunehmendem Mass.

Städtische Entwicklungen durchlaufen immer wieder Phasen. So gab es in Zürich West in den 1980er- und 1990er-Jahren Perioden, in denen viel entstanden ist, dann wurde es wieder ruhiger. Auch im Limmattal wird keine nahtlose, lineare Entwicklung stattfinden.

Wohin wird sie mittelfristig führen?

Die Agglomeration wird urbanisiert. Aber das geschieht nicht von heute auf morgen.

Wird das Dietiker Hochhaus in naher Zukunft diverse andere, noch höhere Hochhäuser auslösen?

Das glaube ich nicht, nein.

Wieso nicht?

In Städten, in denen viele Hochhäuser gebaut werden, ist die Entwicklung auch stark ökonomisch getrieben. In Dietikon gibt es zu wenige ökonomische Gründe, um ein Hochhaus am anderen entstehen zu lassen. Es gibt in Dietikon auch ohne Hochhäuser noch genügend Möglichkeiten zur Verdichtung.

Sind denn Hochhäuser ökonomisch überhaupt sinnvoll?

Ökonomisch können sie dort sinnvoll sein, wo der Raum extrem knapp ist. Die Europaallee ist ein gutes Beispiel für eine sehr dichte Überbauung in einem sehr urbanen, zentralen Kontext, wo auch die Ökonomie danach verlangt. In Dietikon gibt es noch genügend Verdichtungsmöglichkeiten auch in der Horizontalen. Nicht kleinmassstäblich, sondern eher in der Art des Limmatfelds, wo man sehr hohe, dichte Bauformen vorfindet. Ökonomisch gibt es in Dietikon keine zwingenden Gründe für ein Hochhaus.

Die meisten Hochhäuser werden heute in der Schweiz nicht gebaut, weil man sie braucht, sondern weil man sie will. Was macht sie so attraktiv?

Die heutigen Hochhäuser sind in einem anderen Standard gebaut als diejenigen aus den 1970er-Jahren. Damals wurden die Hochhäuser oft nicht in einem urbanen Kontext, sondern auf der grünen Wiese erstellt. Heute sind die Hochhäuser zumindest zentrumsnah und Ausdruck eines aufstrebenden Quartiers.

Welche Zielgruppe wird von so einem Turm angesprochen?

Die Zielgruppe ist ebenfalls ganz anders als früher. Das gilt auch für den Limmattower, der Eigentumswohnungen mit einem viel besseren Standard anbietet als damals. Hochhäuser sind nicht ideal für Familien, aber sie ziehen gerade in zentrumsnahen Gebieten ältere Leute und kinderlose Paare an, die zentrale Lagen suchen. Für diese Zielgruppe ist so ein Hochhaus ideal – vor allem, wenn es im Erdgeschoss Infrastruktur gibt, Einkaufsmöglichkeiten oder Dienstleister.

Sind Hochhäuser nichts für Familien?

Weniger. In den grossen Metropolen leben zwar auch Familien in Hochhäusern, aber in Dietikon gibt es für sie keinen zwingenden Grund dafür. Wer hingegen im dritten Lebensabschnitt ist, vielleicht aus einem Haus in Bergdietikon auszieht und eine Geschosswohnung an zentraler Lage sucht, für den passt diese Wohnform ausgezeichnet.

Ist das nicht eine gar radikale Veränderung für ein älteres Paar, das dann aus dem Einfamilienhaus in Bergdietikon in ein 80-Meter-Hochhaus zieht?

Doch, da braucht es auf jeden Fall eine Bereitschaft zur Veränderung. Natürlich haben wir heute in der Schweiz durch Zuwanderung auch andere Kulturen, die vielleicht etwas offener sind für solche Wohnformen. Die Schweizer bringen tatsächlich nicht alle diese Bereitschaft zur Veränderung mit. Möglicherweise ändert sich diese Einstellung aber bei der jüngeren Generation.

Kann das Limmattal die Menschen anziehen, die für eine solche Veränderung bereit sind?

Mittelfristig auf jeden Fall, da bin ich überzeugt. Das Cattaneo-Areal, das sich auch in einem höheren Preissegment befindet, war in Dietikon in dieser Hinsicht einer der Vorreiter. Das wurde absorbiert im Markt. Es gibt im Limmattal eine Zielgruppe, die bereit ist für urbanes Wohnen und neue Wohnformen annimmt – und die auch in ein etwas höheres Preissegment einsteigen kann.

Im 81 Meter hohen Zürcher Mobimo-Tower standen ein gutes Jahr nach der Eröffnung noch ein Drittel der Wohnungen leer. Ist das kein schlechtes Omen für den Limmattower?

Nein, denn der Mobimo-Tower bewegt sich preislich in einem ganz anderen Segment. Wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, hat der Turm in Dietikon gute Chancen, vom Markt absorbiert zu werden – gerade auch, weil er nicht weit vom Bahnhof ist, was heute als begehrteste Lage gilt. Die Nachfrage im Limmattal ist zurzeit gross, aber es wird sich zeigen müssen, ob sie auch in Zukunft anhält.

Was macht ein gutes Hochhaus aus?

Gute Frage. Sicher spielt die Erschliessung im Haus eine Rolle, die Orientierung und die Qualität der Wohnungen. Für mich ist der wichtigste Aspekt aber der Sockelbereich, die untersten zwei bis drei Geschosse. Dort entscheidet sich, wie sich das Haus gegenüber dem öffentlichen Raum manifestiert. Die Erdgeschossnutzungen müssen unbedingt attraktiv und öffentlich sein. Serviceangebote generieren den Bewohnern im Haus Wert und der Umgebung Attraktivität. Das ist ganz zentral. In den 1970er-Jahren war das anders, da gab es Hochhaussiedlungen, in denen auch im Erdgeschoss gewohnt wurde.

Das Erdgeschoss ist wichtig für die Integration in die Umgebung?

Genau. Es geht um Identität, um Adressbildung, und die findet auf Kopfhöhe der Menschen statt und nicht im 50. Geschoss. Zwar sieht man den oberen Teil, aber die Identifikation mit dem Haus findet in den unteren zwei Geschossen statt. Da muss es stimmen.

Würden Sie selber in einem Hochhaus wohnen wollen?

Ich habe eine Familie mit vier Kindern, ich würde, zumindest in der Schweiz, nicht in einem Hochhaus wohnen wollen. In einer anderen Lebensphase könnte ich mir das aber sehr gut vorstellen.

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