Sozialwohnungen Limmattal
Immobilienboom: Es wird eng für Sozialhilfebezüger

Bedürftige müssen im Limmattal wegen des Immobilienbooms länger nach günstigem Wohnraum suchen. Den Sozialhilfebezügern fällt es sehr immer schwerer, eine finanzierbare Wohnung zu finden.

Nicole Emmenegger
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Limmattaler Zeitung

Hauseigentümer können sich ob der steigenden Immobilienpreise die Hände reiben – doch der Boom der Wohnregion Limmattal hinterlässt auch Verlierer: Für Menschen mit kleinem Budget wird es zunehmend schwierig, bezahlbare Wohnungen zu finden. Viele günstige alte Wohnungen werden total saniert oder müssen neuen Überbauungen weichen. Die dadurch steigenden Wohnungspreise seien für Sozialhilfebezüger seit längerer Zeit «ein akutes Problem», sagt Gabriella Zlauwinen, Leiterin der Dietiker Sozialabteilung. Und auch Robert Welti, Sozialvorsteher von Schlieren, bestätigt: «Es mangelt an günstigem Wohnraum. Den Sozialhilfebezügern fällt es sehr schwer, eine finanzierbare Wohnung zu finden.»

«Diese Menschen fordern nicht viel»

Was diese Tatsache für die Betroffenen bedeutet, weiss Diakon Urs Trüb aus erster Hand: Für die reformierte Kirchgemeinde Schlieren verteilt er Essensgutscheine an Bedürftige – und steht somit im Kontakt mit einer Szene von rund 30 Limmattaler Sozialhilfebezügern, die sich hin und wieder im Schlieremer Stadtpark treffen. Einige von ihnen – aber nicht alle – sind laut Trüb alkohol- oder drogensüchtig, was die Wohnungssuche zusätzlich erschwert.

Im Juni befragte er die Gruppe im Auftrag von Gemeinderätin Gaby Niederer (QV) zu ihren Wohnbedürfnissen. «Diese Menschen fordern wirklich nicht viel: eine günstige Einzimmerwohnung im Limmattal mit Dusche und einer bescheidenen Kochgelegenheit», sagt der Diakon. Diese Wünsche könnten sich die Bedürftigen allerdings nur mit viel Mühe und Glück erfüllen. Werde jemand aus der Gruppe fündig, verursache dies «eine riesige Begeisterung».

Zu den Glücklichen zählt eine Frau, die anonym bleiben möchte. Zweieinhalb Jahre lang lebte sie in einer begleiteten Wohngruppe für von Obdachlosigkeit bedrohte Sozialhilfeempfänger in der Stadt Dietikon. Sie hatte aber Mühe mit einem Mitbewohner und wünschte sich mehr Privatsphäre. Obwohl die Suche nach einer Wohnung aufgrund ihres sozialen Hintergrunds «immens aufwändig» gewesen sei, sei sie kürzlich in Schlieren fündig geworden. «Jetzt geht es mir auch gesundheitlich viel besser. Der Vermieter hat mir die Chance
für ein neues Leben gegeben», erzählt die Frau.

Wer diese Chance nicht erhält, muss sich laut Diakon Trüb mit unbefriedigenden Wohnsituationen arrangieren: «Es ist diesen Menschen wichtig, dass sie eigenständig wohnen können. Sie schlafen zwar nicht auf der Strasse, müssen sich die Wohnungen aber mit anderen Bedürftigen teilen oder sind in einer begleiteten Wohngruppe des Sozialdiensts Limmattal untergebracht», sagt er.

In anderen Fällen haben die Behörden den Betroffenen als Notlösung ein Zimmer in der Dépendance «Römerschlössli» des Schlieremer Hotels Tivoli vermittelt, wo Einzelzimmer für rund 1500 Franken pro Monat an Sozialhilfebezüger vermietet werden. Letztere würden sich aber über die dortigen Zustände beklagen, so der Diakon: «Sie stören sich unter anderem daran, dass es für die meisten Zimmer nur Etagenduschen und -WCs und somit kaum Privatsphäre gibt.» Zudem verfügten die Zimmer über keine Kochgelegenheiten.

Laut Trüb sind einige Bedürftige aus der Schlieremer Stadtparkszene aufgrund des Wohnungsmangels aus dem Limmattal weggezogen. «Sie mussten nach Winterthur, in die Stadt Zürich oder an einen anderen Ort im Kanton ausweichen», erzählt er. Für die Betroffenen sei der Wegzug schwierig: «Sie fühlen sich entwurzelt, weil sie sich als echte Limmattaler betrachten.» Der grösste Wunsch der Leute aus dem Stadtpark wäre laut Trüb ein Haus im Limmattal mit rund 25 einfachen Sozialwohnungen. «Doch dazu fehlt den Betroffenen wohl die politische Lobby», so der Diakon.

Keine städtischen Sozialwohnungen

Tatsächlich zeigt die Stadt Schlieren keine Bereitschaft, demnächst günstigen Wohnraum für Sozialhilfebezüger zu erstellen. «Es entspricht nicht den Regierungsrichtlinien der Stadt Schlieren, subventionierte Sozialwohnungen zu bauen», sagt der dortige Sozialvorstand Welti. Befürchtet der Stadtrat etwa einen Zustrom von Sozialhilfebezügern als Folge einer solchen Massnahme? Zu dieser Frage nimmt Welti keine Stellung, ergänzt aber, dass die Stadt ausschliesslich Wohnraum für Menschen in Notlagen – wie etwa Obdachlose – organisiere und subventioniere. Ähnlich tönt es in Dietikon: «Das Verhältnis zwischen günstigem und teurem Wohnraum ist in der Stadt Dietikon nach wie vor weitgehend intakt. Wie lange dies jedoch noch der Fall ist, ist ungewiss», sagt Sozialabteilungsleiterin Zlauwinen.

Einheimische verdrängt

Dass die Problematik nicht durch zusätzlichen günstigen Wohnraum entschärft wird, hat Konsequenzen: Wie das Beispiel aus der Schlieremer Parkszene zeigt, suchen die Betroffenen länger nach günstigen Wohnungen. Einige ziehen gar aus dem Limmattal weg oder müssen sich mit einer für sie unbefriedigenden Wohnsituation abfinden. «Manche Vermieter nutzen den Engpass aus und bieten Sozialhilfebezügern Zimmer oder Wohnungen zu normalen Preisen an, die jedoch einen minderwertigen Standard haben», sagt Zlauwinen von der Dietiker Sozialabteilung. Die Stadt befinde sich in einer «Zwickmühle» und habe keine Mittel gegen solche Anbieter in der Hand.

Keine Zunahme bei Notlösungen

Druck wird auf die Sozialhilfebezüger auch vonseiten der Gemeinden ausgeübt: Diese geben vor, wie teuer eine durch die Sozialhilfe finanzierte Unterkunft sein darf. Wohnt jemand in einer teureren Wohnung, wird er laut Sozialvorstand Welti «in der Regel verpflichtet, eine günstigere Wohnung zu suchen» und muss seine Bemühungen nachweisen können.

Verweigert jemand die Suche, kann ihm die Sozialabteilung gemäss den Empfehlungen der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe die Mietbeiträge kürzen, es drohen die Kündigung und eine Notunterbringung. Auf Anordnung der Sozialabteilung sei derzeit rund ein Drittel der rund 500 Schlieremer Sozialhilfebezüger auf der Suche nach einer neuen, günstigeren Wohnung, so Welti.

In Schlieren und in Dietikon bezahlt die Sozialhilfe für eine Person maximal 1100 Franken Monatsmiete inklusive Nebenkosten, für drei Personen sind es in beiden Städten maximal 1500 Franken inklusive Nebenkosten. «Es ist viel schwieriger geworden, die Vorgaben der Normmieten einzuhalten», sagt die Dietiker Sozialabteilungsleiterin Zlauwinen. Landen die Betroffenen deshalb vermehrt auf der Strasse? «Nein, sie finden in der Regel nach einiger Zeit eine Unterkunft. Es gibt in Dietikon keine akute Zunahme bei den Notlösungen», so Zlauwinen.

Die längere Suche nach einer Wohnung, die den vorgegebenen Normmieten entspricht, wirkt sich widersprüchlich auf die Sozialausgaben aus: Einerseits stabilisierte sich in den letzten fünf Jahren die Zahl der von Sozialhilfebezügern genutzten Wohnungen, wie die Daten aus Dietikon zeigen – dies nach einer ausgeprägten Zunahme zwischen 2005 und 2007. Andererseits muss beispielweise die Stadt Schlieren derzeit 110Wohnungen finanzieren, die teurer als die Normmieten sind. «Wenn sich die Situation verschärft und viele Betroffene die Vorgaben nicht erfüllen können, müsste die Sozialabteilung eine weitere Erhöhung der Limite prüfen», sagt der Schlieremer Sozialvorstand. Bereits 2010 sei in Schlieren die maximale Monatsmiete inklusive Nebenkosten für einen Einpersonenhaushalt von 1000 auf 1100 Franken erhöht und somit an das Niveau von Dietikon angepasst worden. Dort haben sich die Normmieten laut Zlauwinen in den letzten Jahren nicht verändert.

Die Sozialhilfebezüger – da sind sich die Gemeinde-Verantwortlichen einig – sollen auch in Zeiten des Immobilienbooms zu Sparsamkeit verpflichtet werden, nicht aber in die Obdachlosigkeit getrieben werden.