Vom Türlersee her kommend, fliesst sie durch das Säuliamt, vorbei am Waffenplatz Reppischtal, und passiert auf den letzten Kilometern vor ihrer Einmündung in die Limmat die Bezirkshauptstadt. Deren Einwohner haben seit je ein gespaltenes Verhältnis zum Fluss vor ihrer Haustür. Denn die Reppisch war Zeit ihres Fliessens nicht nur Lebensgrundlage und Inspirationsquelle für die Dietiker, sondern auch eine Naturgewalt, die das Leben am Fluss wiederholt zum Albtraum machte.

Lange diente die Reppisch nicht nur als Wasserlieferant, sondern auch als Kraftspender für das Gewerbe, das sich im Dorfkern rund um den Flusslauf ansiedelte. Mühlen, Schmieden, Sägereien, Schenken und nicht zuletzt die Rotfarb-Färberei profitierten vom Energiepotenzial der Reppisch. Doch dafür mussten die Anwohner in regelmässigen Abständen einen hohen Preis bezahlen – vor wie auch nach den zahlreichen Korrekturen, welche das ungestüme Gewässer einzudämmen versuchten.

Mit dem Schifflein um die Krone

Die Zerstörungskraft der Reppisch gründete im Gegensatz zur ebenfalls regelmässig über die Ufer tretenden Limmat auf ihrer engen Verflechtung ins Siedlungsgebiet. Besonders das 19. Jahrhundert erlebte viele heftige Überschwemmungen, die auf das Konto der Reppisch gingen. «Der Fluss war wild und bei Hochwasser gefürchtet», schrieb der Lokalhistoriker Karl Heid im Dietiker Neujahrsblatt von 1962. Er berichtet von desaströsen Unwettern, etwa im Jahr 1828, als die Reppisch die Brücke im Oberdorf zerstörte, oder vom verheerenden Hochwasser im August 1852: Dermassen trat der Fluss da über seine Schranken, dass der Eisenbahnverkehr unterbrochen und «nur durch beidseitiges Umsteigen der Reisenden aufrechterhalten werden» konnte. Die Hauptstrasse bei der «Krone» wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Taverne selbst war umflutet, «man konnte mit Schifflein rings um sie rudern», so Heid.

In die Geschichtsbücher ging auch das Jahr 1878 ein. Die Folgen der Unwetter vom 3. und 4. Juni fasste die Zeitung «Die Limmat» folgendermassen zusammen: «Wer jetzt die Gemeinden bereist, die an der Reppisch zu liegen das Unglück haben, kommt in eine trostlos aussehende Gegend. Herzzerreissender Jammer und unsägliche Verzweiflung trifft man bei den Menschen, die an diese Unglücksstätten gefesselt sind.» Damals wurde gar das Gefängnishäuschen an der Oberen Reppischstrasse von den Fluten mitgerissen; zum Glück aller Beteiligten stand es gerade leer.

«Rasche Hülfe Seitens des Staates»

Nach dieser Katastrophe konnten auch die kantonalen Behörden ihre Augen vor den Gefahren der Dietiker Gewässer nicht länger verschliessen. 1880 begannen die Arbeiten zur Korrektur der Limmat, 1885 die der Reppisch. Das geschah nicht ganz ohne Druck aus der Bevölkerung. In einem Kommentar in der «Limmat» war nach den Unwettern etwa zu lesen: «Sollte nicht rasche Hülfe getroffen werden Seitens der Gemeinde und des Staates, so sind sechs Familien gezwungen, Haus und Hof zu verlassen und anderswo ein Unterkommen zu suchen, – Leute, die ohne solche Heimsuchung ihre ordentliche Existenz gehabt hätten. Jammer und Elend spottet jeder Einbildung.»

Wer für die Schäden aufzukommen hatte, war damals alles andere als klar. Laut der Chronik «Dietikon – Von den Anfängen bis zur Gegenwart» zahlte der Kanton gerade mal 90 000 Franken an die Schadenshöhe von 214 000 Franken. Und zum Wiederaufbau wurde die ganze Dorfgemeinschaft verknurrt. Wer fehlte, zahlte 3 Franken pro Tag – viel Geld in jener Zeit.

Die Massnahmen, die danach zum Hochwasserschutz getroffen wurden – bei der Reppisch beschränkten sich diese vorerst auf eine Vertiefung des Flussbetts und eine Umlegung ihrer Einmündung in die Limmat – vermochten den unberechenbaren Fluss jedoch auch nicht zu bändigen. 1910 folgte die nächste Katastrophe, und trotz regelmässiger Korrekturen im Lauf des 20. Jahrhunderts kam es immer wieder zu Überschwemmungen. In Erinnerung bleibt das «Jahrhunderthochwasser», das den Reppischpegel an Pfingsten 1999 gefährlich hoch ansteigen liess und erheblichen Schaden hinterliess. Zuletzt trat der Fluss 2007 über die Ufer. Nachdem er den Reppischhof geflutet hatte, wurde auch dort der Hochwasserschutz verstärkt.

«Wir gehen dann mal an die Küste»

Doch die nächsten Unwetter kommen so sicher wie das Amen in der Kirche. Um darauf vorbereitet zu sein, planen Stadt und Kanton nun abermals neue Arbeiten, um den ungestümen Fluss zu bändigen (siehe Kontext). Ebenso soll er aber auch wieder zugänglicher für die Bevölkerung werden, geht es nach den Plänen der Stadt. Denn bei all der Verwüstung vergisst man leicht, dass die Reppisch für die Einwohner auch stets Erholungsgebiet war. Legendär etwa ist Künstler Bruno Webers Liebe zum Fluss, der an seinem Elternhaus vorbeiplätscherte – was sich auch in seinen Bildern widerspiegelt. Oder der liebevolle, wenn auch etwas hochgegriffene Name, den die Dietiker den zugänglichen Uferabschnitten im Oberdorf gaben: «Wir gehen dann mal an die Küste.»