Dietikon
Im verflixten 37. Jahr ist es aus mit der traditionellen Sichlete

Die Sichlete in Dietikon findet heuer zum letzten Mal statt. Die Trachtengruppe mag nicht mehr. Das Problem ist ein altbekanntes.

Sophie Rüesch
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Ohne die freiwilligen Einsätze in der Küche wäre an der Sichlete nichts gegangen.
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Die Musik gehört dazu.
Der Entscheid ist ihnen nicht leicht gefallen -- Astrid Dätwyler, Präsidentin der Trachtengruppe, und Mike Grendelmeier, Sichlete-OK-Präsident
Die Trychlergruppe Dietikon macht seit den 1990er-Jahren mit.
An Helfern herrschte bei der Sichlete noch nie Mangel.
Die Trychlergruppe Dietikon ist seit ihren Anfängen an der Sichlete vertreten
Das Essen blieb über all die Jahre unverändert: Speck, Wurst, Bohnen, Kartoffeln, Sauerkraut.
Impressionen aus dem Jahr 2013.
Auch Stadtpräsident Otto Müller (Mitte) besuchte die Sichlete 2013.
Mitglieder der Trachtengruppe im Jahr 2012.
Impressionen aus dem Jahr 2012.
Bis auf den letzten Platz besetzt -- die Sichlete 2012.
Astrid Dätwyler, Hildegard Baer, Mike Grendelmeier im Jahr 2012.
Über Gästemangel konnte sich die Trachtengruppe bis am Schluss nicht beklagen - hier im Jahr 2012.
Impressionen aus dem Jahr 2010.
Impressionen aus dem Jahr 2010.
Die Gründerin der Sichlete, Hildegard Baer, im Jahr 2009
Musik, Zusammensitzen, Plaudern -- so kennt man die Sichlete
Kiloweise Bohnen wollen im Vorfeld jeweils gerüstet werden
In den früheren Jahren - hier ein Bild von 1982 - schleppte die Trachtengruppe noch das Schulhausmobiliar unter die Arkaden
Impressionen aus dem Jahr 2006
Den Blumenschmuck hat die Trachtengruppe immer selbst hergestellt
Beim Aufstellen des Holzanbaus im Jahr 1991
Zusammensitzen und in alten Zeiten schwelgen - das ist die Sichlete
1991 kam der Holzbau dazu
Die Mutter der Sichlete an deren dritten Durchführung im Jahr 1980 -- Hildegarde Baer, geborene Planzer
Die Sichlete im Jahr 1980
Im verflixten 37. Jahr ist es aus mit der traditionellen Sichlete
Die Sichlete in ihren Anfangszeiten

Ohne die freiwilligen Einsätze in der Küche wäre an der Sichlete nichts gegangen.

Limmattaler Zeitung

Den Segen, die Sichlete nach 37 Jahren Geschichte sein zu lassen, hat Astrid Dätwyler von höchster Stelle bekommen: auf dem Friedhof, an den Gräbern ihrer beiden Mütter — der echten, Heidi Müller, und ihrer «Trachtenmutter», Hildegard Baer, die das Dietiker Traditionsfest 1978 aus der Taufe gehoben hatte. «Was meint ihr?», hat die Präsidentin des Trachtenvereins ins Nichts gefragt, und aus dem Nichts kam zurück: Es ist in Ordnung.

Leicht ist der Entscheid Dätwyler, die die Sichlete feiert, seit es sie gibt, nicht gefallen. Auch nicht Mike Grendelmeier, der als kleines Kind schon beim Abwasch geholfen hat und seit 2008 das Organisationskomitee präsidiert. «Doch wir mussten einsehen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, einen Schlussstrich zu ziehen», sagt er. Der Grund dafür ist einfacher erklärt, als der Entscheid gefällt war: Die Trachtengruppe Dietikon, die das Fest seit fast 40 Jahren auf die Beine stellt, ist alt geworden. «Es wurde immer schwieriger, Leute zu finden, die sich noch aktiv an der Organisation beteiligen können», so Grendelmeier.

Die Kräfte lassen nach

Am Willen der Trachtenleute lag es nicht; das beweist auch die Leichtigkeit, mit der jedes Jahr zahlreiche Helfer rekrutiert werden können. «Alle, die noch können, helfen irgendwie mit», sagt Dätwyler, fast gerührt. Doch die Kräfte der mittlerweile selbst 85-jährigen Trachtengruppe schwinden. Dasselbe gilt fürs Publikum: «Die Gäste sind mit uns älter geworden», sagt die 52-Jährige. Die Zeiten, in denen man frühmorgens noch die letzten Besucher rausscheuchen musste, sind längst vorbei.

Mit dem absehbaren Ende in Sicht hat die Gruppe lange hin- und herüberlegt, wie die Sichlete dennoch weitergeführt werden könnte; vergeblich. So fiel der Entscheid, ihr ein Ende zu setzten, solange die Zeiten noch gut sind – «so», erklärt Grendelmeier, «dass die Sichlete immer in guter Erinnerung bleibt».

Ohne die Sichlete – in ihrem Ursprung ein Erntedankfest – wird in Dietikon etwas fehlen, das wissen Grendelmeier und Dätwyler. Vor allem für die Alteingesessenen und die Heimwehdietiker war sie ein Fixpunkt in der Agenda: «An der Sichlete trifft man sich, schwelgt in alten Zeiten, erzählt sich ‹Weisch no?›-Geschichten», sagt Dätwyler. Vor allem sei es auch einfach «ein wahnsinnig gemütlicher Anlass», so Grendelmeier. An Besuchern hat es ihr nie gemangelt; trotz grösser werdender Veranstaltungskonkurrenz und verändertem Ausgehverhalten konnte der Trachtenverein auf seine Stammkund- und -helferschaft zählen. Der Besucherzenit war nach den 1990er-Jahren zwar erreicht. Doch auch in den letzten Jahren schauten über die zwei Tage verteilt immer gut 1000 Leute vorbei.

Wie wichtig die Sichlete für Dietikon ist, zeigte sich 2007. Damals, als der Anlass das einzige Mal in seiner Geschichte nicht stattfand, sei die Enttäuschung bei den Stammgästen riesig gewesen, erinnert sich Dätwyler. Damals bewilligte die Stadt dem Betreiber der Chilbi, die traditionsgemäss zur selben Zeit stattfindet, seine Zelte auf dem Zentralschulhausplatz aufzuschlagen. Also direkt neben den Arkaden, unter denen jeweils die Sichlete stattfindet.

Dem Trachtenverein wurde als Alternative zwar die Turnhalle angeboten. Doch mit dem Krach der Chilbi und einer für sie inakzeptablen Kochinfrastruktur konnte die sich nicht vorstellen, das Fest unter solchen Umständen durchzuführen. «Die Stadt hat dann schnell realisiert, dass die Sichlete auf ihren Stammplatz gehört», sagt Dätwyler. Ab 2008 hiess es für die Chilbi also zurück auf den Zelgliplatz; die Sichlete kehrte zurück unter die Arkaden.

Sichlete muss Sichlete bleiben

Überhaupt: Grosse Veränderungen waren bei der Sichlete noch nie hoch im Kurs: Seit den Anfängen werden Speck, Bohnen, Sauerkraut, Wurst und Kartoffeln aufgetischt; nur beim Dessert stieg man nach Jahren der Meringues mit Schlagrahm auf Öpfelchüechli mit Vanillesauce um. Der Versuch, mit dem Aufstellen einer Bar mehr junge Leute anzuziehen, wurde schnell abgebrochen. Und auch das Ende der Sichlete ist in letzter Konsequenz eine Weigerung, den Anlass so zu verändern, dass er ein breiteres Publikum und damit auch eine breitere Helferschaft anziehen würde: «Würden wir die Sichlete weiterführen wollen, müssten Neuerungen her», sagt Dätwyler. «Und wenn wir das täten, wäre die Sichlete nicht mehr die Sichlete», sagt ihr Kollege.

Klagen wollen aber beide nicht. Sie schauen auf «sehr sehr schöne Zeiten» zurück, wie Grendelmeier immer wieder betont. «Das ist der Lauf der Zeit: Altes geht und Neues kommt», sagt der 42-Jährige. Doch zuerst wird das Alte noch gebührend abgefeiert, an der 36. und letzten Sichlete Mitte Oktober. Nicht mit einem grossen Knall, wie man das vom Finale vielleicht erwarten würde. Sondern so, wie die Leute das Fest kennen, sagt Grendelmeier: «Wir wollen das Rad nicht neu erfinden – ganz bewusst.»

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