Schlieren

«Im Städtebau ist Architektur gar nicht so wichtig»

Laut Meyer ein gutes Beispiel für Gestaltung des öffentlichen Raums: Innenhof an der Rütistrasse.

Laut Meyer ein gutes Beispiel für Gestaltung des öffentlichen Raums: Innenhof an der Rütistrasse.

Auf einem Spaziergang zeigt die Stadtentwicklerin Barbara Meyer, was eine schöne Stadt ausmacht und welche Projekte als Nächstes anstehen.

Mit dem Fahrrad trifft Barbara Meyer auf dem Gasi-Areal ein. Es handle sich um eines der Velos, welche die Stadt ihren Mitarbeitern zur Verfügung stellt, sagt sie. Später wird sie mit Nachdruck auf die künftige Bedeutung dieses Verkehrsmittels für Schlieren verweisen.

Die Stadtentwicklerin begibt sich mit der Limmattaler Zeitung auf einen kleinen Rundgang, durch die Stadt, die ihr, wie sie sagt, am Herzen liegt. Den Ausgangspunkt hat sie selbst gewählt.

Frau Meyer, ist das alte Gaswerk-Areal Ihr Lieblingsort in Schlieren?
Sicherlich einer meiner Lieblingsorte. Es handelt sich um eine Perle, die unglaublich viel Potenzial hat. Im kommenden Jahr starten wir gemeinsam mit der Stadt Zürich, der Besitzerin des Areals, die Testplanung für die Entwicklung des Gebiets.


Sie haben bereits viel Erfahrung mit Industriearealen gesammelt. Unter anderem bei der Umnutzung der Giessereihalle in Zürich-West.
Genau. Es gibt Parallelen zwischen diesen beiden Gebieten. Das Gasi-Areal hat viel Charme und eine eigene Identität, die viele leider nicht als Teil von Schlieren wahrnehmen. Bindet man das Gasi besser ans Zentrum an, ist dies eine enorme Chance für die Stadt.


Zürich-West ist nicht unumstritten: Kritiker sagen es gebe zu wenige erschwingliche Wohnungen und das Quartier sei leblos. Welche Lehren ziehen Sie daraus für das Gasi-Areal?
Aus der Umnutzung der Flächen der ABB in Neu-Oerlikon hat man sehr viel über die Transformation von Industrie-Arealen geernt. Zum Beispiel dass intakte Altbauten als Identitätsstifter erhalten bleiben sollen. Einen Kahlschlag sollte es nicht mehr geben. Sogar Investoren äussern heute Bedauern darüber, dass dort nicht mehr Altbauten stehen gelassen wurden, da dies auch wirtschaftliche Vorteile mit sich gebracht hätte.

Laut Meyer ein gutes Beispiel für Gestaltung des öffentlichen Raums: Innenhof an der Rütistrasse. Sandra Ardizzone

Laut Meyer ein gutes Beispiel für Gestaltung des öffentlichen Raums: Innenhof an der Rütistrasse. Sandra Ardizzone


Welche?
Die alten Gebäude steigern durch ihren Identifikationswert auch die Standortattraktivität, was höhere Bodenpreise nach sich zieht.


Besteht mit der Aufwertung in den einen Teilen Schlierens nicht die Gefahr, dass in übrigen Teilen der Stadt die Mieten steigen und weniger gut situierte Einwohner vertrieben werden, wie es in hippen Zürcher Stadtkreisen geschieht?

Bislang wurden hier in Schlieren vornehmlich Areale bebaut, die davor Industriebrachen waren. Verdrängt wurde also niemand. Nun, da diese Gebiete grösstenteils entwickelt sind und einige Quartiere verdichtet werden sollen, besteht die Gefahr der Verdrängung. Aufwertung ist aber immer auch ein Stück weit Verdrängung. Doch hat Schlieren heute noch immer viele raue Ecken und Quartiere, die ganz und gar nicht herausgeputzt daherkommen. Dass nicht überall aufgewertet und verdichtet werden muss, ist im zweiten Stadtentwicklungskonzept ersichtlich. Letztlich ist dies auch ein Entscheid der Grundeigentümer. Wir können aber eine städtebauliche Qualität verlangen.

Worin besteht diese Qualität? Bei ihrem Stellenantritt sagte Ihr ehemaliger Vorgesetzter, dass Sie für die Sicherstellung dieser Qualität geeignet sind, da Sie nicht nur Architektin, sondern auch Bühnenbildnerin sind.
Viele – vornehmlich Architekten – glauben, dass es auf die Architektur ankommt. Dabei ist diese im Städtebau gar nicht so wichtig. Neben den Proportionen ist der Raum zwischen den Baukörpern und das, was im Erdgeschoss passiert, zentral. Hier kommt meine Ausbildung zur Bühnenbildnerin ins Spiel.

Weg von der gut befahrenen Bernstrasse geht es die Rütistrasse hinunter. Wohl eine der rauen Ecken, die Meyer angesprochen hat. Dann der Bruch an der Einmündung zur Engstringerstrasse. Ein modern möblierter Innenhof, der auf zwei Seiten von Wohnbauten und auf der dritten vom Sony-Gebäude umfasst wird, erscheint auf der linken Seite.


Worin liegt bei diesem Innenhof die Qualität der Leere dazwischen?
Die Menschen müssen den Raum bespielen können. Mit den Sitzbänken, den Ateliernutzungen im Erdgeschoss und dem Restaurant an der Ecke gelang dies hier sehr gut. Wichtig ist, dass die Erdgeschossnutzungen gegen aussen leben können. Oder anders gesagt: Städtebauliche Qualität ermöglicht Begegnungen unter den Einwohnern.


Ist dies nicht auch eine der Knacknüsse? Viele Erdgeschossflächen in Neubaugebieten stehen leer.
Das ist richtig. Politgeograf Michael Hermann drückt es vorzüglich aus. Er sagt, dass Menschen vermehrt zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs sein sollten. So entstehe Begegnung und damit auch ein schönes Quartier. Schlieren hat hier grossen Nachholbedarf. So ist die Schaffung von attraktiven Querverbindungen zwischen dem Schlieremer Berg und dem Limmatbogen über die SBB-Gleise ein zentraler Punkt im neuen Stadtentwicklungskonzept.


Inzwischen sind Sie seit zehn Jahren bei der Stadt angestellt, ursprünglich war Ihre Stelle auf fünf Jahre befristet. Sie bleiben nun auf unbestimmte Zeit?
Die Stadtentwicklung ist ein langfristiger Prozess, der mit viel Beständigkeit angegangen werden muss. Ob ich in zehn Jahren noch immer Projektleiterin Stadtentwicklung sein werde, weiss ich nicht. Fest steht, dass mir Schlieren sehr am Herzen liegt und zugleich noch viel Fleisch am Knochen hat. Mir fällt keine Gemeinde in der Umgebung ein, die so spannend ist wie Schlieren. Dies, weil die Stadt noch nicht fertiggebaut ist. Wäre sie es, wäre sie langweilig.

Dass ihr Schlieren am Herzen liegt, zeigt sich auch in Details. So erhielt Meyer zu ihrem zehnjährigen Dienstjubiläum im vergangenen Mai von der Stadt einen Einkaufsgutschein für Geschäfte der Zentrumsvereinigung geschenkt. Mit diesem habe sie Schuhe gekauft, die sie «bewusst» bei der Präsentation des Stadtentwicklungskonzepts II im Stürmeierhuus Ende September trug.

Wir haben auf der Strasse nachgefragt: Finden Sie Schlieren eine schöne Stadt?


Geprägt haben Sie auch die zahlreichen Partizipativverfahren mit der Bevölkerung, etwa bezüglich des Stadtplatzes oder des neuen Stadtentwicklungskonzepts. Wird sich dieser Einbezug der Bevölkerung künftig noch verstärken?
Solche Verfahren sind wichtig und werden wohl noch an Wichtigkeit gewinnen. Bei städtischen Grossprojekten soll die Bevölkerung so früh wie möglich einbezogen werden. Sonst gibt man viel Geld aus und plant ins Blaue auf die Gefahr hin, dass das Volk an der Urne Nein sagt. Wir von der Verwaltung arbeiten für die Einwohner Schlierens und nicht für uns selber. Den Menschen muss ihre Stadt gefallen.


Birgt dies nicht auch die Gefahr der Verhinderung von Entwicklung, da viele Menschen des Wachstums müde scheinen?
Diesen Eindruck habe ich nicht. Ich war erstaunt, wie offen sich die Schlieremer an verschiedenen Beteiligungsverfahren gegenüber Verdichtung zeigten. Dies unter der Bedingung, dass Freiräume – wie etwa der Stadtpark – geschaffen, erhalten und qualitätvoll aufgewertet werden.

In den kommenden Jahren wird das Schlieremer Zentrum einem grossen Wandel unterworfen. Über die stark befahrene Engstringerbrücke erreichen wir den Stadtplatz, auf dessen Umsetzung sich Meyer freue. Dort erhalte die Stadt mit der Limmattalbahn und dem Stadtplatz ein neues Gesicht. Projekte, die für Meyer bereits in der Vergangenheit liegen, wie sie sagt. Aktuell ist sie mit der Aufwertung der Bahnhofstrasse und des Bahnhofplatzes beschäftigt. Ein weisser Toyota biegt mit bedrohlich hoher Geschwindigkeit rechts in ebendiese ein. «Das ist ja gefährlich», sagt sie.


Die Stärkung des Bahnhofgebiets ist ebenfalls im Stadtentwicklungskonzept II enthalten. Was sind dabei die nächsten Schritte?
Künftig soll das Stadtzentrum nicht mehr aus Stadtplatz, Bahnhof und dem Gebiet nördlich des Bahnhofs bestehen, sondern zu einer einzigen, einheitlichen Innenstadt werden, die sich über die Bahngleise bis hin zum Geistlich-Areal erstreckt.


Welche Massnahmen sind hierzu denkbar?
Die Bahnhofstrasse soll zur Begegnungszone werden, mit geringeren Höchstgeschwindigkeiten für Autos und Kurzzeit-Parkplätzen, die dem Gewerbe mehr Kunden ermöglichen. Auch soll ein attraktiver Bahnhofplatz entstehen, der zu einer Visitenkarte für Schlieren wird.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1