Arbeitslosigkeit
Im Sommer auf dem Bau, im Winter auf dem RAV

Im Limmattal sind im Winter überdurchschnittlich viele Bauarbeiter arbeitslos. Manche von ihnen wissen bereits im Herbst, dass sie im Frühling den alten Job zurückbekommen. Nun gerät diese Praxis unter Druck.

Sophie Rüesch
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Solange man kurze Hosen tragen kann, gibt es auf den Baustellen genügend Arbeit. Problematischer wird es, wenn der Winter kommt: Viele Bauarbeiter im Limmattal landen dann auf dem RAV (Symbolbild)

Solange man kurze Hosen tragen kann, gibt es auf den Baustellen genügend Arbeit. Problematischer wird es, wenn der Winter kommt: Viele Bauarbeiter im Limmattal landen dann auf dem RAV (Symbolbild)

KEYSTONE

Der Bezirk Dietikon: Er ist der ewige Spitzenreiter im Kanton, wenn es um die Arbeitslosenquote geht. Im Januar erreichte diese mit 5,4 Prozent erneut einen Rekordwert. Auffallend ist dabei, dass die Quote immer wieder im Winter ansteigt – ein Phänomen, das auch mit dem Begriff «saisonale Effekte» beschrieben wird. Stark ins Gewicht fällt bei diesen der auf Witterungsverhältnisse sensible Bausektor. Er stellt im Limmattal besonders viele Beschäftigte – und im Winter, wenn tiefe Temperaturen gewisse Arbeiten auf dem Bau verunmöglichen, überproportional viele Arbeitslose (siehe Grafik).

Der Leiter des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) Dietikon beobachtet diesen Sachverhalt seit vielen Jahren. «Je nach Wetterlage entlassen Baufirmen jeweils im Oktober oder November einen grösseren Teil ihrer Mitarbeitenden», sagt Peter Greif. Diese melden sich dann beim RAV an und beziehen, sofern keine Vermittlung möglich ist, Arbeitslosengelder.

Überwintern in der ALV

So weit, so gut – dafür ist die Arbeitslosenversicherung (ALV) ja da. Aufmerksamkeit erlangt seit einigen Monaten jedoch die je nach Region mehr oder weniger verbreitete Praxis von Bauunternehmen, ihre Arbeiter in der ALV «überwintern» zu lassen. Das funktioniert so: Weil man im Winter nicht genug Arbeit für alle Angestellten hat, entlässt man einen Teil der Belegschaft im Spätherbst; häufig erfolgt die Entlassung aber mit der meist implizit geäusserten Option auf Rückkehr an den ehemaligen Arbeitsplatz, sobald es dort wieder etwas zu tun gibt. Auch im Limmattal wird davon rege Gebrauch gemacht. Statistisch erhoben wurde das Phänomen auf Bezirks-Ebene zwar noch nicht; Greif bezeichnet die Chance, als Bauarbeiter im Frühling vom ehemaligen Arbeitgeber wieder angestellt zu werden, aber als «gross».

Diese auch «Rückruf» genannte Praxis hat für den Arbeitgeber den Vorteil, dass er nach dem Winter auf Personal zurückgreifen kann, das die betrieblichen Abläufe bereits kennt: Er spart auf diesem Weg Einstellungs- und Schulungskosten, während er «einen Teil des Geschäftsrisikos auf die ALV überträgt» – so formulieren es die Verfasser einer 2014 veröffentlichten Studie, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) in Auftrag gegeben hatte.

Sie stellen fest, dass gesamtschweizerisch 14 Prozent der Arbeitslosen nach einer Periode auf dem RAV vom vormaligen Arbeitgeber wieder eingestellt werden. Die höchste sogenannte Rückrufquote zeigt mit 36 Prozent das Baugewerbe. Betroffen sind zudem auffallend viele Arbeitnehmer aus der EU (24%). Auch von den arbeitslosen Bauarbeitern im Limmattal kommen viele aus dem EU-Raum – «Hilfsarbeiter hauptsächlich aus Süd- und Osteuropa, Fachkräfte vor allem aus Deutschland und Österreich», so Greif.

Vor 2002 wurden diese ins Herkunftsland zurückgeschickt, wenn es für sie in der Schweiz keine Arbeit mehr gab. Seit der Abschaffung des Saisonnierstatuts auch für EU-Bürger kann das Problem der saisonalen Arbeitslosigkeit aber nicht mehr so einfach ins Ausland ausgelagert werden.

«Implizite Subventionierung»

Für die Studienverfasser ist die Rückrufpraxis problematisch: So müssten beschäftigungsstabile Sektoren die Lohnkosten von instabileren Sektoren wie dem Bau oder der Gastronomie «implizit subventionieren». Als unerwünschter Nebeneffekt führe dies auch dazu, dass die Leistungen der ALV die «Existenz instabiler Beschäftigungsverhältnisse» fördern.

Die Rückrufe haben denn auch politische Sprengkraft. So gelangte der Zürcher FDP-Nationalrat Ruedi Noser im vergangenen März mit einer Anfrage an den Bundesrat: Er wollte wissen, wie den «missbräuchlichen Praktiken» der «vorsätzlichen und systematischen Rückrufe» ein Riegel geschoben werden könne. Die Antwort des Bundesrats: Man sei sich der Problematik bewusst; gegen nachweislich systematisches Parkieren von Angestellten in der ALV gebe es aber heute schon Mittel.

Das Bundesgericht bestätige regelmässig, dass «Personen, die wiederholt lediglich während weniger Monate in der Zwischensaison» auf dem RAV landen, nicht als «vermittlungsfähig» gelten und somit auch keinen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung haben. Zudem betont der Bundesrat, dass nicht jede Wiedereinstellung als missbräuchlich eingestuft werden dürfe. Die ALV nehme als Sozialversicherung nämlich auch eine «regionale Ausgleichsfunktion» wahr.

Denn nicht nur zwischen den Branchen, auch zwischen den Regionen gibt es krasse Unterschiede. Besonders hohe Rückrufquoten weisen die Kantone Graubünden, Wallis und Tessin auf, wo nicht nur der Bau-, sondern auch der Landwirtschafts- und der Gastronomiesektor stark sind – also ausgerechnet die Wirtschaftszweige, die am stärksten auf saisonale Schwankungen anfällig sind. Im Kanton Zürich ist die Rückrufquote hingegen tief. RAV-Leiter Greif weist aber darauf hin, dass trotz proportional tiefer Quote die absoluten wirtschaftlichen Auswirkungen in Zürich, dem bevölkerungsstärksten Schweizer Kanton, stark ins Gewicht fallen dürften.

Der Bund will handeln

Das Seco will dem systematischen Gebrauch von Rückrufen dennoch Einhalt gebieten. Es hat auf diesen Frühling Gespräche mit den Kantonen angekündigt, mit dem Ziel, «eine gesamtschweizerisch rechtsgleiche Behandlung von Personen, die sich in dieser Situation befinden», zu erreichen, wie es auf Anfrage heisst. Zu prüfen sei im Fall von wiederholten Rückrufen insbesondere, ob «diese Arbeitsweise der Lebensplanung dieser Personen entspricht» oder ob sie ihnen aufgezwungen wird. Im ersten Fall erachtet das Seco die Anspruchsberechtigung nicht als gegeben. Im zweiten sei «darauf hinzuwirken, dass sie sich um Dauerstellen bemühen». Ob im Kanton Zürich das Limmattal näher unter die Lupe genommen werden soll, beantwortet das Seco nicht direkt. Es lässt aber verlauten: «Im Vordergrund stehen die Regionen mit einer erhöhten Rückrufquote.»

Der Dietiker Bauunternehmer und CVP-Kantonsrat Josef Wiederkehr kennt das Problem der instabilen Auftragslage im Bausektor aus eigener Erfahrung. Seine Josef Wiederkehr AG, tätig in Hoch- und Tiefbau, stelle aber auch in schwierigen Zeiten keine Angestellten temporär auf die Strasse, versichert er. Denn dass die verschiedenen Jahreszeiten verschiedene Arbeitsweisen diktieren, sei mit der richtigen Planung handhabbar. «Wenn die Temperaturen so tief fallen, dass gewisse Arbeiten nicht mehr möglich sind, muss man eben einen Plan B bereithalten – etwa eine Liste von Arbeiten, die auch im Werkhof oder drinnen erledigt werden können, wenn es draussen zu kalt ist», sagt er.

Das grösste Problem hiesiger Bauunternehmen seien denn auch nicht die Temperaturschwankungen, sondern die generelle Ungewissheit, ob genügend Aufträge reinkommen, betont er. «Der Preiskampf ist brutal, auch im Limmattal.» Das Wetter hingegen stelle für die Josef Wiederkehr AG seltener ein echtes Problem dar. Betonieren etwa könne man mit geeigneten Massnahmen auch noch bei Temperaturen von bis zu minus 5 Grad. «Schwieriger wird es bei Maurerarbeiten: Dort können schon Temperaturen um den Nullpunkt heikel sein.» In der Regel plane man Bauvorhaben aber ohnehin so, dass witterungsempfindliche Arbeiten in den wärmeren Jahreszeiten stattfinden. Wenn zu Wintereinbruch der Rohbau schon steht, könne man sich nämlich problemlos dem Innenausbau widmen.

Entlassungen sind verhinderbar

Doch selbst wenn die Situation einmal ganz im Argen liegt — wenn etwa eine ohnehin bereits dürftige Auftragslage und ein harter Winter zeitlich zusammenfallen – finde man meist Wege, um Entlassungen zu verhindern. So könne man Angestellte dazu bewegen, ihre Ferien in der auftragsarmen Zeit zu beziehen. Oder man nutze die Zeit, um die Mitarbeiter Weiterbildungen absolvieren zu lassen. «Ich fühle mich als Arbeitgeber auf jeden Fall verpflichtet, meinen Angestellten das ganze Jahr über eine Arbeit bieten zu können.»

Von einem systematischen Gebrauch von Rückrufen hält Wiederkehr nicht viel. «Die Angestellten jeden Winter zum RAV zu schicken, kann natürlich nicht die Lösung sein.» Dennoch warnt er davor, Bergkantone wie das Wallis oder Graubünden aus einer vergleichsweise komfortablen Situation heraus abzuurteilen. «Die Winter in den Bergen sind länger und strenger. Da ist es mir etwas zu einfach, vom Mittelland her den Mahnfinger zu erheben.»

Anfragen bei verschiedenen Unternehmen, deren Namen im Limmattal die grossen Baustellen in den Entwicklungsgebieten zieren, blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Stellung bezieht dafür der Schweizerische Baumeisterverband: Die Baubranche sei – vor allem in den Berggebieten – nun einmal einfach anfällig auf saisonale Schwankungen, daran könne man nichts ändern. «In diesem Sinn ist es auch legitim, dass Baufirmen im Frühling auf Personal zurückgreifen, das sie bereits kennen», sagt Silvan Müggler, Leiter Wirtschaftspolitik.

Er weist zudem darauf hin, dass in der Seco-Studie auch stehe, dass die Baubranche unter dem Strich die Arbeitslosenkasse nicht über Gebühr beanspruche – dank tiefer Arbeitslosigkeit im Sommer. Tatsächlich beziehen Arbeitslose aus dem Bausektor «nur» 1.10 Franken für jeden Franken, der vom selben Sektor in die ALV fliesst. Zum Vergleich: In der Gastronomie sind es 2.70 Franken.

Werde das systematische Entlassen und Rückrufen Teil des Geschäftsmodells, verurteile der Baumeisterverband dies natürlich. Ihm sei aber auch nicht bekannt, dass dies in der Schweiz grossflächig stattfinde.

«Ein strukturelles Problem»

Auch Lorenz Keller von der Unia Zürich-Schaffhausen glaubt nicht, dass Rückrufe – ausserhalb der Berggebiete – schwer ins Gewicht fallen. Er sieht hinter der Taktik aber ein tiefer liegendes strukturelles Problem: Da Baufirmen ihre Festbelegschaft zusehends abbauen und immer mehr Arbeitskräfte durch Temporärfirmen beziehen, würden sie bei Auftragsengpässen, ob saisonal oder anderweitig bedingt, die Verantwortlichkeit für dieses Personal weitergeben. «Man muss die Unternehmen stärker in die Pflicht nehmen», sagt er. «Es kann nicht sein, dass diese die Profite einheimsen, während die Geschäftsrisiken – letztlich auf dem Buckel der Arbeitnehmer – ausgelagert werden.»