Limmattal
Im Sog des Islamischen Staats: Die Muslime fühlen sich zu Unrecht verdächtigt

Die Debatte über die IS-Kämpfer beschäftigt auch die Gläubigen in den Moscheen der Region. Sie sind es leid, mit Radikalen Salafisten und dergleichen in einen Topf geworden zu werden. Trotzdem: Man will sich nicht die ganze Zeit rechtfertigen müssen.

Jürg Krebs
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Limmattaler Muslime während des Gebets: «Wir distanzieren uns von allen Gewaltformen, die vom IS kommen», sagt VIOZ-Präsident Mahmoud El Guindi.

Limmattaler Muslime während des Gebets: «Wir distanzieren uns von allen Gewaltformen, die vom IS kommen», sagt VIOZ-Präsident Mahmoud El Guindi.

Sophie Rüesch

Die herzliche Begrüssung am Telefon weicht sofort einem gewissen Misstrauen, oder nennen wir es vielleicht besser: Vorsicht. Jedenfalls verändert sich die Stimme. Dabei ist der jahrelange Kontakt von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägt. Es genügt ein Begriff — Islamischer Staat, auch IS genannt — um den muslimischen Gesprächspartner verstummen zu lassen.

Ungewöhnlich für einen, der sonst für jeden Dialog zu haben ist. Ein Interview? Diesmal lieber nicht. Ich müsse verstehen. Was muss ich verstehen? Die Angst. Die Angst, mit Leuten in einen Topf geworfen zu werden, mit denen man nichts zu tun hat und nichts zu tun haben will: den IS-Kämpfern.

So wie meinem Gesprächspartner aus Dietikon geht es derzeit vielen Muslimen in der Schweiz. Wieder einmal glauben sie, sich rechtfertigen zu müssen. So wie damals, 2001, nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Und auch damals wurden sie in der Schweiz auf offener Strasse immer mal wieder angefeindet.

Doch nicht alle schweigen. Sakib Halilovic, Imam der bosnischen Moschee in Schlieren, sagt: «Wir sind gegen jegliche Form von Gewalt.» Der IS habe nichts mit der Religion zu tun, auch wenn er diese für seine Zwecke instrumentalisiere.

Die Dialoggruppe Christentum-Islam bemüht sich in Dietikon um interreligiösen Dialog. Am letzten Samstag führte sie Interessierte in die Kirchen von Katholiken, Reformierten und Muslimen.

Die Dialoggruppe Christentum-Islam bemüht sich in Dietikon um interreligiösen Dialog. Am letzten Samstag führte sie Interessierte in die Kirchen von Katholiken, Reformierten und Muslimen.

Kathrin Fink

Auch die Dachorganisation der Zürcher Muslime, die Vereinigung der Islamischen Organisationen Zürich (VIOZ), schweigt nicht zum Thema des IS. «Wir distanzieren uns von allen Gewaltformen, die vom IS kommen», sagt Präsident Mahmoud El Guindi. Doch auch er verhehlt nicht, dass von Schweizer Muslimen ständig eine Distanzierung verlangt wird.

Gegenüber dem Radio SRF sagte Mahmoud El Guindi: «Wenn die Muslime sich dauernd von Sachen distanzieren, mit welchen sie ja gar nichts zu tun haben, dann bekommen die Mitbürger hier den Eindruck, wir seien nur Problemfälle. Und das ist auch nicht die Idee. Die Mehrheit der Menschen gehen ihrem normalen Leben hier nach.»

Trotz Unbehagen, Halilovic und El Guindi wissen, wie sehr das Thema Muslime die Menschen in der Schweiz interessiert. Kein Wunder. Rund 6 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind muslimischen Glaubens, im Kanton Zürich sind es etwa 10 Prozent, im Bezirk Dietikon über 12 Prozent. Und noch etwas Statistik: 60 Prozent der Muslime sind aus dem Balkanraum, 20 Prozent aus der Türkei. Jeder Dritte ist Schweizer Staatsbürger.

Muslim ist nicht gleich Muslim: Einen bosnischen Sunniten mit einem iranischen Schiiten zu vergleichen, ist sachlich falsch. Einen römisch-katholischen Portugiesen würden wir auch nicht in denselben Topf mit einem russisch-orthodoxen Weissrussen werfen. Zwar sind beide Christen, doch trennen sie Glaubensfragen und Mentalitätsunterschiede.

Doch genau das passiert den Muslimen in der Schweiz. Sunniten, Alewiten, Schiiten – Bosnier, Türken, Iraker, sie werden alle gleichgesetzt, weil sie derselben Religion angehören. Kein Wunder reagieren sie bisweilen genervt.

Die muslimischen Organisationen in der Schweiz haben Taten wie Ziele des IS klar verurteilt und sich davon distanziert.

Integration statt Hasspredigten

Sakib Halilovic schliesst aus, dass sich in der Schlieremer Moschee IS-Sympathisanten aufhalten, die einen Gottesstaat in Irak und Syrien begrüssen. «Ich kenne niemanden», so der Bosnier. Man setze auf andere Werte: «Unsere Programme haben die Integration zum Thema», sagt Halilovic. Der angefragte Dietiker Muslim schliesst aus, dass in den vier Moscheen in Dietikon und Schlieren solche Ideen auf fruchtbaren Boden gefallen sind.

Doch es gibt sie auch hierzulande, die IS-Symphatisanten, wenngleich in bescheidener Zahl. Der Schweizer Bundesnachrichtendienst geht von 15 Schweizern aus, die sich in den Nahen Osten begeben haben, um dort für den IS aktiv zu sein. In Deutschland sind es etwa 400, wobei etwa 100 zurückgekehrt sein sollen, die allermeisten ohne Kampfeinsatz, zum Teil traumatisiert oder von der grausamen Realität ernüchtert.

Die Schweizer Muslime unterscheiden sich aber von jenen aus Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien. Die meisten stammen aus dem Balkan, wo der Islam traditionell tolerant und apolitisch interpretiert wird, und sie sind relativ gut integriert, wie 2013 in einem Bericht des Zentrums für Sicherheitsstudien der ETH Zürich festgehalten ist.

Aktuell wird die Faszination des IS auf europäische Jugendliche diskutiert. Nicht ohne Grund: Der IS wirkt vor allem über die Internet-Propaganda – wo er Abenteuer verspricht –, nicht über Auftritte in Moscheen.

Das beste Mittel gegen solche Propaganda ist laut Halilovic, wenn Jugendliche eine echte Lebens-Perspektive in der Schweiz haben.

Doch auch in Schweizer Moscheen gibt es Radikale, wenngleich sie nichts mit dem IS zu tun haben. Der Islamische Zentralrat der Schweiz ist ein Sammelbecken für streng konservative Muslime und er provoziert gerne mit Ansichten, die nicht mit der Schweizer Gesellschaft vereinbar sind.

Bekannt sind auch die korantreuen Salafisten. Sakib Halilovic sagt: «Radikale sind immer ein Problem, ob es Muslime, Christen oder Juden sind.» In Dietikon wurden vor einiger Zeit Salafisten, die in einer Moschee Jugendliche angesprochen haben, bestimmt des Hauses verwiesen. Sie seien nicht mehr wieder gekommen, sagt der Dietiker Bekannte, der nicht namentlich genannt werden will.

Im Limmattal haben sich zumindest die Schlieremer Moschee der Bosnier und die Dietiker Moschee der Türken immer wieder öffentlich zur Schweiz, ihren Werten und ihrem Recht bekannt. Die beiden kosovarisch-albanisch geprägten Moscheen, die einst aus der türkischen hervorgegangen sind, sind länger nicht mehr in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten.

Der Vorsteher der türkischen Gemeinschaft Cengiz Yükseldi sagt: «Wir bekennen uns zu einem Islam, der das Schweizer Recht akzeptiert und achtet.» Und genau deshalb wollen der Dietiker Bekannte, Halilovic, Yükseldi und El Guindi nicht in einen Topf mit den IS-Kämpfern geworfen werden. Muslim hin, Muslim her.

Das hilft Ihnen bei der IS-Diskussion

1 Wer steckt hinter dem Islamischen Staat – auch IS genannt?

Vieles ist unklar. Nach eigenen Angaben wollen die Kämpfer einen sunnitischen Gottesstaat aufbauen, der Syrien, Irak, aber auch Libanon, Israel und Jordanien umfasst. Die US-Regierung sprach kürzlich von geschätzten 30 000 IS-Kämpfern, die in Syrien und im Irak wüten und durch ihre Brutalität von sich reden machen. Die internationale Kampftruppe wurde ursprünglich wohl von arabischen Ländern finanziert, um den syrischen Präsidenten Baschaar al-Assad zu stürzen. Zu Beginn bestand die Truppe wahrscheinlich vorwiegend aus ehemaligen Soldaten Saddam Husseins. Unter der Führung des jordanischen Islamisten Abu Musab al-Sarkawi hat sie sich radikalisiert. Zuletzt haben sich die IS-Kämpfer wegen fehlender Staatsmacht und eines politischen Vakuums im Irak ausgebreitet und werden nun von einer internationalen Koalition bekämpft.

2 Was hat der IS mit den Muslimen in der Schweiz zu tun?

Eigentlich nichts. Aufgrund der Glaubenszugehörigkeit und weil der IS auch in Europa Kämpfer rekrutiert, werden aber künstlich Verbindungen hergestellt. Das stört Schweizer Muslime. In der Schweiz sind nur 15 Rekrutierte bekannt.

3 Wie viele Muslime leben im Bezirk Dietikon?

Etwa 12 Prozent der Bevölkerung im Bezirk Dietikon sind Muslime. Im Kanton Zürich sind es etwa 10 Prozent. In der Schweiz leben über 400 000 Muslime, etwa 6 Prozent der Bevölkerung.

4 Warum leben so viele Muslime in der Schweiz?

Sie stammen vorwiegend aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei. Sie kamen als Gastarbeiter und Flüchtlinge.

5 Welche Art des Islams wird im Limmattal gepredigt?

Im Limmattal, wie in der übrigen Schweiz, sind die allermeisten Muslime Sunniten aus dem Balkanraum und der Türkei. Im Raum des ehemaligen Jugoslawiens ist der Islam tolerant und apolitisch geprägt. Dasselbe gilt grundsätzlich auch für die Türkei. Muslime aus dem arabischen Raum leben meist in der Region Genf.