Dietikon
Im Niemandsland finden Hobbymaler Kunst-Asyl

Im Basislager entstehen Bilder, die das Ambulatorium Limmattal verschönern.

Franziska Schädel (Text und Fotos)
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Kunst-Asyl Dietikon
8 Bilder
Das Basislager - ein kreativer Ort der Begegnung
Christine Horber (links) an der Arbeit in ihrem Atelier
Regula Hefel (rechts) begleitet den kreativen Prozess
Ein buntes Herz - das Werk einer kleinen Eritreerin
Letzte Pinselretouchen vor der Vernissage
Andrea Hodel - eine Auswahl ihrer 100+1 Bierdeckel
Kunst auch vor dem Eingang zum atelier Kunst-Asyl

Kunst-Asyl Dietikon

Franziska Schädel

«Ist kein Druck da, etwas Schönes zu schaffen, dann funktioniert es.» Wenn Christine Horber über die Menschen spricht, die im Malatelier «Kunst-Asyl» zu Pinsel und Farbe greifen, dann merkt man ihr die Begeisterung für ihre Arbeit an. Zusammen mit Regula Hefel und Mia Justesen bietet sie seit bald vier Jahren in der Containersiedlung Basislager in Zürich Altstetten Menschen jeden Alters die Möglichkeit, gegen ein kleines Entgelt ihre Kreativität zum Ausdruck zu bringen. Die Bilder, die dabei entstanden sind, werden ab morgen im Ambulatorium Limmattal – einer Beratungsstelle der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich – in Dietikon zu sehen sein.

Begonnen hat alles während der Ausbildung zur Maltherapeutin. Die drei Frauen lernten sich kennen und beschlossen, Menschen in allen Lebenslagen das freie Malen zu ermöglichen. Auf der Suche nach einem geeigneten Raum stiessen sie auf das Basislager, ein Containerdorf für Kreative im Niemandsland zwischen der Autobahn A1 und der Aargauerstrasse. Wo bis in die 1950er-Jahre Schrott und Abfall gelagert wurden und später Altwarenhändler ihren Geschäften nachgingen, arbeiten heute rund 200 Künstler, Grafikerinnen, Architekten, Designerinnen, Fotografen und Musikerinnen quasi Tür an Tür. «Es ist eine inspirierende Nachbarschaft», sagt Horber. Rechts vom Kunst-Asyl haben sich zwei Filmerinnen eingemietet, links ein Webdesigner. Weiter vorne findet sich eine Werkstatt für Fliegenfischer. Daneben eine Tätowiererin. Treffpunkt für alle ist das Restaurant Transit.

Alltag im Paradies

Das Kunst-Asyl ist auch ein Ort der Begegnung. «Oft kommen unsere Kunden nur für ein Gespräch und eine Tasse Kaffee vorbei. Sie wissen, dass sie bei uns ein offenes Ohr finden», erzählt Horber. Im Atelier der drei Kunsttherapeutinnen fühlt man sich denn auch sofort wohl. Draussen auf dem Kiesplatz laden ein paar Stühle zum Verweilen ein. Vor der Türe hängen kleine Kunstwerke. Auf einem Schild steht: «Just another day in paradise» («nur ein weiterer Tag im Paradies»).

Drinnen sitzen an einem grossen Tisch Frauen und Männer konzentriert an der Arbeit. Da und dort ist ein leises Gespräch zu vernehmen. Farbe überall – in Tuben und Büchsen, an den Wänden, auf dem Tisch. «Jeder Mensch kann malen», sagt Horber. «In diesem Raum ist alles gut, was entsteht.» Habe jemand einmal gar keine Idee für ein Bild, empfiehlt die Maltherapeutin, die Farbpalette zu betrachten. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man zu einer bestimmten Farbe hingezogen wird – zu einer Farbe, die einem in diesem Moment guttut. Beginnt man dann mit dieser Farbe zu malen, kommt ein kreativer Prozess in Gang.»

Asylsuchende als malende Nachbarn

Zu den Nachbarn des Kunst-Asyls gehören neben dem einst heiss diskutierten Strichplatz auch eine temporäre Wohnsiedlung für Asylsuchende der Stadt Zürich. Die Kinder, die mit ihren Eltern in den gelb-orangen Containern leben, waren denn auch die ersten Besucher. Es war aber ein Zufall, dass die drei Frauen ihr Atelier Kunst-Asyl nannten. «Es musste wohl so sein», sagt Horber und schmunzelt. «Wir waren noch mit Einrichten beschäftigt, als die Kinder neugierig ihre Köpfe durch die Türe streckten.»

Spontan beschlossen die drei Frauen, einmal pro Woche mit ihnen zu malen. Die Kinder heissen Arsema, Hermela, Kebron, Henos und Ariam und stammen alle aus Eritrea. Auch ihre Bilder werden im Ambulatorium zu sehen sein. «Wenn die Worte fehlen, kann das Malen ein Weg sein, Gefühle auszudrücken», sagt die Maltherapeutin. Zu Beginn hätten die Kinder immer und immer wieder die eritreische Flagge gezeichnet. Mit der Zeit kam die Schweizer Fahne dazu. Die Mappen quellen über von den Bildern der Kinder. In den Unterkünften ist keinen Platz für ihre Werke.

Bierdeckelgeschichten

Auch Andrea Hodel ist eine regelmässige Besucherin des Kunst-Asyls. Für die Ausstellung im Ambulatorium hat sie ein Bild vorbereitet, das einen Ausschnitt ihrer Trilogie 100+1 zeigt. Die Dietikerin hat 101 Bierdeckel bemalt. «Es gibt die Geschichten aus 1001 Nacht – ich habe 101 Bierdeckelgeschichten kreiert», sagt sie lachend. Sie lässt sich von Farben und Mustern sowie von Beobachtungen in der Natur inspirieren. Nach 101 Bierdeckeln ist aber noch lange nicht Schluss: «Vielleicht sind es dann einmal 1001», sagt Hodel.

Die Werke der kleinen und grossen Künstlerinnen und Künstler sind im Ambulatorium Limmattal noch zu sehen bis Ende Jahr. Horber hofft, dass auch die Kinder bei der Vernissage morgen dabei sein können. «Wir werden gemeinsam mit dem Zug nach Dietikon reisen.»