Limmattal
Im Neuthal finden Süchtige zurück in einen Alltag ohne Drogen – seit 30 Jahren

Wer zum ersten Mal das Gelände der Stiftung betritt, der ist von der Idylle überrascht. Früher waren in den Gebäuden eine Spinnerei sowie Wohnhäuser für Angestellte und Besitzer untergebracht.

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Stiftung Neuthal
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Hier war früher die Residenz der Arbeiter der Spinnerei. Heute sind die Bewohner beim vierten Vertrag, also weit fortgeschritten in der Therapie.
Auf der Verande der ehemaligen Stallung ist eine Rauch-Station. Im Dachgeschoss, verbirgt sich jedoch noch viel mehr.
..am Boxsack, der Kletterwand und an diversen anderen Sportgeräten können sich die Klienten austoben.
Arbeiten am Haus - Ein Klient balzt eine Seitentüre ab.
Wenige Meter weiter streicht ein anderer Klient einen Türrahmen.
Der 25-jährige Fabrizio widmet sich seit ein paar Wochen der Wäsche der ganzen Truppe. Die Arbeit macht Spass, wie er sagt
Seine Freundin Lydia befreit derweil die Mauren vom Moos mit einem Hochdruckreiniger. Sauberkeit wird gross geschrieben im Neuthal
Hier im Gruppenraum spielt man Gesellschaftsspiele. Der Fernsehkonsum wird auf einabsolutes Minimum beschränkt.
Der Aufenthaltsbereich im zweiten Wohnhaus ist schon schlichter gestaltet.
Fabrizio öffnet seine Türen - Auf wenigen Quadratmetern hat er sein Reich eingerichtet
Armin Huber, Geschäftsleiter der Stiftung Neuthal, ist seit 25 Jahren dabei. Kein Arbeitstag sei wie der nächste, das gefalle ihm an seinem Job

Stiftung Neuthal

Limmattaler Zeitung

Stiftung Neuthal

Die therapeutische Gemeinschaft, in der zwölf Frauen und Männer platz finden, besteht seit 1983. Die Klienten lernen die Freizeit aktiv zu gestalten und regelmässiger Arbeit nachzugehen - wöchentlich 30 Stunden. So kreieren die Klienten Apéros für Privat- und Firmenanlässe, bieten einen umweltschonenden Akkuservice, Gartenunterhaltsarbeiten und einen Holzlieferdienst an. Zudem können die Klienten für Arbeiten am eignen Haus in Anspruch genommen werden. Die therapeutischen Zielsetzungen werden gemeinsam mit den Klienten geplant. Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.neuthal.ch
In einer losen Serie porträtierte Bettina Hamilton-Irvine einen ehemaligen Klienten des Neuthal. Vom Aufenthalt in der Einrichtung bis Start eines neuen Lebens mit Partnerin. Diese Beiträge aus den Jahren 2009 und 2010 finden Sie unter
www.limmattalerzeitung.ch

Beim Laufen könne man gut nachdenken, sagten die Therapeuten. Und das musste Lydia auch. An einem Wochenende im Sommer trank sie ein paar Gläser über den Durst. Was für eine andere 19-Jährige keine Besonderheit wäre, bedeutet für sie einen Rückfall. Zu diesem Zeitpunkt wohnte sie bereits seit mehreren Monaten im Neuthal, der von Limmattaler Gemeinden getragenen Institution für Drogen- und Alkoholsüchtige.

Wenn einer der Klienten einen Rückfall hat, fährt ihn einer der Therapeuten auf die wenige Kilometer entfernte Strahlegg. Dort stand Lydia im Sommer und nahm den Weg ins Neuthal unter die Füsse. Ob dieses Programm überhaupt noch das Richtige für sie sei, sollte sie sich auf dem Rückweg überlegen.

Wer zum ersten Mal das Gelände der Stiftung betritt, der ist von der Idylle überrascht. Früher waren in den Gebäuden eine Spinnerei sowie Wohnhäuser für Angestellte und Besitzer untergebracht. Im Speisesaal, wo sich Klienten, Therapeuten und Betriebsleiter um Punkt 12 zum Mittagessen treffen, dürfe man kaum einatmen, so streng seien die Auflagen des Denkmalschutzes, sagt Armin Huber, Geschäftsleiter der Stiftung.

Die schöne Fassade täuscht, denn das Regime der Klienten ist strikt. Von 7.30 Uhr bis nachmittags um drei wird gearbeitet, danach folgen Gruppentherapien, geleitet vom Psychologen und der Sozialpädagogin. Die Freizeit verbringen die Bewohner mit Gesellschaftsspielen, Fernseh- und Internetkonsum sind eingeschränkt. Nur «10 vor 10» und wöchentlich zwei Filme ihrer Wahl dürfen die Klienten schauen.

Kein Staubkorn im Haus

Die Hauswirtschafterin, bei der alle betrieblichen Fäden zusammenlaufen, weiss sich durchzusetzen. Die zierliche Frau ist verantwortlich für das Einteilen der Arbeiten und die Kontrolle ihrer Ausführung. «Ich habe klare Vorstellungen, wie ich die Sachen haben will», sagt sie und verweist im nächsten Satz darauf, dass sie bei Schlampigkeit den Ton auch verschärfen kann - in den Wohn- und Gruppenräumen ist kein Staubkorn zu sehen.

Im alten Wohnhaus der Spinnerei-Angestellten ist heute die Wäscherei beheimatet. Fabrizio mit den kurz geschorenen Haaren schwirrt emsig durch den lichtdurchfluteten Raum. Er sei inzwischen seit sieben Monaten hier. Wegen Drogenhandels und Verkehrsdelikten landete der heute 25-Jährige in einem Massnahmenzentrum. Der Wechsel ins Neuthal war ein Glücksfall für den Alkohol- und Cannabisabhängigen. Er schätze den geregelten Tagesablauf, sagt er und faltet die Trainerhose einer anderen Klientin fein säuberlich.

Gruppe befindet über Fortschritt

Das Prozedere ist immer gleich und trotzdem individuell. Nachdem die Klienten ihre dreiwöchige Probezeit abgeschlossen haben, formulieren sie gemeinsam mit den Betreuern einen Vertrag. Darin werden Meilensteine in der persönlichen und sozialen Entwicklung festgehalten, die bis zu einem festgesetzten Zeitpunkt erreicht werden sollen.

Wenn diese Frist abgelaufen ist, entscheiden alle Bewohner in einer der Gruppensitzungen, ob diese Ziele erreicht wurden. Entscheidet die Gruppe positiv, so wird ein neuer Vertrag mit neuen Zielen vereinbart. Dieser zweite Vertrag bringt mehr Freiheiten für den Klienten, so kann er beispielsweise längere Ausgänge unternehmen oder mehr Verantwortung bei der Arbeit übernehmen. Nachdem die Ziele des vierten Vertrages erfüllt sind, hat der Klient die Möglichkeit in eine betreute Wohngruppe in Tann zu wechseln - einen Schritt näher am selbstständigen Leben.

Ja oder Nein zum Programm

Bei Fabrizio neigt sich die Frist des zweiten Vertrages dem Ende zu und er ist optimistisch, bald in den dritten wechseln zu können. Obwohl Lydia schon länger im Neuthal wohnt als er, ist sie gleichweit wie Fabrizio. Sie wurde wegen ihres Rückfalls zurückgestuft. Was ihr wohl im Sommer auf dem Fussmarsch von der Strahlegg ins Neuthal durch den Kopf ging? Vielleicht erinnerte sie sich daran, wie sie mit 17 Jahren zum ersten Mal in eine Einzugsklinik ging.

Vielleicht bereute sie, ihren ersten Joint oder Heroin geraucht zu haben. Im Neuthal angekommen war der Kopf klar. Lydia sagte Ja zum Programm. Seither hat sie weder Drogen noch Alkohol angerührt. Sie und Fabrizio sind seit Kurzem ein Paar. Die beiden lernten sich im Neuthal kennen und lieben. Auf die Frage, ob es unterstützend oder gefährlich sei, wenn der Partner denselben Hang zu Abhängigkeit hat, wissen beide noch keine Antwort.