Zürich ist der Kanton der vielen kleinen Tobel. Die meisten von ihnen sind eher unscheinbar und wenig bekannt, deswegen jedoch nicht weniger spektakulär als die berühmten Alpenschluchten. Das versucht der Zürcher Autor Michel Brunner in seinem jüngst erschienenen Buch «Wasserwunder» aufzuzeigen, in dem er 22 Tobelwanderungen versammelt.

Ein Ort hat es ihm besonders angetan: der Weidtobelbach in Oberengstringen, an der Grenze zu Zürich.Der Platz, abseits des Dorfes in einem kleinen Waldstück unweit des Friedhofes gelegen, strahlt etwas Geheimnisvolles aus. Es ist ein verwunschener Ort.


Wer das Limmattal zu Fuss erkundet, wird auch in anderen Gemeinden solche mit einem Zauber belegten Plätze finden. Viele von ihnen sind sagenumrankt, was diesen Orten etwas Geheimnisvolles, mitunter Unheimliches verleiht.

Die Erdmännchen üben furchtbare Rache

Der Franzosenweiher ist ein ruhiger Ort. Doch bisweilen wird Idylle im Wilental, das sich bis Spreitenbach erstreckt, von schaurigen Schreien gestört. Dann geistern verirrte französische Soldaten durch die Gegend. Sie wurden einst Opfer der Rache der Erdmännchen. Diese, so heisst es in der Sage, haben das Limmattal in alten Zeiten besiedelt.

Sie taten den Menschen viel Gutes, blieben aber stets unsichtbar. Ihr Territorium war der einsame Fischweiher im Wilental. Dieses zu betreten war für friedliche Leute nie ein Problem.

Am Franzosenweiher fühlten sich einst die Erdmännchen wohl.

Am Franzosenweiher fühlten sich einst die Erdmännchen wohl.

Fischfrevler und lärmende Trunkenbolde hingegen waren nicht gerne gesehen und wurden von den Erdmännchen in die Irre geführt. Als die Franzosen 1798 ins Limmattal einmarschierten, war es mit der Ruhe im Wilental jedoch endgültig vorbei.

Die Soldaten holzten die schönsten Bäume, um mit dem Holz Lagerfeuer zu entfachen. Damit zogen sie den Zorn der Erdmännchen auf sich. Diese liessen deshalb nachts mehrmals Wachsoldaten verschwinden. Es nützte nichts. Mit Lärm und wüstem Gefluche tränkten die Franzosen ihre Pferde im Weiher. Die heissgeschossenen Läufe der Kanonen kühlten sie im Wasser.

Als dann auch noch der «Spatz» aus der Feldküche ausblieb, gruben sie den Abfluss des Weihers ab, damit sich die Fische in einer schlammigen Ecke zusammendrängten. Die Franzosen hofften, so leichtes Spiel beim Einfangen der Tiere zu haben. Plötzlich aber verschwanden zwei der wildesten Krieger im Schlamm und kamen nie mehr zum Vorschein.

Das war die Rache der Erdmännchen an den gesättigten Soldaten, die sich im Übermut sogar die Fische an den Kopf warfen. Auch die Erdmännchen verschwanden und kehrten nie mehr ins Wilental zurück. Rache schwörend kehrten sie ihrer einstigen Heimat den Rücken. Und so geistern die versunkenen und verirrten Soldaten noch heute in mondhellen Nächten durchs Wilental. (zim)

 Das weisse Gerippe wartet auf Erlösung

Das Flachmoor Schachen ist heute ein Ort von nationaler Bedeutung und deshalb schützenswert. Einst war es Kulisse für einen erbitterten Grenzstreit. Denn dort lagen damals zwei stattliche Bauernhöfe. Die beiden Güter existierten schon seit Menschengedenken.

Allerdings war der Grenzverlauf zwischen den Höfen durch Erbschaft und Heirat im Laufe der Jahrhunderte immer komplizierter geworden, was häufig zu Streitigkeiten führte. Die beiden Familien verfeindeten sich mehr und mehr.

Im Schachenmoor spukt es.

Im Schachenmoor spukt es.


Nach einem erneuten Streit unter den Nachbarn beschloss der eine in seiner Wut, nachts einen im sumpfigen Schachen verborgenen und nur ihm allein bekannten Grenzstein zu versetzen. Der Nachbar bemerkte nichts. Ermutigt durch sein nächtliches Treiben, wagte es der Bösewicht nun noch weitere, bedeutend weniger harmlose Grenzsteine zu seinen Gunsten zu versetzen.

Nach Jahren, als im Schachen das Holz gefällt werden sollte, entdeckte der betrogene Nachbar, was geschehen war. Weil die Steine längst wieder von Moos und Gestrüpp überwuchert waren, gewann der Missetäter den gegen ihn eingeleiteten Prozess. Der unterlegene Bauer wurde durch die immensen Prozesskosten in den Ruin getrieben. Kurz darauf verstarb der Verarmte. Der reiche Nachbar, der die Grenzsteine versetzt und einen ansehnlichen Teil der vom Nachbar bezahlten Summen eingesackt hatte, litt immer stärker unter seiner Tat.

Die schlaflosen Nächte mehrten sich. Und so begann der Bauer damit, die Grenzsteine im Schachen Stück für Stück an ihren ursprünglichen Platz zurückzusetzen. Er starb jedoch, bevor er diese Arbeit vollenden konnte.

Bis heute ist die Gegend im Schachen gefürchtet. Viele haben dort nachts einen einsamen, feurigen Mann arbeiten sehen, so die Sage. Eines Tages fuhr ein Bauer durch den Schachen von Dietikon nach Spreitenbach, als sein Pferd plötzlich still stand und keinen Wank mehr machte. In diesem Moment erblickte er an einer riesigen Tanne ein schneeweisses Totengerippe. Der Bauer erschrak. Auch als er mit der Peitsche nach der grauenhaften Erscheinung schlug, blieb sie stehen.


Der Geist sagte mit hohler Stimme: «Auf diesem Gut habe ich vor vielen hundert Jahren die Grenzsteine versetzt und dadurch meinen Nachbarn ums Leben gebracht. Lebend konnte ich meine Schandtaten nicht wieder gutmachen. Ich kann aber durch einen Bauern der Gegend erlöst werden, wenn er das tut, was ich hätte tun sollen.

Ich frage dich: Bist du bereit, einen Drittel deines Gutes dem armen Nachbarn zu geben? Sag schnell Ja, bevor es zu spät ist, denn in wenigen Augenblicken ist meine Zeit um, und ich muss wieder hundert Jahre warten, bis ich einen Bauern um diesen Liebesdienst bitten darf.» Der Bauer konnte sich nicht sofort entscheiden. Da schlug aus dem heiteren Himmel der Blitz neben der Gestalt in der Tanne ein. Der Spuk war vorbei. (zim)

Die Gefangenen beklagen ihr Schicksal

Gleich zwei Sagen aus der Zeit, als die Franzosen in Dietikon stationiert waren, ranken sich um den Guggenbühlwald. Beide handeln von schauerlichen Gestalten, die dem Ort etwas Unheimliches verleihen.

In besonders dunklen Herbst- und Winternächten sind dort beim Giigeliboden, einer sumpfigen Stelle im Wald, hagere Gestalten auszumachen, die traurig um ein flackerndes Feuer sitzen. Sie tragen Pelzmützen, zerlumpte Uniformen und lange Bärte. Die Knöchel und Handgelenke sind von schweren Ketten umfasst.


Es sind die Geister all jener Russen, die der französische General Massena einst hier verborgen hielt. Der Sage nach treffen sie an jener Stelle immer wieder heimlich zusammen, um ihr trauriges Schicksal zu beklagen. Sie versuchen, den Sinn ihres Lebens zu verstehen, was ihnen bis zum heutigen Tage jedoch nicht gelungen ist.

Ebenfalls ein Geist treibt in der zweiten Sage sein Unwesen im Guggenbühlwald. Allerdings erscheint er nur Holzdieben. Andere Waldbesucher lässt er in Ruhe. Ihren Ursprung hat die Geschichte im Jahr 1799, als die französischen Truppen in Dietikon lagerten.

Damals kam es häufig vor, dass sich im Guggenbühlwald Holzdiebe herumtrieben. Deshalb erscheint noch heute jedem Holzfrevler, der sich dem Wald nähert, ein rot glühender Reiter. Er taucht plötzlich im Westen auf, fliegt lautlos am Dieb vorbei und verschwindet im Osten.

So lange der Dieb sein Vorhaben nicht aufgibt, wiederholt sich das schaurige Schauspiel, als würde die unheimliche Gestalt immerwährend um den Wald reiten. Beim glühenden Reiter handelt sich der Sage nach um die verfluchte Seele des französischen Holzdiebes, die nicht zur Ruhe kommen kann und nun, um den eigenen Frevel wiedergutzumachen, in jeder Nacht und bis in alle Ewigkeit, das Holz im Guggenbühlwald beschützen muss.

Zur Strafe versinkt die Burg im See

Eine grausame Geschichte steht am Ursprung des Egelsees oberhalb von Bergdietikon. So erzählt es zumindest die Sage, die in verschiedenen Varianten im Umlauf ist. Ein grausamer Ritter steht jedoch bei allen im Mittelpunkt.

So soll da, wo heute der Egelsee liegt, vor langer Zeit auf dem Heitersberg eine Burg gelegen haben. Sie wurde Bauernweh genannt, weil dort der Ritter Riko lebte, der mit seinen Begleitern raubend und mordend die umliegende Bevölkerung ins Unglück stürzte.
Die Horde war täglich unterwegs auf Streifzug.

Abends kamen sie dann jeweils wieder nach Hause – schwer beladen mit Raubgut. Eines Tages begab es sich, dass sie auf dem Rückweg eines Raubzuges am Hof einer Witwe vorbeikamen, die ihren Zins noch nicht bezahlt hatte. Sie warfen die Witwe und ihre Kinder aus dem Haus und plünderten den Hof, bis es nichts mehr mitzunehmen gab. 

Der Egelsee birgt ein Geheimnis.

Der Egelsee birgt ein Geheimnis.

Zum Schluss zündeten sie den Hof der Witwe gar noch an und überliessen ihn den Flammen.Die Witwe bettelte um eine kleine Menge Mehl, damit sie zumindest ihrem Kleinsten etwas zu essen geben könne. Darauf riss der Ritter der Frau das Baby aus dem Arm, warf es in die Feuersbrunst und höhnte: «Jetzt braucht dein Balg kein Mehl mehr.»

Die Mutter brach zusammen und flehte zum Himmel, er möge doch sie und ihre Leidensgenossinnen von den Qualen und dem Jammer dieser gewalttätigen Bande befreien.

Da verdunkelte sich der Himmel. Und noch in dieser Nacht zog ein heftiges Gewitter über die Region. Ohne Unterbruch ging Blitz nach Blitz auf die Burg auf dem Heitersberg nieder. Und auf einmal sank die Burg unter tosendem Krach Hunderte Meter tief in den Abgrund. Männer und Tiere riss sie mit sich.

Am anderen Morgen lag an diesem Ort ein See. Lange Zeit mieden die Menschen diesen See. Manchmal, heisst es, wenn es um den See ruhig ist, könne man ein leises Stöhnen hören.