Leben auf der Nationalstrasse
Im Limmattal bieten Autobahnen möglichen Wohnraum

An drei Standorten in der Region sieht der Bund Potenzial für Wohnüberbauungen auf der Nationalstrasse. Die betroffenen Gemeinden zeigen Interesse.

Alex Rudolf
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Wohnüberbauungen auf der Nationalstrasse
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Der mögliche Autobahnabschnitt in Urdorf.
In Unterengstringen gleich neben der Limmat.
Und in Geroldswil im Gebiet Werd.

Wohnüberbauungen auf der Nationalstrasse

Alex Rudolf

Es ist wahrlich eine verlockende Vorstellung. Statt Luft- und Lärmbelastung könnten an ausgewählten Autobahnabschnitten bald Wohnungen entstehen, welche die unliebsamen Nebeneffekte des motorisierten Individualverkehrs unter sich begraben. Eine vom Bundesamt für Wohnungsbau veröffentlichte Studie zu dieser Thematik zeigt auf, dass in der Schweiz 38 Standorte für eine Überbauung von Nationalstrassen infrage kommen. Deren 13 stehen im Kanton Zürich, drei davon im Limmattal. Autobahnabschnitte in Urdorf, Geroldswil und Unterengstringen würden sich für Wohnüberbauungen eignen, so die Studie.

Im Bezirk Dietikon erhält ein rund 150 Meter langer Autobahnabschnitt in Niederurdorf die beste Bewertung. Zwischen dem Eingang zum Honerettunnel und dem Autobahnübergang Blächenstrasse sehen die Studienverfasser die Schaffung von Wohnraum für 1200 bis 1500 Personen. Diese Parzelle besticht vor allem durch die niedrigen Baukosten von 2900 Franken pro Quadratmeter.

In der Gemeinde hält man die Idee für sehr interessant. Hochbauvorstand Christian Brandenberger (CVP) verweist darauf, dass hier zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden können: «Seit die Einzonungsvorlage des Gebiets Bölisbaumgarten wegen der Kulturlandinitiative sistiert ist, fehlt unbebautes Bauland. Gleichzeitig wird die Lärmbelastung durch die Nationalstrasse grösser und grösser.» Brandenberger ist sich bewusst, dass die Realisierung einer solchen Überbauung ein Grossprojekt darstellt. «Bund, Kanton und Gemeinde müssten am selben Strick ziehen. Wie komplex dies werden kann, sah man in den letzten Jahren beim Rechtsstreit um die Erstellung des Gubrist-Deckels», so Brandenberger. Eine Zusammenarbeit mit dem Bund will er dennoch nicht verteufeln, denn es steht bereits fest, dass der Bund im Jahr 2024 den besagten Autobahnabschnitt prüfen und allenfalls sanieren und lärmschutztechnisch aufrüsten wird. «Eine allfällige Überbauung könnte dann meiner Ansicht nach auch für den Bund interessant sein», so Brandenberger.

Auch im Autobahnabschnitt auf Boden der Gemeinde Geroldswil sehen die Studienverfasser Potenzial für eine Überbauung. Neben dem Fussballfeld Werd und der erst im vergangenen März durch den Kantonsrat zu Siedlungsgebiet erklärten 13-Hektaren-Parzelle Werd sehen die Studienverfasser auf der Autobahn A1 die Möglichkeit für Wohnraum – Platz gäbe es für rund 1550 Menschen. Besonders aus raumplanerischer Sicht würde sich hier eine Überbauung eignen, da das Gebiet gut erschlossen ist. Auch der Geroldswiler Hochbauvorstand Willy Oswald (FDP) hat für diese Variante ein offenes Ohr: «Hierbei handelt es sich um eine prüfenswerte Idee. Der Wohnraum in Geroldswil ist knapp und die Einwohner leiden zunehmend unter der Lärmemission der Autobahn.» Daher könne er sich vorstellen, dass eine Überdeckung der Autobahn auch in der Bevölkerung gut ankommen würde.

Private Investoren bevorzugt

In Unterengstringen wäre laut Studienverfasser eine Überbauung der A1 beim Übergang Weiningerstrasse denkbar. Auf einer möglichen Wohnfläche von zwischen rund 40 000 und 70 000 Quadratmetern könnten zwischen 1000 und 1600 Menschen wohnen. Auch Hochbauvorstand Simon Wirth (FDP) hält diese Idee für interessant und konstatiert, dass sie grossen Rückhalt in der Bevölkerung haben könnte. «Unbebautes Bauland ist in Unterengstringen knapp», sagt er.

So erfreulich die Aussicht auf eine Überdeckung einer Autobahn auch ist, so kritisch geben sich die Hochbauvorstände der drei befragten Gemeinden, wenn es darum geht, dass ihre Gemeinde selber als Bauherrin in die Hosen steigen soll. Christian Brandenberger hält die Kosten für Urdorf derzeit für unverhältnismässig hoch. Alle drei Hochbauvorstände hätten lieber, dass private Investoren den Wohnraum auf Autobahnen schaffen.

Die Limmattaler Gemeinden befinden sich in einer privilegierten Lage, da nur die wenigsten der schweizweit rund 100 aufgrund ihrer Topografie infrage kommenden Nationalstrassenabschnitte auch wirtschaftlich rentable Überbauungen zulassen würden. Die Verfasser der Studie verweisen darauf, dass die Planungs- und Bewilligungsphasen bei Autobahnüberdachungen langwierig sein können. Auch Bauarbeiten bei laufendem Betrieb der Autobahn erfordern Spezialmassnahmen, welche die Baukosten in die Höhe schiessen lassen. Rahmenbedingungen, die für private Investoren oft eine abschreckende Wirkung haben. Dass die meisten der infrage kommenden Abschnitte in den Regionen Zürich und Genfersee zu liegen kommen, wird mit dem hier relativ hohen Mietpreisniveau begründet. So können höhere Baukosten legitimiert werden, heisst es in der Studie.

Die Standorte wurden nach verschiedenen Kriterien beurteilt. So kommen neben Faktoren wie aktueller Bevölkerungsdichte und Leerstandquote auch raumplanerische Faktoren wie die Lage und die städtebauliche Integration zum Zug. Ist rund um die Autobahn bereits Siedlungsraum, stossen neue Wohnungen auf grösseres Interesse, als wenn diese an der Peripherie zu liegen kämen. Die Verfasser leiteten einen Wert ab, der die Attraktivität eines Abschnitts anzeigt.