Erfreut waren sie nicht, die Förderer aus Zürich, als Conrad Gessner 1535 im Alter von 19 Jahren heiratete. Ohne seine Gönner zu fragen, ehelichte er Barbara Singysen. Die Oberen in der Limmatstadt befürchteten, der hochbegabte junge Mann könnte seine Ausbildung vernachlässigen. Wie die Geschichte zeigen sollte, war diese Furcht unbegründet. Der Arzt war Naturforscher und Universalgenie. Er gilt bis heute als einer der berühmtesten und wichtigsten Gelehrten der Schweiz.

Während man über Gessners Leben gut informiert ist, weiss man über seine Gattin kaum etwas. Unfähig, einen Haushalt zu führen, soll sie gewesen sein – und von kränklicher Natur. Auch Gessner war wohl von schwächlicher Konstitution. Abhilfe sollten Badekuren schaffen. Die Badeorte, die Gessner zusammen mit seiner Frau aufsuchte, weckten sein Interesse für die Balneologie, die Bäderkunde.

Obschon damals erste Bäderschriften existierten, war es Gessner, der sich als erster vertieft mit der Untersuchung der Schweizer Heilquellen befasste. So kam es, dass sich der Gelehrte auch mit dem Bad Urdorf auseinandersetzte, wo Zürcher Bürger vom 15. bis zum 18. Jahrhundert zur Kur gingen.

Es befand sich an jener Stelle, wo heute das Geschäftshaus mit dem Restaurant zur Sonne steht. Dieses Gebäude wurde 1526 vom Zürcher Zunftmeister Hans Steiner als Kurhaus und Badhotel erbaut. Zuvor badeten die Gäste vermutlich in einem gewöhnlichen Holzhaus, in dem sich eine Taverne befand. Wo diese stand und seit wann, ist nicht bekannt.

Zwingli gastierte in Urdorf

Laut der Dorfchronik «Urdorf in der Geschichte» von Elisabeth Lüchinger hatte ein geschäftstüchtiger Wirt damit begonnen, seinen Gästen ein Bad anzubieten. Der Andrang zum «kostlichen und lustigen Bade», wie es in der Chronik heisst, war jedenfalls gross. Bei der Abreise reservierten die Gäste ihre Unterkunft oftmals schon fürs nächste Jahr, denn «allda war vill dantzen, trincken und kurtzwyl».

Zu den frühesten und bekanntesten Badegästen gehörte unter anderem der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli. Er erwähnte in einem Brief an Oswald Mykonius seinen Aufenthalt im Bad Urdorf. Wesentlich mehr ist über Heinrich Bullingers Besuche in der Limmattaler Quelle überliefert. Mindestens drei Mal war der Amtsnachfolger Zwinglis in Urdorf zu Gast, etwa 1534 und 1547.

Entdeckt wurde dieser Umstand von Max Kroiss. Der katholische Pfarrer aus Urdorf stiess beim Studium des Briefwechsels von Bullinger auf verschiedene Textstellen, die belegen, dass der Reformator zur Kur in Urdorf weilte. Bei einem Aufenthalt vom 6. Juli bis 3. August 1534 feierte er unter anderem seinen 30. Geburtstag. «Mit dabei waren auch Conrad Pellikan und Johannes Zwick, beide ebenfalls Reformatoren», sagt Kroiss.

Dass sich Bullinger und seine Begleiter zur Kur nach Urdorf begaben, war angesichts der damaligen Umstände wenig verwunderlich. «Die wegen ihrer Bäder beliebte Stadt Baden blieb nach der Reformation katholisch.

Die Zürcher Reformatoren mussten deshalb einen neuen Kurort suchen», so Kroiss. Kam hinzu, dass die Badener die Evangelischen, die bei ihnen erkrankten, zur Beichte und zum Empfang der Hostie angehalten, den Verstorbenen aber ein ehrenvolles Begräbnis versagt hätten, wie es in der Urdorfer Dorfchronik heisst.

Das hatte zur Folge, dass der Zürcher Rat die beliebten Badenfahrten verbot. Viele Zürcher wichen nun nach Urdorf aus und bescherten dem dortigen Bad einen Aufschwung. Von Bullinger ist unter anderem bekannt, dass er mitunter in Begleitung einer zwölfköpfigen Gesellschaft zu baden pflegte. Die Gäste schenkten dem Wirt eine Wappenscheibe, die sich heute im Landesmuseum befindet.

Schwefel, Kupfer und Alaun

Conrad Gessners Untersuchungsergebnisse des Urdorfer Wassers finden sich in einem 1553 in Venedig herausgegebenen Buch über die Bäder Europas. Darin lobt er den prächtigen Bau und die Wirkung des Bades. Max Kroiss hat die betreffende Textstelle vom Latein ins Deutsche übersetzt.

Dort heisst es: «Ich werde hier wenige nennen, die mir gerade in den Sinn kommen, die ich selbst gesehen oder von anderen gehört habe. Deshalb sind es zuerst die Bäder in unserem Zürcher Gebiet, die nach dem Dorf Urdorfer genannt werden, hervorragend gebaut, aus drei Quellen (die in einer feuchten Wiese in geringem Abstand entspringen) wird das Wasser zusammen gesammelt, das neben der Herberge aus einer Röhre der Quelle durch einen hölzernen Schaft herausspritzt: reichlich, sehr kalt und angenehm.

Von diesen drei Quellen, die sich als eine bezeichnen, enthält die eine Schwefel, die andere Alaun und die dritte Kupfer, aber sie enthalten freilich so viel, dass es sehr wenig ist. Diese Bäder helfen bei Fieber, besonders bei dreitägigem, sie vertreiben Steine, sie erfrischen, sie befeuchten und sie verschaffen den abgemagerten Jugendlichen eine gute Konstitution des Körpers.»

Obwohl sich diese Mineralien, aufgrund mangelnder chemischer Kenntnisse und Methoden, nie nachweisen liessen, priesen im Laufe der Jahre die verschiedenen Besitzer mit überschwänglichen Worten ihr Bad. Von Kranken, die auf Sänften ins Limmattal getragen wurden und nach einer Kur das Dorf gesund auf einem Pferd wieder verliessen, ist etwa die Rede.

Eheleute seien wegen Unfruchtbarkeit nach Urdorf gekommen und hätten nach ihrem Besuch von der heilenden Wirkung des Quellwassers berichtet. Das Werben nützte schliesslich wenig. Ende des 17. Jahrhunderts ging das Bad ein. 1702 eröffnete unter dem Namen «Ein neues Bethesda» nochmals ein Bad. Es befand sich an der heutigen Birmensdorferstrasse 149. Ihm war jedoch kein Erfolg beschieden.