Weihnachtsgeschichte
Im Himmel leuchten alle Sterne im selben Licht

An einem Tag im Jahr wird ein tristes Hospiz für Obdachlose mit Wärme erfüllt. Autorin Hélène Vuille hat darüber eine Weihnachtsgeschichte geschrieben.

Hélène Vuille
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Ein Weihnachtsgeschichte aus dem Hospiz für Obdachlose.

Ein Weihnachtsgeschichte aus dem Hospiz für Obdachlose.

ZVG

Es ist immer der Freitag vor dem heiligen Abend – jedes Jahr. Ein ganz besonderer Tag.
Von aussen sieht das Hospiz nicht anders aus. Die abgenutzten kahlen Wände scheinen die traurigen Geschichten der Menschen, die darin leben, mitzutragen. Nur die Umgebung hat sich geändert und nur sie scheint wohl etwas Besseres verdient zu haben.

Die Häuser erinnern nicht mehr an die Zeit der Vergangenheit, wo es an jeder Ecke nach Urin und Erbrochenem gerochen hat. Auch nicht mehr an die Gestalten, die dort an den Hausmauern herum gestanden sind, um ihren Stoff zu verkaufen. Die Häuser mit ihrer verkümmerten Fantasielosigkeit haben sich in moderne Boutiquen und schicke In-Lokale gewandelt – der Lärm von zugedröhnten Menschen scheint von den Mauern geschluckt und die Tagesdealer durch Cüpli trinkende Banker und Manager ersetzt.

Bereits seit Beginn der Weihnachtszeit ist der Advent an den tristen Wänden und Decken im Hospiz angedeutet. Wie viel sie wohl nur über all die Jahre zu erzählen hätten. Sie erscheinen nicht mehr so trübe und vergilbt durch die Zeit und die abgeblätterte und übereinander aufgetragene Farbe, die am Tag nur durch das einsame Fenster der Eingangstüre und am Abend durch das kalte Licht einer Neonröhre beleuchtet ist. Selbst die Ritzen in den kalten Wänden und auch das Geländer der Treppe sind geschmückt. Jedes Jahr bekommen sie ein neues Kleid. In manchen Jahren ist der Advent nur symbolisch angedeutet und die an den Wänden hängenden und bunt bemalten aneinander geschnürten Konservenbüchsen geben sich Mühe, an die weihnachtliche Zeit und nicht an deren Inhalt zu erinnern.

23. Dezember 2016

Nicht nur die Stimmung ist heute weihnachtlich. Die zusammengeschobenen Tische sind mit weissen Tischdecken und passenden Servietten hergerichtet und überall verstreut liegen winzig kleine blaue Sterne und goldene Engelchen. Es duftet verführerisch nach gebackenen Zimtsternen, Mailänderli, Änisbrötchen und Tannennadeln und der liebevoll geschmückte Christbaum hat in seiner für ihn reservierten Ecke Platz genommen. Schon früh am Morgen steht Margrit mit ihren Helferinnen in der offenen Küche, um das Weihnachtsessen und das grosse Dessertbuffet vorzubereiten.

Alle sitzen wir da, um der Weihnachtsgeschichte, die Romeo vorliest, zuzuhören, und alle geniessen wir das vorzügliche Essen und den Wein, den es nur an diesem einen Abend im Jahr gibt. Wärme und Essen gehören zu den höchsten Werten und das kleine Geschenk, welches jeder bekommt, ist ein besonderer Luxus. Zwei Studenten spielen «Oh Du Fröhliche». Während sich Lorenzo mit einem angebrochenen Glas Wein in eine Ecke verzieht, um dem weihnachtlichen Geschehen aus der Distanz zuzusehen, brummelt Beny stirnrunzelnd und kopfschüttelnd: «Fröhlich und selig und gnadenvoll ist höchstens das Dessert gerade – den Rest kannst du singen.» «Beny, unser Urgestein und wie wir ihn alle kennen», lächelt Christoph, der neben mir sitzt.

Viele Jahre hat Christoph im Hospiz gelebt und jedes Jahr am Freitag vor Weihnachten kommt er zu Besuch. «Es ist immer dieser eine Freitagabend im Jahr, der mir heilig ist» sagt er – «der, welcher für mich und in meinem Leben die Symbolik der Wiedergeburt hat und mir gleichzeitig meine eigene Sinnhaftigkeit des Lebens zeigt. Alle die wir hier sitzen, haben ihr Leben nicht selbst entworfen und das, was übrig geblieben ist, muss reichen, um zu überleben.

Hélène Vuille Die Birmensdorferin Hélène Vuille setzt sich seit bald 20 Jahren gegen die Lebensmittelverschwendung und für obdachlose Menschen ein. 2013 wurde sie dafür von den Leserinnen und Lesern dieser Zeitung zur «Limmattalerin des Jahres» gekürt – mit einem seither unerreichten Stimmenrekord. Die Weihnachtsgeschichte, die Hélène Vuille für die Limmattaler Zeitung geschrieben hat, ist von den Weihnachtsfeiern in jenem Obdachlosenhospiz in der Stadt Zürich inspiriert, für das sie sich seit Jahren engagiert.

Hélène Vuille Die Birmensdorferin Hélène Vuille setzt sich seit bald 20 Jahren gegen die Lebensmittelverschwendung und für obdachlose Menschen ein. 2013 wurde sie dafür von den Leserinnen und Lesern dieser Zeitung zur «Limmattalerin des Jahres» gekürt – mit einem seither unerreichten Stimmenrekord. Die Weihnachtsgeschichte, die Hélène Vuille für die Limmattaler Zeitung geschrieben hat, ist von den Weihnachtsfeiern in jenem Obdachlosenhospiz in der Stadt Zürich inspiriert, für das sie sich seit Jahren engagiert.

ZVG

Wir erfüllen keine autoritär gesteuerten Normen – auch keine gesellschaftlichen und hierarchischen Strukturen. Respekt, Menschenwürde, Solidarität und Humanismus scheint gerade deshalb vielen Menschen abhanden gekommen zu sein. Das jedoch, was vielleicht andere als soziales Unglück mit Ekel betrachten und dich damit erniedrigen und stempeln, bietet dir selbst die Chance, dich auf dein Inneres zu konzentrieren. Ich möchte nicht in einer verkümmerten Hoffnungslosigkeit angesehen werden und bin froh, den Austritt aus dieser Gesellschaft genommen zu haben.»

«Wir begegnen uns alle da, wo wir herkommen und niemand braucht sich zu erklären», sagt Thomas, der uns zuhört. «Man spürt die Ehrlichkeit eines jeden Einzelnen hier», meint Beny, nicht mehr brummelnd, «weil es Vergeudung ist, anders zu sein, und weil das Leben uns gelehrt hat, das anzunehmen, was ist, und über das, was darüber steht oder bleibt, können wir uns freuen.» «Wir leben eine Wahrhaftigkeit, die nicht nach aussen gerichtet ist», sagt wiederum Thomas.

Alle schauen wir auf die zwei Kerzen, die Maurice, der Heimleiter, am Christbaum angezündet hat. Die Stühle von Luki und Zeno bleiben leer und die beiden Kerzen am Christbaum leuchten für sie. Ich denke an Luki – daran, wie er sich über ein warmes Essen freuen konnte und immer zufrieden war – auch, wie er sagte: « Ersch wänd nüd häsch, lernsch teile.»
Ich erinnere mich an das vergangene Weihnachtsfest und wie Zeno sich über seine neue warme Fleecejacke und die passende Mütze in seiner Lieblingsfarbe freute – auch, wie er mich fragte, ob es für ihn wohl das letzte Weihnachtsfest sei.

Ich denke an seine Beerdigung drei Monate später – an das Loch des Gemeinschaftsgrabes, die Urne und das kleine Schutzengelchen daneben – und ich erinnere mich, wie sehr sich Zeno vor Jahren gefreut hatte, als ich es ihm zu Weihnachten schenkte – an den Ort auch, wo es in Zenos Zimmer stand und wie es nun zu seiner Beerdigung den Platz gewechselt hatte.

Ich erinnere mich an die kleine Gruppe, die um das Loch im Boden stand – an Christoph, der rote Rosen mitbrachte und nur in einem dünnen Hemd da war, weil er sich trotz der winterlichen Kälte nicht getraut hatte, seine einzige warme, aber rote Fleecejacke zur Beerdigung anzuziehen.

Ich denke an Beny – wie traurig er auf das Loch starrte, um immer und immer wieder zu sagen: «Chasch nüd mache – eifach nüd.» An Thomas auch, der vorschlug, das «Vater unser» und das «Gegrüsst seist Du Maria» für Zeno zu beten, und wie er zur Urne sagte: «Tschau Zeno – jetzt habe ich niemanden mehr. Nicht mal zum Streiten.»

Ich denke an Zenos unendlich traurige Geschichte zurück – was es für ihn bedeutet haben muss, nicht mehr nach Hause zu dürfen und bereits als vierzehnjähriges Kindin Zürich auf der Strasse zu leben – auch, wie er sich in seiner kindlichen Naivität und Hoffnung auf ein besseres Leben hatte verleiten lassen mitzugehen, um von Männern – meist aus der sogenannt besten Gesellschaft – mit K.-o.-Tropfen und Drogen gefügig gemacht und missbraucht zu werden.

Nur im Himmel gibt es keine Hierarchien, denke ich – auch keine aneinandergereihten Löcher im Boden oder Staatsbegräbnisse. Und nur im Himmel leuchten alle Sterne im selben Licht.