Uitikon
Im Haus des Künstlerduos sind sogar die Tomaten weiss

Das Uitiker Künstlerduo Isabella von Seckendorff und Johanna Henggeler lädt in sein Art-Museum. Dieses dient ihnen als Wohnhaus, Werkstatt und Ausstellungsort.

Alex Rudolf
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Mit viel Liebe fürs Detail ist das Art-Museum in Uitikon eingerichtet
12 Bilder
Das Mutter-Tochter-Künstlerpaar
Künstlerduo Weisse Damen
Eines der immer wiederkehrenden Motive sind Äpfel
Anfang der 1990er Jahre zerstörten die Künstlerinnen ihre bisherigen Werke und fokussierten sich auf die Farbe Weiss
Blick auf das erste Obergeschoss
Art-Museum in Uitikon
Verfestigter Sand ist ein der Hauptutensilien, mit dem die Künstlerinnen arbeiten
Die Wendeltreppe verbindet alle vier Etagen
Weisse Rosen und verhärtete Männerhemden (Halbrondessls auf dem Boden) sind ebenfalls wichtige Sujets
Üppig dekoriert präsentiert sich das Gästezimmer
Eine exklusive Schlafgelegenheit in Uitikon

Mit viel Liebe fürs Detail ist das Art-Museum in Uitikon eingerichtet

Sandra Ardizzone

Mit ihren hochhackigen Schuhen besteigt Isabella von Seckendorff (63) die weisse Wendeltreppe. Diese ist das Rückgrat und verbindet sämtliche der vier Etagen des Hauses im beschaulichen Uitiker Quartier Ringlikon. Lebhaft berichtet die zierliche Frau von den umfangreichen, selbst ausgeführten Renovationsarbeiten, etwa der Isolierung des Dachstocks, und von der Bedeutung der zahlreichen kleinen und grossen Kunstwerke, die sich in beinahe jeder Ecke des Art-Museums finden lassen. Währenddessen wartet ihre Mutter und die zweite Hälfte des Künstlerduos, Johanna Henggeler, am mit verhärteten Männerhemden dekorierten Tisch im Eingangsbereich und ergänzt die Erzählungen ihrer Tochter bei Bedarf. Seit rund 50 Jahren arbeiten von Seckendorff und Henggeler zusammen und präsentieren mit «Vier Hände – ein Werk» einen Überblick über ihr bisheriges künstlerisches Schaffen (siehe Kontext).

Vornehmlich Arbeiten aus den 1990er- sowie den Nullerjahren sind im Art-Museum ausgestellt. Es ist jedoch fraglich, ob der von einem ehemaligen Uitiker Gemeinderat gegebene Name «Art-Museum» eine treffende Bezeichnung ist. Denn nebst dem, dass Kunst ausgestellt wird, leben und werken die beiden Frauen hier, veranstalten gar Events. Dieser Nutzungsmix ist bereits auf den ersten Blick ersichtlich, da die herkömmliche Aufteilung in Schlaf-, Wohn- und Esszimmer nicht feststellbar ist. «Mit der Aufgabe unserer Privatsphäre leben wir bereits eine Wohnform, die namhafte Architekten als das Modell der Zukunft bezeichnen», sagt von Seckendorff. Dies klingt radikal und passt zum Schaffen der beiden, das von grosser Radikalität geprägt ist.

Zerstörung aller Werke

Prominentestes Beispiel für dieses radikale Denken ist wohl die Zerstörung aller ihrer Werke aus den 1970er- und 80er-Jahren. «Für uns war dies ein künstlerischer Neubeginn», sagt Henggler. Und welch ein drastischer: Ab 1991 begann für die beiden Frauen ein Leben in Weiss. Nebst Einrichtung, Kleidung und Kunst war während der ersten beiden Jahre auch sämtliche Nahrung in der hellsten aller Farben gehalten. «Es ist erstaunlich, wie viele Nahrungsmittel, die uns wohlbekannt sind, es auch in Weiss gibt», sagt von Seckendorff. Von Erdbeeren über Tomaten bis hin zu Auberginen. Wünsche seien keine offengeblieben.
Nebst dem Wandel hin zu Weiss wandten sich die beiden Frauen auch von der Öffentlichkeit ab. Kein Radio, kein Fernsehen, das Telefon wurde nicht beantwortet. Geblieben sei nur der Kontakt zu den Nachbarskindern, die an manchen freien Nachmittagen ins Haus kamen, um zu spielen. Dass die Zerstörung und der Neubeginn ein Akt der Verzweiflung war, glaubt von Seckendorff nicht. «Es war ein Befreiungsschlag.»

Einen Neustart von einer teils düsteren Periode. In den 1970er- und frühen 80er-Jahren war Henggeler tonangebend. Themen wie Elend, Hunger und Tod thematisierten die beiden anhand von lebensgrossen Textilpuppen mit alienartigem Aussehen. Henggeler spricht nicht gerne über diese Zeit, sagt nur, dass die Arbeiten von ihren Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs und ihrer Scheidung geprägt gewesen seien.

Zu Beginn der weissen Phase stellten die zwei Künstlerinnen nicht mehr aus, hatten keine Einkünfte. «Wir mussten schmal durch und lebten von rund 300 Franken Haushaltsbudget monatlich», erinnert sich von Seckendorff. Das Haus war anfänglich vollkommen leer: «Die Nachbarn dachten schon, wir wären pleite», so Henggeler.

Der Fiat-Lux-Verdacht

Dem Weissen haben die beiden bis heute die Treue gehalten. Von Seckendorff trägt ein Turbanstirnband und über dem Spitzenkleid einen goldenen Gürtel. Die Nägel leuchten rot. Henggeler trägt neben einem weissen, mit selbst gemachten Applikationen verzierten Mantel ein glänzendes Collier. Dass die beiden farbliche Akzente in Rot, Gold oder Braun setzten, war nicht immer so. «Vom einen Tag auf den anderen – es muss in den frühen Nullerjahren gewesen sein – wurden wir von den Menschen auf der Strasse angestarrt, als ob wir Ausserirdische wären», erinnert sich von Seckendorff. Später seien sie dann öfters gefragt worden, ob sie Mitglieder der Sekte Fiat Lux seien, deren Anhänger unter der Führung von Uriella sich ebenfalls weiss zu kleiden pflegen. «Wir waren schockiert», sagt von Seckendorff. Seit die beiden jedoch farbliche Akzente setzen würden, gebe es kaum noch solche Verwechslungen.

Nächtigen im Museum

Alle Räume des Art-Museums sind mit den Werken der beiden gefüllt, trotzdem wirken sie luftig. Herz ist das Erdgeschoss, das an einen chinesischen Tempelgarten erinnert. Bodenplatten werden gesäumt von weissen Marmorkieselsteinen, zimmerhohe Paravents, denen die Künstlerinnen mit Sand eine Struktur verliehen, trennen den Raum flexibel ab.

Überall im Haus finden sich Rosen- und Apfel-Sujets in verschiedenen Variationen. «Nach einer fernöstlichen Sage sei die Frau in einer weissen Rose auf die Erde geglitten. Dies ist ein unheimlich schönes Bild», sagt Henggeler. Dass Symbole der Weiblichkeit so prominent in ihren Werken vorkommen würden, stelle sie öfters unter den Verdacht, Männerhasserinnen zu sein: «Dabei ist das Gegenteil der Fall», sagt von Seckendorff energisch: «Mit den Männerhemden im ganzen Haus zeigen wir, dass dies nicht so ist.» Männerhemden gibt es im Art-Museum in der Tat so einige. Sie sind ein weiteres Hauptmotiv. Besonders im Estrichgeschoss sind die mit einem Sandgemisch verfestigten Hemden am Fussboden zu Halbkreisen drapiert. Erhalten haben sie die Künstlerinnen von Freunden und Bekannten.

Die markanteste Neuerung im Haus stellten die beiden erst im vergangenen März fertig. Es handelt sich um ein Gästezimmer im Untergeschoss. «Wir wollten einen künstlerischen Raum schaffen, wo alles bis aufs letzte Detail perfekt ist», sagt von Seckendorff. Die Wände sind mit Fotografien von Installationen der beiden Frauen ausgestattet, Tischtuch und Servietten ebenso fein säuberlich drapiert wie das Spitzenbettlaken. Noch hat hier niemand die Nacht zugebracht, wer jedoch in diesen Genuss kommen soll, ist noch offen. «Wir handhaben das gleich wie bei den Museumsbesuchern», sagt von Seckendorff. «Wir hören auf unsere Intuition.» Es sei mehrmals zu Diebstählen gekommen bei früheren Besichtigungen, daher lasse man heute nicht mehr alle Interessierten in das Museum.

Das Art-Museum an der Husacherstrasse kann auf Anmeldung unter info@art-museum.ch besucht werden. Vielleicht.

Im Gesamtwerk präsentieren Mutter und Tochter auf 128 Seiten ihr künstlerisches Schaffen der vergangenen 50 Jahre.

Im Gesamtwerk präsentieren Mutter und Tochter auf 128 Seiten ihr künstlerisches Schaffen der vergangenen 50 Jahre.

Zur Verfügung gestellt

Weiss ersetzt Erinnerungen an den Krieg

In «Vier Hände – ein Werk» zeigen Isabella von Seckendorff und Johanna Henggeler, was sie in den vergangenen 40 Jahren gemeinsam erschaffen haben.

Dabei ist ein Grossteil der Werke, die vor dem Herbst 1991 entstanden, nicht mehr vorhanden. Die beiden Frauen zerstörten die Grafit-Zeichnungen und lebensgrossen Textilpuppen wie auch einen Grossteil der Aquarell-Blumenbilder und Stoffdrucke sowie Wandteppiche. Vereinzelt blieben jedoch Stücke aus dieser Zeit übrig, die den Weg ins Buch gefunden haben – gegen den Willen von Henggeler. «In dieser dunklen Periode arbeitete ich den Krieg wie auch die Scheidung von meinem Mann auf. Die daraus resultierten Arbeiten sind nicht mehr aktuell», sagt sie. Doch der prominente Fotograf René Groebli – in Zusammenarbeit mit ihm entstand das Buch – habe stets erfolgreiche Überzeugungsarbeit geleistet.

Im 128 Seiten umfassenden Werk mit 170 Farb- und Schwarz-Weiss-Fotografien steht die weisse Phase der Künstlerinnen im Zentrum. Diverse Installationen, Skulpturen, aber auch die Umgestaltung von Einrichtungsgegenständen wie Stühlen oder Tischen sowie Kleidern sind im Buch dokumentiert. Die im Buch enthaltenen Texte stammen grösstenteils aus der Feder von verschiedenen Gastautoren.

Während der vier Jahrzehnte zeigte das Künstlerduo seine Werke an 55 Gruppen- und Einzelausstellungen. Sechs davon im Kunsthaus Zürich, jeweils eine im Helmhaus, dem Museum für Gestaltung und im Wiener Kongresshaus. Mit der Verwandlung des eigenen Wohnhauses habe die Teilnahme an Ausstellungen jedoch aufgehört, zuletzt stellten die beiden im Jahr 1998 im Kunstverein Konstanz aus.
Die heute 92-jährige Henggeler wurde in Schaffhausen geboren und ist ausgebildete Ballett- und Ausdruckstänzerin. Zudem studierte sie bildende Kunst.

Von Seckendorff ist 63-jährig und studierte in Zürich, München und Peking Kunstgeschichte, Sinologie und Ethnologie. Seit dem Jahr 1968 wohnen die beiden in Uitikon.

Die Buchvernissage von «Vier Hände – ein Werk» findet am 12. Juli um 19.30 Uhr in der Uitiker Gemeindebibliothek statt. Auf der Website www.art-museum.ch kann das Werk für 45 Franken bestellt werden.